Kultur : Von Germania nach Italia

Eine Eisenbahngeschichte: Lorenzo Fioroni inszeniert Verdis „Simon Boccanegra“ an der Deutschen Oper Berlin

Sybill Mahlke

Von dem alten Maestro Verdi, der nach einer „Falstaff“-Aufführung gefeiert wurde, ist das Wort überliefert: „Nein, nein, lassen Sie den großen Komponisten beiseite, ich bin ein Theatermann!“ La situazione scenica soll herrschen, dafür nimmt der Musiker die absurdesten Libretti in Kauf. Die irrationale Faszination der Verdi-Oper aber, die vom italienischen Volk sofort verstanden wurde, dringt immer heftiger über die Alpen, und der Siegeszug hat kein Ende. Längst sind die populären Werke Besitz der Literatur (Thomas Mann) und des Regietheaters (Hans Neuenfels).

Aber ein vertracktes melodramma wie „Simon Boccanegra“, das zum Rampensingen einlädt? In der Deutschen Oper Berlin tritt es eine Zeitreise an, weil Regisseur Lorenzo Fioroni keinen Stillstand dulden will. Wie etwa eine zur Versöhnung gereichte Hand des Titelhelden von seinem adeligen Todfeind weggestoßen wird, das ist auf den musikalischen Punkt genau inszeniert. Von solcher präzisen Zeichnung des Augenblicks lebt die Partitur, lebt eine stolze Weile lang die Inszenierung in ihrem sich wandelnden Fluss. Sie erzählt, dass die Magie der Musik von ihrer ganz eigenartigen Kongruenz mit dem Atmosphärischen des Theaters ausgeht.

Eine Geschichte aus dem 14. Jahrhundert, Vendetta, Gift und Dolch, Plebejer und Patrizier, Hass, Verschwörung, Kindesraub – diese Geschichte kommt per Dampflokomotive in der Verdi-Zeit an. Es ist der Reisezug der Genueser Aristokratenfamilie der Fieschi, und das Bahnhofsgetümmel mit der bombastischen Damemode der Gründerjahre wird zum stehenden Bild. Szenerie und Kostüme von Cordelia Matthes und Katharina Gault sind mit der Inszenierung feinfühlig unterwegs. Das ist schon beachtlich bei dem Kuddelmuddel der Handlung.

Um seiner Liebe willen, also aus privaten Interessen, lässt sich der Korsar Simon Boccanegra zum Dogen von Genua wählen. Viel ist von einer Fiesco-Tochter Maria die Rede, deren Kind, eine Tochter Simons, verschollen ist. Keine Versöhnung zwischen Großvater und Vater, Fiesco und Boccanegra, die junge Mutter Maria stirbt aus Gram, alles klagt.

„Viva Simon!“ platzt das Volk mit seinen Anführern Paolo und Pietro in die Düsternis der Situation. Das Grab, der Dogenthron, die Hochrufe: Regisseur Fioroni nimmt die Musik beim Wort, wenn er zum lustigen Theatermarsch in die Unterhaltungskiste greift. Kontrastreiche Nähe von Requiem und Revue.

Im Zeitsprung ist das Kind zum modernen Mädchen im roten Kapuzenmantel herangewachsen, und am Telefon lässt sich der Doge anmelden. Überraschend wie das melodramma so spielt, erkennt Simon in der vermeintlichen Grimaldi seine Tochter Maria. Sie ihrerseits liebt nun einen Patrizier, Gabriele Adorno, und der abgewiesene Bewerber, Paolo, kann das Brautkleid wieder mitnehmen.

Aus so viel privatem Geknäuel gedeiht keine große Politik. Aber die Inszenierung zeigt, dass die Wände Ohren haben und die Eisenbahn weiterfährt. Als Spielzeugmodell oder als Video. Nach der fein eingefädelten Exposition verliert sich die Regie wie ihre Ausstattung ins Modische und Anekdotische.

Da werden, weil die Handlung kriegerisch ist, Straßenschlachten eingeblendet und Comics als Kontrast. Fioroni will zuviel Theater und gerät ins Grobe. Es fällt schwer, diese abgestandene Freizeitgesellschaft mit ihren Badegerätschaften noch auf der Bühne zu akzeptieren, ob in Dresden („Otello“, Zypern!) oder in Berlin oder sonstwo. Diese ewigen Gummiboote! Idealismus und Kritik verbinden sich für die Interpretation darin, dass der durch Giftmord sterbende Doge Simon den schwachen Schwiegersohn Gabriele unwidersprochen zu seinem Nachfolger bestimmt. SolcheGedanken gehen im Tableau unter. Und doch – die Aufführung verrät, dass der Theatermann Lorenzo Fioroni Fantasie und Handwerk besitzt, die noch zu kanalisieren sind.

Chor und Orchester der Deutschen Oper zeigen sich, angesichts der kippeligen Lage des Hauses, erstaunlich motiviert. Wie schon im Unglücksfall der heimatlosen Oper „Germania“ von Alberto Franchetti : Das künstlerische Verantwortungsgefühl bleibt. Davon profitiert auch Yves Abel am Dirigentenpult, dem die Musiker mit der edlen dunklen Klanglichkeit des beginnenden Streichersatzes sehr entgegenkommen. Und die Klarinetten sprechen ihre lyrischen Machtworte, Fagott- und Posaunenstimmen von der unabwendbaren Katastrophe.

Dennoch herrscht, allen rhythmisch expressiven Affektwechseln der Partitur zum Trotz, ein gewisser pastoser Einheitston, dem auch die Sänger zu wenig Individualität entgegenhalten. Roberto Frontali bringt die Metallkraft des aktiven Baritons in die Titelpartie ein, ohne mit dolce klingenden Tönen rühren zu können. In den Rollen der Aristokraten dominiert Roberto Scandiuzzi als Fiesco mit führendem, indes leicht beschädigtem Bass über den Strahletenor Franco Farina als Gabriele, dem die Stimme wegbricht, wenn er sich aus dem forte verabschiedet. Ralf Lukas bewährt sich in der schwärzesten Rolle des Paolo. Tamar Iveri versieht die Partie der Maria mit wunderschönen Tönen. Was sie gerade singt, ob Liebe oder Leid, bleibt dabei ziemlich gleichgültig. Differenzierung fehlt. So stellt sich kaum Interesse an den Schicksalen der Figuren ein.

Obwohl Theaterluft weht, will die große Oper mit ihren „unendlichen Tränen“ nicht zu Herzen gehen.

Wieder am 29. November, sowie am 2., 8., 14. Dezember.

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