Kultur : Von den Killing Fields zum Sonnenkaiser

Die roten Khmer und mehr: Das Leipziger Dokumentarfilmfest setzt auf Recherche und Rekonstruktion

Silvia Hallensleben

Die unendliche Geschichte der Leipziger Olympia-Bewerbung ist gerade mit viel Tamtam in die nächste Runde gegangen. Die Querelen um die Nachfolge des aus Altersgründen ausscheidenden Direktors des dortigen Festivals für Dokumentar- und Animationsfilm sind dagegen kaum über die Stadtgrenzen hinaus bekannt geworden. Dabei hätte der Stoff durchaus das Zeug für einen mitreißenden Dokumentarfilm. Starke Protagonisten, einen starken Konflikt und einen Plot, der sich erst langsam, dann aber mit der gebührenden Dramatik entwickelt. Am Anfang steht eine kleine Anzeige in der Lokalzeitung und eine Findungskomission, weil sich die Stadt das Geld für überregionale Anzeigenschaltung nicht leisten kann. Einige Bewerbungen trudeln ein. Doch dann meldet ein Mitglied der Findungskommission selbst, Jean Perret, derzeitiger Leiter der „Visions du Reel“ im schweizerischen Nyon, sein Begehren auf den Job an und wird von der öffentlichen Kulturverwaltung schon bald als einziger Kandidat hofiert. Eine schlechte Verhandlungsgrundlage. Und so wurden die Ansprüche des Favoriten mit jeder Runde im Verhandlungspoker verstiegener, bis die Stadt Leipzig am Ende mit einem Kandidaten dastand, der personell zwar den erträumten internationalen Flair mitbringt, doch sachlich nicht tragbar ist.

Eine Provinzposse nur? Zum Ende der diesjährigen Ausgabe des Dokumentarfilmfestivals am Sonntag war der Ausgang immer noch offen. So verliert einer sicherlich: Das Festival selbst, dem schon ein kurzzeitiges Nachlassen an Kampfkraft etwa um Sponsorengelder nachhaltigen Schaden zufügen kann, da auch Geschäftsführer Wolfgang Kröplin zum Jahresende in den Ruhestand geht. Der scheidende Leiter Fred Gehler, der das Festival mit der Taube nach der Wendekrise mit viel Kraft neu als Ort des Austauschs etabliert hat, spielt im Augenblick nur noch die undankbare „Kassandrarolle“ (Gehler), darf sich aber notfalls für eine eventuelle Verlängerungsrunde bereithalten.

Und so war von Gehler wohl zum ersten Mal in seiner Amtszeit so etwas wie Missmut über „Ungereimtheiten“ der Preisentscheidungen zu hören. Auch andere äußerten Unverständnis vor allem für die Vergabe der Goldenen Taube an „S 21 – Die Todesmaschine der Roten Khmer“, einen fast gruppentherapeutischen Versuch des kambodschanischen Regisseurs Rithy Panh, Opfer und Täter einer Folterzentrale der Kmehr zu einer szenischen Rekonstruktion der Vergangenheit zusammenzubringen. Ein Laienspiel? Doch das vermeintlich missratene Spiel ist für die Beteiligten bitterernst. Und die „Laien“ sind hochtraumatisierte Täter-Opfer, die für den Film noch einmal schmerzhaft die ehemaligen Rollen durchleben. Ob man sich so etwas ansehen muss? Die radikale Aufrichtigkeit, die hier an den Tag kommt, ist bei uns kaum vorstellbar. Ein leicht konsumierbarer Film ist das nicht, der den Schrecken mit ein bisschen Rührung abzuckert.

Auf den Spuren von Bruno Schulz

Fast nur noch Rührung gab es dann bei „Hugo und Rosa“ von Bengt Jägerskog (Silberne Taube), dem Porträt eines hochbetagten Geschwisterpaares in der schwedischen Provinz, das im Fernsehen besser aufgehoben wäre als auf der großen Kinoleinwand.

Können Filme eitel sein? Wie vorgetragener Anspruch kläglich scheitern kann, zeigte die als Special Event präsentierte Aufführung von Benjamin Geisslers „Bilder Finden“, der den Schriftsteller Christian Geissler, auch Vater des Regisseurs, auf die Suche nach Fresken des jüdisch-polnischen Dichter und Malers Bruno Schulz in die Ukraine schickt, wo dieser die Villa eines Gestapo-Mannes ausgemalt haben soll. Der Film hat alles, was es braucht: eine klare Bewegungsrichtung, den Konflikt zwischen dem jüdischen Künstler und dem Nazischergen, die Menschen im heutigen Drohobycz, die sich mit Armut und Not herumschlagen. Und am Ende sogar einen richtigen Krimi. Denn die wiedergefundenen Gemäldefragmente werden nach ihrer Entdeckung von Yad Vashem klammheimlich nach Israel entführt. Was für ein Stoff! Trotzdem bleibt ein mehr als schales Gefühl zurück. Vielleicht, weil beides, der Stoff und auch die Menschen, hier nur Vorwand scheinen, damit Vater und Sohn sich in Szene setzen können.

Auch eine Recherche, doch Lutz Dammbecks „Das Netz“ ist ein völlig andersartiges Unternehmen. Vor ein paar Jahren hat der Regisseur in seinem „Meisterspiel“ dem Beziehungsgeflecht zwischen Kunstavantgarde und österreichischen Rechtsradikalen nachgeforscht. Diesmal geht er in die USA, auf die Spuren des so genannten UNA-Bombers, der Anfang der Neunziger mit einer anti-technologischen Attentatsserie Unruhe erregte. Ted Kaczynski war nicht nur ein ehemaliger Mathematikprofessor, sondern auch Proband bei Studien, die in den Sechzigerjahren den Einsatz bewusstseinserweiternder Drogen zur Herstellung anti-antiautoritärer „Weltbürger“ untersuchte, bevor er sich in seine Einsiedlerhütte zurückzog. Dammbeck hat mit Kaczynski korrespondiert. Und er besucht seine Opfer und andere Vertreter der wissenschaftlichen Elite. Dabei verdichten sich die Verbindungslinien zwischen Hippiebewegung und Hochtechnologie, Kybernetik und Herrschaftstechnik, dem Pentagon, kritischen Psychologen und höherer Mathematik. Es liegt nahe, dem „Netz“ einen verschwörungstheoretischen Ansatz zu unterstellen. Doch Dammbeck deckt nicht verborgene Zusammenhänge auf, sondern bringt einfach nur Dinge zusammen, die bisher nicht zusammengedacht wurden. Ein anregender Film, der allerdings im Unterschied zu Michael Moores „Bowling for Columbine“ wegen seiner offenen Strukturen für ein breites Publikum zu anspruchsvoll sein dürfte.

Das Stalinaufgebot

Peter Schamoni, der in Leipzig für sein bisheriges Lebenswerk eine Ehrentaube erhielt, drehte mit „Majestät brauchen Sonne“ 1999 einen der erfolgreichsten Dokumentarfilme der letzten Jahre. Das Wilhelm Zwo-Porträt fragmentiert Geschichte in Schnipsel und bereitet sie mit technischen Hilfsmitteln attraktiv auf. In den jährlichen Retrospektiven des Bundesfilmarchivs in Leipzig kann man die Quellen solcher Schnipselei einmal in Länge prüfen. Die diesjährige Reihe, die unter dem Titel „Blick/Gegenblick“ sowjetische und deutsche Dokumentarfilme aufeinander projizierte, bediente dabei auch manches Klischee: „Das Stalinaufgebot“ etwa zeigt eine gigantesk inszenierte Massenparade aus dem Jahr der Moskauer Schauprozesse 1937. Doch statt der Körperpanzer, die wir erwarten würden, tobt sich unter den Formen der offiziellen Inszenierung unübersehbar eine Energie aus, die nur einer Befreiung der Körper entspringen kann und mit den faschistischen Zurichtungen Riefenstahlscher Ästhetik nichts gemein hat. Hier würde man gerne mehr und ausführlicher studieren. Verhandlungen, die Reihe auch anderenorts zu zeigen, laufen. Vielleicht also demnächst in Potsdam oder im Berliner Arsenal.

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