Kultur : "Von Entbehrung keine Rede": Chemnitzer Urwaldkünstler

Klaus Hammer

"Es wackelt", "Die Kulturette geht doch noch weiter...", "Vorostern mit mir z. B." - das waren die Titel seiner letzten Ausstellungen, jetzt kann er augenzwinkernd verkünden: "Von Entbehrung keine Rede". Verballhornungen liebt er besonders, der Chemnitzer Künstler Osmar Osten, der seine Arbeiten auch mit XXX, z. B., Leonardo Schulze oder Mitzi Mazurka (malender Pinsel) signiert. Nicht die Auflösung der Sprache, sondern das irreguläre Umgehen mit ihren Regularitäten setzt hier die Phantasie frei. Darin sind die Dadaisten Ostens Lehrmeister, denn sie akzeptierten Sinnlosigkeit als Grundbefindlichkeit der Realität und nutzten sie, um sich von Konventionen und Präformationen zu befreien. Lustvoll setzt Osten auf Paradoxes: "Mittel-deutscher Urwaldkünstler, kurz vorm Frühstück", "Viele Grüße vom Gegenteil", "Provinz ist, wo ich bin". Seine Botschaften sind verspielte, witzige, aber auch sarkastische Kommentare auf Leinwand, Holz, Papier und Glas - aus Alltagsfundstücken gemacht, stoßen sie allen Kunstpathos vom Sockel.

Spielerisch, fast kindlich wirkt auch das Motiv des Schneemanns auf vielen seiner Arbeiten. Die Strichzeichnungen sind flüchtig und ungelenk wie ein Grafiti an der Hauswand. Ist der Schneemann der Werbung entnommen, ist er ein Klischee, ein Emblem, ein Symbol, ein Signet? Er mag von allem etwas sein, vor allem aber führt er in eine andere Dimension des Wahrnehmens: hier geht der Blick ins Innere, in die Tiefe. Man erlebt das Expansive und die Konzentration als Polaritäten. Osten spielt mit der Wechselwirkung von Ein- und Ausblicken und dem Überwinden von Grenzen. Dabei reicht sein Spektrum von der kindlich anmutenden Figürlichkeit zu einer geometrischen Abstraktion, die auch Teil seiner Schneemannbilder ist.

Schrift- und Figurenzeichen, Farbflächen und Farbformen, unruhige Linienstrukturen und satt ruhende Farbsetzungen gehören zum Repertoire, aus denen der Künstler seine Bilder speist. Das "XXX" durchzieht als Spur eines verborgenen Subjekts die Bildwelt, Osten reist durch das Reich der Zeichen und Farben, wo jeder Gegenstand aus Natur- und Menschenwelt verwoben ist in ein undefinierbares Geflecht. Seine Bilder sind aufgeladen mit Hinweisen und fordern den Betrachter direkt heraus, diese zu entschlüsseln.

Nussknacker und Räuchermännchen

Das Spiel hat der 1959 geborene Osten, der an der Hochschule für Künste in Dresden studierte, zu seinem Lebensprinzip erhoben. Er wandelt das gefundene Motiv immer wieder um: "Ein Herrgöttlein kommt selten allein" heißt die Installation mit Nussknacker und Räuchermännchen aus seiner erzgebirgischen Heimat. In Aluminium gegossen, auf ein Brett mit Kugeln gestellt, kann die geringste Erschütterung die instabile Skulptur ins Rutschen bringen. Auch hier fügt der Künstler in das Bildsujet eine gedankliche Lücke oder Hürde ein, die der Betrachter selber zu überspringen hat. Ganz kann Osten aber nicht entschlüsselt werden: In seiner Parodie künstlerischer Ausdrucksformen schöpft er aus einer im besten Sinne unsinnigen und damit nicht deutbaren Eigenwelt, ein Kompendium überraschender und zufälliger Kontexte. Er baut in seinen Arbeiten eine verkehrte Welt auf, die sich zugleich wieder selbst zerstört, eine Bild- und Textwelt, die nicht abbildet und nicht deutet mit dem augenzwinkernden Motto: "Kunst kommt von Küssen."

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