Kultur : Von dieser Welt

Anton Waitz

Zuerst habe er Zion im Auto gesehen - jedenfalls wenn man Offenbarung 21, 16 zu seinen Gunsten auslegt. Das lässt Xavier Naidoo in seinen neuen Liedern verlauten. Man muss dem "Erlöser" (ist es ein Zufall, dass sein Vorname wie saviour klingt?) seine mitunter recht abstrusen Texte nicht glauben, um trotzdem von seinem ganz unheiligen Showtalent fasziniert zu sein. Das stellte er am Sonntagabend im ColumbiaFritz eindrücklich unter Beweis. "Zwischenspiel / Alles für den Herrn" heißt das zwei Wochen alte pompöse Doppelalbum, aufgeteilt in eine "zwischenmenschliche" und eine "religiöse" Seite, das er zurzeit im Rahmen einer Clubtour durch Deutschland vorstellt. Treu ergeben stimmt sein überwiegend weibliches Publikum begeistert jauchzend in seine neuen Songs ein, auch wenn noch nicht jede Zeile sitzt. Zwar sind die aktuellen Lieder eher softe Schmusenummern, doch als wolle Naidoos exzellentes Sextett auf der Bühne von dessen religiöser Emphase nichts wissen, unterlegt sie die dem Herrn gewidmeten Stücke mit harten Gitarrenriffs. Und das 30-jährige Bubigesicht rappt dazu, als wäre er doch ganz von dieser Welt. Nur manchmal - und dann hält man den Atem an - treibt er wie Prince in seinen besten Tagen die tiefe Rap-Stimme in himmlisch-hohe Oktaven und hält den Ton scheinbar bis in alle Ewigkeit. "Mir sind die Hände gebunden", heißt schließlich das letzte Lied des Abends. Trotzdem heben die Zuschauer beseelt die Arme und klatschen laut mit. Alle sind sie erlöst.

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