Kultur : Von Chancen und Risiken einer neuen Weltordnung

Andreas Schworck

Um es vorweg zu nehmen: Das Buch ist brillant. Vielleicht hat das mit dem Umstand zu tun, dass im vorliegenden Fall eben einmal nicht ein Wirtschaftsexperte zum Stift gegriffen hat, sondern vielmehr ein Journalist. Er hat für seine Reportagen schon zweimal den renommierten Pulitzer-Preis erhalten, ist also nicht mit Milton Friedman zu verwechseln, dem amerikanischen "Papst" der ökonomischen Angebotstheorie.

Furcht vor der Globalisierung

Der vielzitierte Begriff "Globalisierung" gehört heute im öffentlichen Sprachgebrauch zu den Meta-Wörtern der 90er Jahre, die zwar in fast aller Munde sind, über deren inhaltliche Bedeutung hingegen nur selten Einigkeit herrscht. Globalisierung - das ist für viele Bürger beinahe so etwas wie die Pest im Mittelalter: Beide sind unsichtbar, aber doch existieren sie, beide empfindet man als gefährlich und fürchtet sich davor. Der Begriff bedeutet für viele zu allererst weltweite Konkurrenz, das Wirken unheimlicher und unsichtbarer Kräfte - und womöglich drohender Arbeitsplatzverlust, weil jemand in Taiwan oder Indien ein bestimmtes Bauteil 25 Prozent billiger herstellen kann als die heimische Fabrik, in der man vielleicht selbst beschäftigt ist. Insofern besteht also noch immer erheblicher Aufklärungsbedarf darüber, was Globalisierung jenseits der Assoziation weltweiter Konkurrenz eigentlich bedeutet.

Im ersten Teil seines Buches erläutert Friedman deshalb die komplexen Funktions- und Wirkungsweisen dieser neuen Weltordnung. Dass ihm dies so gut gelingt, hat mit seinem anschaulichen und mitunter sehr persönlichen Erzählstil. Indem er die sonst oft so trocken daherkommende ökonomische Theorie vor allem im zweiten Teil des Buches mit seinen eigenen alltäglichen Globalisierungs-Erlebnissen verknüpft, gelingt ihm eine erzählerische Anschaulichkeit, die auf dem deutschen Buchmarkt bislang ohne Beispiel ist. Vor allem deshalb, weil dies an keiner Stelle des Buches zu Lasten der Seriosität geht. Der Autor vereinfacht nichts und lässt nichts Wichtiges weg. Als roter Faden dieses Kapitels dient ihm vielmehr die Ausgangsfrage, wie Nationalstaaten, Gemeinschaften und Individuen sich dieser neuen historischen Herausforderung stellen.

Widerstand gegen die Globalisierung

Spannend liest sich auch das dritte Kapitel des Buches, das sich mit den verschiedenen Facetten des Widerstandes gegen die Globalisierung beschäftigt. Friedman macht eindrucksvoll deutlich, dass es für ihn letztlich nur eine Frage der Zeit ist, bis diese zumeist fundamentalistischen Gegenströmungen wieder in sich zusammenfallen werden. Denn gegen die Globalisierung sei kein Widerstand möglich, allenfalls eigene sozio-kulturelle Adaptionen hält er für wahrscheinlich. Man mag Friedman aus heutiger Sicht auch kaum noch widersprechen, wenn es bei ihm zum Beispiel heißt: Bei allem Respekt vor den Revolutionstheoretikern, die "Verdammten dieser Erde" wollen nach Disneyworld - nicht mehr auf die Barrikaden. In Seattle allerdings kam es vor wenigen Tagen zu gewalttätigen Protesten gegen die WTO - eine Organisation, deren Ziel der freie Handel ist.

Motor der Globalisierung

Der vierte Teil befasst sich mit der besonderen Rolle, die die USA bei der Stabilisierung und Ausbreitung dieses neuen internationalen Systems spielen (müssen). Sein Fazit hier: Amerika kann gar nicht anders als Motor, aber letztlich in gewisser Hinsicht eben auch Opfer dieser Entwicklung zu sein. Globalisierung, so ließe sich die zentrale These Friedmans wohl am besten zusammenfassen, ist stets beides: Chance und Risiko zugleich. Wer diesen Widerspruch und den radikalen Wandel der letzten Jahre begreifen will, wird mit diesem solide recherchierten und darüberhinaus höchst spannenden Buch mehr als nur gut bedient sein.Thomas L. Friedman: Globalisierung verstehen: Zwischen Marktplatz und Weltmarkt. Ullstein, Berlin 1999. 462 Seiten. 38 DM.

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