Kultur : Von der Löslichkeit der Liebe New Orleans ist überall: Woody Allen in Berlin

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Eine Minute nach sieben ist er da. Er kommt nicht als erster; Kontrabass, Klavier und Banjo haben den Vortritt. Immer hat jemand im Leben den Vortritt. Allen weiß das, jedenfalls der Woody Allen, der immer Woody Allen spielt. Als drittletzter betritt er die Bühne des Tempodrom. Drittletzter ist eine gute Rolle. Als eine Art Drittletzter des Lebens ist er schließlich berühmt geworden. Und hier hat er ohnehin nicht die Regie.

Bandleader ist das Banjo, Eddie Davis. Der sieht fast so aus wie Schultze aus „Schultze Gets The Blues“ und trägt sogar das gleiche karierte Hemd. Allen sitzt neben ihm. Die ersten Takte hört kein Mensch. Die verschluckt die Begeisterung darüber, dass Woody Allen wirklich aussieht wie Woody Allen. Der perfekte Nobody, der überall übersehen wird – und den niemand übersehen kann. Wahrscheinlich gibt es auf der ganzen Welt keinen auffälligeren Menschen als ihn.

Der NewOrleans-Jazz hat keinen Anfang und kein Ende. Woody Allens erstes Konzert in Berlin auch nicht. Es geht nur eine Tür auf, und dahinter wird alles ganz einfach. Alle Extreme, die zu große Freude, der zu große Schmerz, eingefangen von dieser New-Orleans-Leichtigkeit. Seine Filme machen es genauso. New-Orleans-Jazz ist die perfekte Indifferentisten-Musik. Sie spielen „Over in the Glory Land“ und den „Monkey Honey Moon“, einer fängt die Melodie des anderen, schickt sie weiter, wirft sie ins Dunkel vor der Bühne, und die Dreitausend im Tempodrom halten sie jedesmal.

Allen sitzt da in seinem hellblauen Hemd und der beigen Hose, man könnte schwören, dass er diese Hose in all seinen Filmen trägt; das linke Bein zählt den Rhythmus, und dann weiß man: Allen, der ewige Gottesnörgler braucht in Wirklichkeit gar keinen Gott. Er ist einfach nicht der Typ, der schräg nach oben schaut. Aber ab und zu muss das Leben wie ein Sessel sein, und wenn du dich zurücklehnst, sollte da was sein hinter dir. Das ist der New-Orleans-Jazz, Woody Allens lebenslange Liebe. In der Liebe geht es nicht um Leistung. Liebe ist Löslichkeit. Und der New-Orleans-Jazz ist es ohnehin. Da kann der Kontrabass schon mal Klavier spielen, und das Klavier spielt Banjo und das Banjo Kontrabass, und singen dürfen sie alle, auch die Trompete und die Posaune, aber das Banjo singt am besten, nur die Klarinette singt gar nicht. Weil so schnell nun auch keiner gehen soll.

Irgendwann spielt Allen Klarinette mit übereinandergeschlagenen Beinen und sieht ein wenig aus wie ein außer Kontrolle geratener Buchhalter. Und dann, ganz kurz, singt er doch. Er kann sich das leisten, denn wie es hätte gehen können, wäre er wirklich Klarinettist geworden, darüber hat er 1999 einen seiner schönsten Filme gemacht. „Sweet and Lowdown“ handelt von dem (fiktiven) Jazzgitarristen Emmet Ray, der außer Genie auch Zuhälter ist, auf dem Müllplatz Ratten schießt, stundenlang rangierenden Zügen zuschaut und jedesmal in Ohnmacht fällt, wenn er den Namen „dieses französischen Zigeuners“ hört: Django Reinhardt.

Allen fällt nicht in Ohnmacht und spielt noch fast eine halbe Stunde weiter nach dem Ende des Konzerts. Und beim nächsten Mal in New Orleans spielen sie dann das, was fehlt. New Orleans, das wissen wir längst, ist überall.

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