Kultur : Von allen allein gelassen

Der Tyrannenmord der konservativen Opposition scheiterte am Verrat. Zum 20. Juli 1944

Peter Steinbach

Nachdem sich in der Lagebaracke der Wolfschanze der Rauch verzogen hatte, waren die Folgen verheerend. Vier Menschen waren tot und fast zwanzig verletzt. Hitler selbst wurde am 20. Juli 1944 nur leicht verletzt. Warum war das Attentat gescheitert? Nicht wegen der Unfähigkeit der Attentäter. Sondern, weil hohe Offiziere vor allem in den Abendstunden des 20. Juli 1944 ihre angebliche moralische Verpflichtung zum eidgemäßen soldatischen Gehorsam entdeckten und ihre Kameraden, die alles auf eine Karte gesetzt hatten, im Stich ließen. Stauffenberg musste erkennen, dass sie von „allen allein gelassen“ waren.

Wer verstehen will, was die Männer des 20. Juli riskierten und welche Leistung sie vollbrachten, muss begreifen, wie sie vorgingen, aber auch: wie sie geprägt wurden. Sie hatten die Energie, Gleichgesinnte zu suchen und griffen dabei auf Freundschaften, Familienzugehörigkeit, Kameradschaft zurück. Zugleich hatten sie den Willen zu einem offenen Blick auf die Wirklichkeit, der sie zunächst oft erlegen waren, so weit, dass sie im Unterschied zu den „geborenen Gegnern“ aus der Arbeiterbewegung oftmals Positionen überwinden mussten, die sie durchaus mit den Nationalsozialisten geteilt hatten. Sie waren in der Lage, sich zu entscheiden, überwanden also das lähmende Karrieredenken. Und sie bewahrten sich eine Fähigkeit zur Empörung über die Wirklichkeit. Aus der Einsicht in die Folgen eines weiter ungehinderten Fortgangs der politischen Dinge erwuchs die Bereitschaft zu handeln.

Einmal entschieden, verfolgten sie ihr Ziel konsequent und verstanden es sogar noch nach dem Scheitern des Umsturzversuches, dem Regime vor Gericht standzuhalten, indem sie es als das charakterisierten, was zu verachten war. Bei der Distanzierung vom Regime halfen ihnen höchst unterschiedliche Erfahrungen. Manche orientierten sich an Vorstellungen von kleinen Gemeinschaften, die Grundlage eines politischen Neuaufbaus sein sollten, andere bekannten sich zur besonderen Verantwortung des Staates für die Entstehung einer sittlichen Ordnung. Manche beriefen sich auf das Christentum, auf die Maximen des Rechtsstaates oder auf den kategorischen Imperativ, wie ihn Fichte geformt hatte: „Und handeln sollst du so, als hinge von dir und deinem Tun allein das Schicksal ab der deutschen Dinge, und die Verantwortung wäre dein.“ Entscheidend war nicht, an welchen Traditionen sie sich orientierten, sondern dass sie sich von den Sogströmungen der Zeit distanzierten.

Die Durchführung selbst ließ nicht viele Möglichkeiten. Denn die Attentäter hatten unter den Bedingungen der Diktatur, in der sie keinen Zugang zur Öffentlichkeit hatten und sich streng an die Regeln aktiver Konspiration halten mussten, nur eine Möglichkeit zur Vorbereitung des Umsturzes. Sie mussten unauffällige Wege zum Diktator finden. Ein kalkulierbarer Anschlag konnte nur dort erfolgen, wo Hitler mit größter Sicherheit zum Ziel werden konnte. Der Anschlag selbst sollte nur der Beginn des Umsturzes sein und eine Situation schaffen, in der ein zweiter Mechanismus greifen konnte, der während des Krieges unter dem Stichwort „Walküre“ entwickelt worden war und von inneren Unruhen ausging. Aus dem „Staatsstreich“ sollte in kurzer Zeit ein „Umbruch“ werden. Diese Pläne setzten auf Stauffenberg als zentrale Figur. Als Chef des Stabes beim Befehlshaber des Ersatzheeres hatte er Zugang zur Lagebesprechung im Führerhauptquartier und damit zum Diktator selbst. Diese Schlüsselstellung hatte er genutzt, um das Vertrauen der Sicherheitskräfte zu gewinnen. Doch seine Bereitschaft zum Attentäter zu werden, war zugleich ein Risiko. Denn Stauffenberg musste an zwei Orten gleichzeitig sein: zunächst in Rastenburg, eigentlich aber schon Minuten später in Berlin, wo entscheidende Weichen gestellt werden mussten.

Das Allgemeine Heeresamt, das sich im Berliner Bendlerblock (in der heutigen Stauffenbergstraße) befand, war nicht nur Planungszentrale. Von hier aus sollte der rasche Zugriff der Verschwörer auf die Verbände im Reichsgebiet und insbesondere im Umland von Berlin erfolgen. Der Wechsel Stauffenbergs in die Funktion des Stabschefs beim Befehlshaber des Ersatzheeres verbesserte die Chancen der Operation „Walküre“. Die Verschwörer im Bendlerblock hatten einige Räume weiter einen Vertrauten auf dem früheren Posten des Stabschefs im Allgemeinen Heeresamt. Mit ihm war im weiteren Verlauf des Umsturzes eine geradezu symbiotische Verständigung möglich: Albrecht Ritter Mertz von Quirnheim.

Alles hing jedoch nach der Stunde X von der Möglichkeit ab, klare und unbedingte Befehle aus der Zentrale des Befehlshabers des Ersatzheeres zu geben, zentrale Parteistellen auszuschalten und Zugang zur Öffentlichkeit zu schaffen. Hitlers Tod wurde von den Attentätern allerdings vorausgesetzt. Das Führerhauptquartier in Ostpreußen musste militärisch isoliert und von der Kommunikation abgeschnitten werden. Man benötigte die Kontrolle über das Fernmeldewesen zumindest in Rastenburg. Der Schwerpunkt des Umsturzes sollte nach dem Anschlag in Berlin liegen. Man brauchte also Kontakt zu den Befehlshabern der Polizei: Graf Helldorf, der Berliner Polizeipräsident, Arthur Nebe, der Leiter der Abteilung V des Reichssicherheitshauptamtes, also des Reichskriminalpolizeiamtes, waren entscheidend. In Berlin befanden sich die wichtigsten Rundfunkeinrichtungen, das Reichspropagandaministerium und das Haus des Rundfunks. Die Verfügung über den Rundfunk war umso wichtiger, als die Verschwörer auf die Aufklärung der deutschen Öffentlichkeit setzten.

Weiterhin musste möglichst rasch eine schlagkräftige neue Befehlsstruktur geschaffen, eine handlungsfähige Regierung und neue militärische Führung eingesetzt werden. Dies setzte voraus, dass sofort nach dem Umsturz erfahrene Persönlichkeiten zur Verfügung standen, denen die Öffentlichkeit vertraute. Gemeinsames Handeln setzte überdies Klarheit in den politischen Zielen, Akzeptanz in der Bevölkerung und eine Verbindung zu den politischen Kräften der Weimarer Republik voraus, die seit 1933 von jeder politischen Wirksamkeit ausgeschlossen waren und dennoch die Grundlage für eine neue Massenbewegung schaffen sollten. Sie erst hätten aus dem Widerstand ohne Volk einen breite Auflehnung gegen die NS-Führung gemacht.

Dabei war nicht nur an die Verhältnisse in der Hauptstadt, sondern im gesamten Reich zu denken. Politische Beauftragte für die Konsolidierung des Umsturzes mussten in den Wehrkreisen gefunden und in der Stunde X eingesetzt werden. Der Umsturz sollte nicht Politik ersetzen, sondern ermöglichen. Auch in den Schlüsselministerien brauchte man Vertraute und Helfer, ebenso in den einzelnen „Gauen“. Entscheidend für den tatsächlichen Erfolg, den Krieg rasch zu beenden und auf diese Weise den „Bestand des Reiches“ zu sichern, war schließlich die Reaktion der Gegnermächte.

Auch Gegenaktionen von höchster Ebene war entschieden entgegenzutreten: bestimmt und doch Vertrauen erweckend. Die offene Frage war aber weniger der Ablauf der Operationen in Stadt und Umland, sondern die Sicherung einer tragfähigen politischen Basis.

Aus allem wird deutlich: Mit dem Umsturz, der sich auf die Pläne der „Operation Walküre“ stützte und durch das Attentat nur die Voraussetzung für die Auslösung dieser Gegenaktion schaffen wollte, wurde keineswegs eine dilettantisch vorbereitete Umsturzaktion in Szene gesetzt. Alle Beteiligten wussten, was sie riskierten. Es gab für sie keine Alternative, vor allem aber kein Zurück mehr. Sie hatten nicht nur auf den Gehorsam der nicht Eingeweihten, sondern auch auf das Vertrauen ausgewählter Kameraden und Vorgesetzter gesetzt. Deshalb fühlten sich die Umstürzler in den Abendstunden, als ihr Scheitern nicht mehr zu leugnen war, von den eigenen Leuten so hoffnungslos verraten.

Die Geschichte des Anschlags und der „Operation Walküre“ beruht auf vielen parallelen Aktivitäten, die den Anschlag zum Staatsstreich und letztlich dem erhofften Umsturz gemacht hätten. Für die Verschwörer beginnt ein verzweifelter Wettlauf gegen die Zeit. Eine dramatische Wende tritt zu diesem Zeitpunkt auf dem inzwischen von der Panzer-Ersatzbrigade besetzten Fehrbelliner Platz in Wilmersdorf ein. Der Panzergeneral Thomale ordnete die gewaltsame Niederschlagung des Putsches an. Berlin drohen bürgerkriegsartige Auseinandersetzungen zwischen militärischen Verbänden. Denn obwohl Stauffenberg seit zehn Uhr abends erkennen muss, dass der Umsturzversuch fehlgeschlagen ist, ergaben sich die Verschwörer noch nicht. Die letzten Fernschreiben des Tages tragen die Unterschrift von Fromm: „Putschversuch blutig niedergeschlagen“.

Hier waren keine Dilettanten am Werk. Unter den Bedingungen des NS-Staates handelte es sich vielmehr um eine sehr erfolgversprechende und realistische Vorbereitung eines Umsturzes. Besser konnte man nicht planen. Den 20. Juli muss man anerkennen als eine verantwortliche Tat freier Männer. Ihr Umsturz scheiterte unmittelbar am Versagen der hohen Offiziere, die sich im entscheidenden Moment gegen die Attentäter stellten, auch an der Konsequenz, mit der die Nationalsozialisten sich an der Macht halten wollten. Nicht zuletzt aber an der Folgebereitschaft vieler, die bis zum 8. Mai zur der Fahne standen, die das Hakenkreuz trug.

Der Autor ist Professor für Neuere Geschichte an der Universität Karlsruhe und Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin.

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