Kultur : Von der Linie zur Fläche

KATJA REISSNER

Zu Beginn der 60er Jahre hat der italienische Künstler Piero Dorazio sein bildnerisches Konzept voll ausgeprägt: Innerhalb der Malerei zielte er auf räumliche Qualität ausschließlich durch Farbverläufe und Überlagerungen in linearen Strukturen.Das klingt nach einer spröden, konkreten Kunst, wuchs aber zu einem heiteren und eleganten Werk heran.

In Deutschland scheint der 1927 in Rom geborene Dorazio, der schon Ende der 50er Jahre in Berlin bei Springer ausstellte, 1960 zum ersten Mal an der Biennale in Venedig teilnahm und große Ausstellungen in Amerika, Großbritannien und Frankreich hatte, eher ein vergessener Künstler zu sein - trotz diverser Museumspräsentationen etwa im Wilhelm-Hack-Museum in Ludwigshafen und in der Neuen Pinakothek in München.Vielleicht, weil Dorazio nicht so spektakulär ist wie etwa Lucio Fontana, der mit seinem "Concetto Spaziale" den Aktionismus gleich mitlieferte, während Dorazio immer kontemplativ und intellektuell im Bild verharrte.Er spannt sich in eine Tradition ein, die zurückreicht zu den französischen Postimpressionisten und italienischen Futuristen und auch Kandinskys Überlegungen von "Punkt und Linie zur Fläche" als Grundlage mit einschließt.

Es ist ein überwiegend zeichnerischer Ansatz, der Dorazio zunächst dazu bringt, dichte Liniengeflechte zu erzeugen, die die Fläche mehr oder weniger vollständig überziehen.Er führt die Lichthaltigkeit und das Sphärische der Farbe ins Feld, der er weniger Gestalt und Form als eine möglichst sparsame immaterielle Struktur verschafft.Dorazio bündelt sie sozusagen in Leitlinien, geht jedoch nicht so weit wie die Konkreten und Minimalisten - Nannucci in Italien, Morellet in Frankreich, Flavin in Amerika -, nämlich Neonkonstellationen zu entwickeln, wie sie jetzt als Spätwerke der Genannten als Kunst am Bau so allgegenwärtig sind in Berlin.

In der Ausstellung bei Stolz eignen sich besonders die frühen Zeichnungen und Aquarelle der 60er Jahre, um das Immaterielle und Leichte wahrzunehmen.Sie haben eine nur wenig verblaßte, strenge und beiläufige Grazie.Geflechte stehen auf dem Papier, oft unverankert im Format, als würden sie in diesem Moment darüber schweben, um sich im nächsten Moment zu verflüchtigen.Nach diesen Geflechten folgte bei Dorazio eine Phase, in der die Farbformen massiver und flächiger wurden, immer wieder umgebrochen durch lineare Schienen, wie Reflektionen, die ihre Flächenausdehnung aufhalten und in Spannung versetzen.

In den 70er und 80er Jahren werden farbintensivere Abläufe strukturiert, oft unter Aussparung von Teilen des Formats.In den 90ern geht Dorazio zu farbigen Untergründen mit Tempera über, die dominant und geschlossen wirken.Manchmal wählt er ovale und kreisrunde Formate, die den Arbeiten den Charakter ornamentaler Medaillons verleihen.Die musikalischen Schwingungen wirken unbekümmert, etwas laut und harmlos, vor allem bei den sich spiralig einwirbelnden Kreisformaten.Die frühen Arbeiten stehen den späten gegenüber und zweifeln deren intellektuelle Substanz diskret und reserviert an.

Galerie Stolz, Goethestraße 81 (Charlottenburg), bis 6.März; Dienstag bis Freitag 16-19 Uhr.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben