Von den Nazis hingerichtet : Florian Heinisch erinnert an Karlrobert Kreiten

1943 wird Karlrobert Kreiten, einer der begabtesten deutschen Nachwuchs-Virtuosen, wegen "Wehrkraftzersetzung" hingerichtet. Im Rahmen eines "Ungespielten Konzerts" erinnert der Pianist Florian Heinisch an Kreiten.

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Florian Heinisch
Florian HeinischFoto: promo

Am 3. Mai 1943 ist in Heidelberg ein Klavierabend angekündigt. Karlrobert Kreiten, Jungstar der deutschen Pianistenszene, sollte aus Berlin anreisen und Werke von Bach, Chopin, Mozart, Beethoven und Liszt spielen. Doch am Abend bleibt das Podium leer. Kreiten ist am Nachmittag verhaftet worden. Vier Monate später wird er zum Tode verurteilt. Sein Verbrechen: „Wehrkraftzersetzung“. „Ein solcher Mann hat sich für immer ehrlos gemacht“, heißt es in dem vom Präsidenten des Volksgerichtshofes, Roland Freisler, unterzeichneten Urteil. „Er ist in unserem jetzigen Ringen – trotz aller beruflicher Leistungen als Künstler – eine Gefahr für unseren Sieg.“

Am 7. September 1943 wird einer der begabtesten deutschen Nachwuchs-Virtuosen hingerichtet – weil er einer Jugendfreundin seiner Mutter gegenüber keinen Hehl daraus gemacht hat, wie sehr er die Nazis und ihren Vernichtungskrieg verachtet. Was der 27-Jährige nicht ahnte: Er saß einer „gläubigen Nationalsozialistin“ gegenüber, wie es im Urteil heißt – die es für ihre politisch-patriotische Pflicht hielt, ihren Gast bei der Geheimen Staatspolizei zu denunzieren.

Von Heidelberg wird Karlrobert Kreiten zurück nach Berlin gebracht, ins Gestapo-Gefängnis unweit des Anhalter Bahnhofs, also an jenen Ort, an dem heute die „Topographie des Terrors“ über die Verbrechen informiert, die hier begangen wurden.

Karlrobert Kreiten, 1916-1943.
Karlrobert Kreiten, 1916-1943.Foto: dpa

63 Jahre nach der Verhaftung des für seine leidenschaftliche Ausdruckskraft gefeierten Pianisten, der es wagte, verbal gegen den „totalen Krieg“ aufzubegehren, ist nun der 25-jährige Pianist Florian Heinisch aufgebrochen, um das Programm, das Karlrobert Kreiten damals nicht mehr spielen konnte, endlich zum Klingen zu bringen. Die Idee zu diesem „Ungespielten Konzert“ stammt vom Hamburger Kinderarzt Moritz von Bredow, der sich sowohl für die Nachwuchsförderung einsetzt wie auch für vergessene Künstler. Zum 100. Geburtstag Kreitens tritt Heinisch in Heidelberg auf, am 30. Juni endet die Tournee dann im Berliner Konzerthaus am Gendarmenmarkt.

Der legendäre „Frühschoppen“-Moderator Werner Höfer, NSDAP-Mitglied seit 1933, hatte seinerzeit im „Berliner 12-Uhr-Blatt“ über Kreitens Verurteilung geschrieben: „Es dürfte niemand Verständnis dafür haben, wenn einem Künstler, der fehlte, eher verziehen würde als dem letzten gestrauchelten Volksgenossen.“ Als ihm die Urheberschaft des Textes – die Höfer bis zuletzt bestritt – 1987 nachgewiesen werden konnte, war er seinen Job bei der ARD los.

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