Kultur : Von dieser Welt

Goldener Bär für einen großen kleinen Flüchtlingsfilm: Michael Winterbottom ist der Sieger der 53. Berlinale

Jan Schulz-Ojala

Die Abschlusspressekonferenz der Berlinale gestern nachmittag fiel mitten in eine bewegende Stunde. Eben jene ganze Stunde, in der der Strom der Demonstrierenden gegen den drohenden Krieg um Irak nicht abriss (auch dicht am Potsdamer Platz) auf dem Weg zur Kundgebung der 500000 am Großen Stern. Es war die Wirklichkeit, die da in gar nicht mal lauten Sprechchören gegen die Zehntages-Kapitale der Kinofantasie anbrandete; und die siebenköpfige Jury, eingetaucht wie die Tausenden von Akkreditierten in zehn Tage Paralleluniversum namens Filmfestival, sandte von dort ein Zeichen zurück – stellvertretend wohl für alle Berlinale-Gänger dafür, dass man selber in der Zwischenzeit die Wirklichkeit keineswegs vergessen hatte.

Diese 53. Berlinale wird, großes Wort, in die Geschichte nicht nur dieses Festivals, sondern der Kulturwahrnehmung überhaupt eingehen – gerade weil sie ebenso bescheiden wie aufmerksam war für die wichtigeren Dinge dieser Welt. Die Macher stellten ein Programm zusammen, das die Wirklichkeit ausdrücklich einlud in den Fantasietunnel, den jedes Festival zwangsläufig bedeutet; viele Hollywoodstars nutzen ihre Auftritte nicht nur für PR in eigener Sache, sondern für die Demonstration ihrer auch politischen Intelligenz; und das Publikum, vom Fachbesucher bis zum Filmfreak aus Leidenschaft, hielt selber bewusst die Tür offen zwischen Rauschwelt und Realität. Und drum hat diese Berlinale, zunächst dröhnend intoniert von Säbelgerassel und am Ende eingebettet in weltweite Antikriegsdemos, so mitten auf diesem Globus stattgefunden wie schon lange nicht mehr.

„In This World“ heißt der Sieger dieser Berlinale – und glücklicher hätte er wohl kaum gewählt werden können. Die Jury setzt, indem sie den Goldenen Bären an Michael Winterbottoms minimalistisches Flüchtlingdrama vergibt, ein Signal: Wir alle sind in this world. Oder auch: Diese Welt gehört uns. Wenn man so will: Die Jury demonstriert mit (auch der Preis der Ökumenischen Jury und der Friedensfilmpreis sind an „In This World“ gegangen) – ja, man darf sagen, diese Berlinale demonstriert mit. Dieses Festival ist ganz von dieser Welt.

Eine rein politische Entscheidung aber, gar eine politisch korrekte Gesinnungslobpreiserei ist der erste große Preis für den 41-Jährigen Briten am allerwenigsten. Winterbottoms Film ist nicht nur neben Hans-Christian Schmids „Lichter“ und Damjan Kozoles „Ersatzteile“ der stärkste Wettbewerbsbeitrag zum weltweiten Flüchtlingselend, sondern steht überhaupt für etwas, das die Filmemacher besonders umtreibt; und zugleich ist „In This World“, in der extremen Reduktion spielfilmischer Elemente, vor allem eine künstlerische Demonstration: Kann man fast gänzlich auf die Tricks aus der Traumwunderkiste verzichten und dennoch eine packende Geschichte erzählen?

Winterbottom kann es. Souverän und fast immer überzeugend ist er in seinen Filmen, von „Butterfly Kiss“ über „Welcome to Sarajewo“ und „I Want You“ bis „The Claim“, von Genre zu Genre gesprungen, ein Springteufel der Kinokunst – und da überzeugt die bewusst gewählte formale Ökonomie von Anfang an. „In This World“ erzählt eine Weltreise von Pakistan nach London als Strecke von Staubpiste zu Übernachtungsbruchbude zu Staubpiste zu Asphaltstraße zu Schiffsbauch zu Asphaltstraße zu Tunnel unter dem Ozean in eine große Stadt. Erzählt von zweien auf dieser Reise (einer wird sterben: am Ende nicht mehr in this world sein), und Winterbottom erzählt das fast ohne Plotpoints, ohne Verwicklungen, ohne Nebenfiguren, ohne viel Entwicklung zwischen den Beiden: als nackte Strapaze, bei der es um das nackte Leben geht. Weiter nichts, und bald ist man gepackt von diesem Film, als gehe es einem selbst ans Leben.

Alle anderen Entscheidungen der Jury verblassen hinter dieser Wahl. Man mag sie mit Buhs aufnehmen (wie Patrice Chéreaus Regiepreis auf der Pressekonferenz) oder mit Befremden (wie den Silbernen Bären für „Adaptation“) oder mit Wohlwollen (wie den Preis für das Trio Kidman/Moore/Streep in „The Hours“): schon heute egal. Man mag daraus einen Querschnittproporz für die beiden dominierenden Themen dieser Berlinale lesen: die Dominanz der Todesthemen und das Experimentieren mit ungewöhnlichen Erzählformen (wobei die neuerdings entdeckungsfreudigen Amerikaner etwas angestrengt hinter den großen europäischen Vorbildern zurückbleiben). Aber wohl auch jede andere Wahl, etwa für den bemerkenswerten Spike Lee („25th Hour“) oder den ehrgeizigen Regie-Debütanten George Clooney („Confessions of a Dangerous Mind“) hätte wohl zum selben Befund geführt.

Tatsächlich ist die thematische Düsternis dieser 53. Berlinale, über die viele Filmdienstreisende zeitweise heftig klagten, frappierend. Wenn denn Filme, ausgewählt unter tausenden weltweit, einen feinen Spiegel des Weltbefindens abgeben: Steht dieser Globus etwa vor einem Kollektivselbstmord, schon mal hochgerechnet aus so vielen erfundenen, verdichteten Figuren, die in ihrem Leben nicht mehr weiter wissen? Oder disponiert umgekehrt eine spätestens seit dem 11. September verfinsterte Weltlage die Regisseure immer mehr, im Tuchwarenangebot der Drehbuchmanufakturen nur noch zwischen den dunkelsten Stoffen zu wählen? Wer wollte, angesichts des trotz allem schmalen Fantasiematerials eines einzigen Filmfestivals, da forsche Summen ziehen. Nur soviel: Dieser Globus ist vielleicht schon länger krank. Doch langsam fängt er an, sich dieses Zustands bewusst zu werden.

Auch die deutschen Filmen taten da, allen voran Oskar Roehlers Ehehöllendrama „Der alte Affe Angst“, tapfer mit. Wirklich wettbewerbsfähig allerdings waren sie nicht – und da musste man nicht einmal auf den Spruch der dieses Jahr besonders hochkarätigen Jury warten. Es fehlte ein rundum überzeugender Wurf wie etwa Andreas Dresens thematisch, formal und entstehungsgeschichtlich spannendes Experiment „Halbe Treppe“, das letztes Jahr zu Recht ganz oben mitspielte. Roehler packt und befremdet in gleicher Weise; Wolfgang Beckers „Good Bye, Lenin!“ wandelt den verwegen lockeren Umgang mit Genreregeln nicht in eigene Stärke um; und Hans-Christian Schmids Beitrag „Lichter“ wurde nicht nur „In this World“ zum Verhängnis, sondern vor allem jene seltsame Solidität, die alle seine Filme eher reif fürs breite Kinopublikum macht als für jene anspruchsvolle Klientel, die auf Festivals Stilsicherheit und Grenzüberschreitung zugleich verlangt. Dennoch: Die deutschen Filmemacher haben nun, im zweiten Jahr des Direktors Dieter Kosslick, auf der Berlinale ein verlässliches Podium – und, freundliches Wunder, auch eine verständnisvolle Filmkritik gefunden. Nur: Verlässlichkeit und Verständnis allein helfen niemandem, wenn es anfängt, wirklich wichtig zu werden.

Bleibt das Technische. Hat sich der spätere Beginn und der vorgezogene Schluss des Festivals bewährt, die zunächst durch Sparnöte erzwungene Verkürzung des eigentlichen Ereignisses um zwei Tage? Ja und nein. Denn das Programm mag allerseits „konzentriert“ worden sein, wie Kosslick sagt, nicht jedoch im Wettbewerb. Dort drängten sich, nicht immer auf den besten Aufmerksamkeitsplätzen, 22 Filme – am Ende denn doch nur einer weniger als im Vorjahr. Die Preisverleihung am Sonnabend hat Sinn, ebenso der Publikums-Kinotag; aber über einen Start erst am Donnerstag statt Mittwoch sollte man noch einmal nachdenken. Entsprechende Flexibilität hat der strukturell flexible Festivalchef bereits angedeutet – zumal sich der Zwang zum äußersten Sparen während der Planungsphase ohnehin durch neue Sponsoren gelockert hatte.

Vor Berlinale-Beginn hatte Kosslick mit schöner Selbstverständlichkeit das Festival als das zweitwichtigste hinter Cannes bezeichnet. Von Venedig, das in diesem Jahr zum zweiten Mal sein Berliner Vorgänger Moritz de Hadeln leitet, war da gar nicht mehr die Rede. Doch es ist tatsächlich so: Die Veränderungen der letzten Jahre, der Wechsel erst an den Potsdamer Platz, dann die neuen Leitungs- und künstlerisch vernetzten Entscheidungsstrukturen haben der ohnehin schon vitalen Berlinale gut getan. Dass im Wettbewerb endlich alles vereint ist, was die Chefs der einzelnen Sektionen am Wichtigsten finden, treibt dieses Festival immer weiter nach vorn. Das schöne Wetter von Cannes und Venedig: So wichtig ist es nun auch wieder nicht.

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