Kultur : Von der Schönheit

Claudio Abbado mit den Berliner Philharmonikern

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Maestro des tönenden Schweigens: Wenn – „gänzlich ersterbend“ – Gustav Mahlers „Lied von der Erde“ verklungen ist, herrscht eine Stille im Saal, in der das ganze Werk noch einmal präsent ist. Solches Nachdenken im Wortsinn erreicht keiner wie Claudio Abbado. Es ist eine Zauberkraft, die heute jedem seiner Auftritte innewohnt.

In beinahe paradoxer Weise wird diese Ausnahmesituation von Selbstverständlichkeit getragen: Der ehemalige Chefdirigent kommt zu den Berliner Philharmonikern zurück, um in kollegialer Gemeinschaft mit ihnen zu musizieren. So hat das Wunder auch mit Vertrauen zu tun, seitens der Musiker, seitens des Publikums. Die fragile Gestalt, die erstaunliche Kondition nach besiegter Krankheit, der leichte Schritt – alles dient der Arbeit, der Musik.

Präzis am 100. Todestag Gustav Mahlers, des in diesem Jahr naturgemäß opulent umsungenen Komponisten, dirigiert Abbado in der Philharmonie ein reines Mahler-Programm als Sonderkonzert. Zunächst erklingt das Adagio der unvollendeten zehnten Symphonie, diese von den philharmonischen Bratschen unter Abbados Händen himmlisch intonierte, zukunftsträchtige Partitur, die mit weiten Intervallsprüngen und Choral zum Firmament strebt.

Dem folgt ohne Pause, weil Abbado das Sich-Erinnern und Abschiednehmen beider Werke im Zusammenhang begreift, „Das Lied von der Erde“ nach Gedichten aus Hans Bethges „Die chinesische Flöte“. Die gefühlte Spannung im Auditorium ist grenzenlos.

„Man spricht immer von Mahlers Beziehung zu Wagner oder zu Bruckner“, sagt Abbado. „Aber für mich ist das Wesentliche seine Verbindung zu Schubert ... zu seiner Innerlichkeit.“

In der Interpretation zeigt sich, dass in diesen Orchestergesängen des „Liedes von der Erde“ die stilistische Unbekümmertheit, die dem Komponisten Mahler nicht selten vorgeworfen wird, gänzlich verschwunden ist. Gerade aus Anlass der 100. Wiederkehr des Todestages ist daran zu erinnern, dass in den Nachrufen 1911 zwar des genialen Dirigenten Mahler gedacht, seinen Werken aber wenig Chancen eingeräumt wurden.

Polyphonie, Rezitativ, koloristische Instrumentation bilden in diesem Fall einen Spätstil eigenen Rechts, Vorbilder der Zukunft. Alban Berg und Anton Webern wussten das.

Die Philharmoniker folgen getreulich Abbados organischen, Mahler-korrekten Tempomodifikationen, wenn „Von der Schönheit“ gesungen wird, und die hellen Töne jener Welt singt Anne Sofie von Otter so unforciert und fein wie den „Abschied“ im Duett mit der Zauberflöte im Orchester: „Die Welt schläft ein.“ Die Nachdichtung des neuromantischen Dichters Bethge kommt hier ganz zu sich selbst: „Er stieg vom Pferd und reichte ihm den Trunk des Abschieds dar.“

Die Gesangssoli sind zu feiern wie die instrumentalen. Jonas Kaufmann verströmt den materiellen Glanz seines Tenors nicht leichtfertig, sondern mit seinem Singen auch das atmosphärische Strahlen der Lieder. Eine Meisterleistung! Sie steht dafür ein, dass Mahler den Titel „Der Pavillon aus Porzellan“ von Li-Tai-Po, wie auch weitere Gedichttitel des Zyklus, umgewandelt hat in „Von der Jugend“. Sybill Mahlke

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