Kultur : Von Dämonen umschlungen

ULRIKE BAUREITHEL

Am Dienstagabend wurde jener Dom, den die Berliner, mangels eines Taufnamens, von jeher den deutschen nannten, gefüllt vom einigenden Text aller Texte der Deutschen, in dem sich gleichsam ihr Drama vollzieht: Faust.Dem "Konjunkturritter der deutschen Gefühle" folgte der berühmte Mephisto-Darsteller Peter Fitz in einer durchschaubaren Text-Collage.Die Linie von Philemon und Baucis über Heines Gegenentwurf und die Vormerkungen zum "Tornisterfaust" bis hin zum "Dr.Faustus" Thomas Manns überzeugte qua Konstruktion von dem, was der Potsdamer Germanist Willi Jasper in seinem präsentierten Buch "Faust und die Deutschen" (Rowohlt Berlin-Verlag) plakativ behauptet: Daß mit Goethes Faust jene verhängnisvolle Tradition beginnt, die den produktiven freischwebenden Intellektuellen aus den Studierstuben austrieb und die bis heute wirksame und verführerische Allianz von Geist und Macht installierte.

In der Tat hat sich die spezifisch deutsche Antithese von Kultur und Zivilisation im ersten Drittel des 19.Jahrhunderts ausgebildet.Mit Faust, so Jasper, wurde der "Gegenintellektuelle" schlechthin auf die historische Bühne gehoben, der sich von der Macht stets gegen ihre Kritiker instrumentalisieren ließ.Im 19.Jahrhundert trug der gebildete Antiintellektualismus die "deutschen Mandarine" empor, im frühen 20.kultivierten die rechtsintellektuellen Vordenker "das Faustische" für die Nationalsozialisten, bis die DDR-Rezeption schließlich mit "Faust III" die Figur als Bollwerk gegen die "bürgerliche Dekadenz" aufs Schild hob.

Im Fall jenes bekannt gewordenen Aachener Germanisten, der als SS-Offizier Hans Ernst Schneider die NS-Germanistik bediente und nach 1945 zum liberalen Hochschullehrer Hans Schwerte mutierte, sieht Jasper den Prototyp des reuelosen Faust, dessen "strebendes Bemühen" ihn wiederholt in den "Vorhof der Macht" transportierte.Seine akademischen Meriten verdiente sich Schwerte ausgerechnet mit einer Studie über "Faust und das Faustische", die nicht etwa das Umdenken des Germanisten skandiere, sondern jene spezifische Verdrängung, die auch Faust seine Schuld vergessen läßt.Die gelegentlich holzschnittartigen Verdikte des Autors Jasper wußte der Moderator des Abends, der Feuilleton-Chef der Süddeutschen Zeitung, Johannes Willms, anekdotisch belesen zu mildern, der auch eine aktuelle Wiederauferstehung des "faustischen Lebensgefühls" in Deutschland nicht einräumen mochte.Zum Schluß war es das Publikum, das dem alten Goethe zumindest teilweise die Last der "deutschen Misere" von den Schultern nahm.Am Ende, so will es jedenfalls Thomas Mann, fährt Faust mit seinem Vaterland, "von Dämonen umschlungen, hinab von Verzweiflung zu Verzweiflung".Ob aus des "Schlundes Grund" ein - Widerspruch in sich! - "deutscher Intellektueller" auferstehen wird, der ohne "satanischen Männerbund" auskommt, bleibt fraglich.

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