Kultur : Von Göttern umarmt

Ein Paradies für jedermann: Wie das Schwule Museum die schillernde Sammlung Sternweiler gewinnt

Michael Zajonz

Nackte Männer, wohin man schaut. Junge athletische Fischer geben sich gemeinsamen Badefreuden hin. Antike Götter umarmen Sterbliche. Lederboys pinkeln in Champagnergläser. Homoerotische Fantasien von Michelangelo bis Bruce of L. A.: Das Schwule Museum zeigt „Paradiese“, idyllische Ewigkeitsmomente, in denen die Dinge sind, wie sie sein sollten.

Erstmals ausgestellt werden Werke einer Privatsammlung, die das Museum erwerben will, ach was: einfach haben muss. Zusammengetragen hat die Kunst der 1957 in Berlin geborene Kunsthistoriker Andreas Sternweiler, in zwei Jahrzehnten, mit wenig Geld und viel Sachverstand. Und einem klaren Ziel: Sternweiler gehört zu den ersten und aktivsten Mitgliedern des vor 22 Jahren gegründeten Vereins Schwules Museum. In Antiquariaten, Kunsthandlungen, auf Flohmärkten und Auktionen hat er zugeschlagen, wenn das private Forschungs- und Ausstellungsinstitut, das bis heute keine staatlichen Zuschüsse erhält, zu klamm war, um selbst tätig zu werden. „Sicherungskäufe“ nennt Sternweiler seine Mission bescheiden. „Sonst wären diese Dinge in alle Welt zerstreut worden.“

Der zierliche Mann mit den kurzen dunklen Haaren wählt seine Worte mit Bedacht und taut erst beim Rundgang durch die Ausstellung richtig auf. Er ist ins Sammeln vernarrt, von Kindesbeinen an, als er Ofenkacheln, Orangenpapiere, Briefmarken, Bierdeckel hortete. So viel Leidenschaft erinnert an den Porzellansammler Utz in Bruce Chatwins gleichnamigem Roman, für den sich erst inmitten schöner Dinge eine humane Welt auftut. Sternweiler gesteht: „Sammeln ist für mich zu einem Lebensmotiv geworden.“ So wird er auch nach dem Umzug der Hauptkollektion ins Schwule Museum nicht ohne Habe dastehen. Denn außerdem sammelt er monochromes chinesisches Porzellan und konstruktivistische Kunst aus Russland. Und witzelt: „Ich bin nicht auf Männerakte festgelegt.“

Mit dem Charlottenburger Keramik- Galeristen Wolfgang Theis – auch er gehört zu den Gründungsmitgliedern des Museums – gab es eine Art Arbeitsteilung: Theis sammelte Moderne und Zeitgenössisches, Sternweiler alte Kunst und klassische Moderne bis 1933. Ihr gemeinsamer Traum: „Wir haben immer gehofft, dass wir einen alten Herrn ausfindig machen, der all das aufgehoben hat, was uns interessiert. Da er uns nie über den Weg gelaufen ist, haben wir uns diesen Traum selbst verwirklichen müssen.“

Sternweiler hat viel riskiert. Homosexualität in der bildenden Kunst war in den achtziger Jahren, als er an der Freien Universität Kunstgeschichte studierte, ein Nicht-Thema. Manchmal aus Ablehnung, oft aus Unsicherheit. 1984 wäre die Schau „Eldorado. Homosexuelle Frauen und Männer in Berlin 1850 –1950“ im damaligen Berlin-Museum, an der Sternweiler mitgewirkt hat, beinahe an derlei subkutanen Ressentiments gescheitert. Ihr unerwarteter Erfolg ermutigte die Gründer des Schwulen Museums. Es folgten Ausstellungskonzepte für die KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen sowie Zeitzeugeninterviews mit Homosexuellen, die die Diffamierungen der Nazizeit miterlebt hatten. Nebenbei jobbte Sternweiler als Aufsicht und Eintrittskartenverkäufer im Berlin-Museum, die Finanzierung seiner Sammelleidenschaft blieb schwierig.

Eigentlich wollte er dem Schwulen Museum alles einmal schenken. Bis dahin hätte man für Sonderausstellungen weiter problemlos bei ihm anfragen können. „Berlin, Privatbesitz“ stand gewöhnlich auf den Schildchen unter Sternweilers Leihgaben. Nun ist der Förderer auch als Sammler aus dem Schutz der Anonymität getreten. Persönliche Umstände zwingen ihn, seine Schätze dem Schwulen Museum zu verkaufen: knapp 6000 Objekte, verzeichnet in 1000 Katalognummern. Vereinbart wurde ein Kaufpreis von 240 000 Euro. 50 000 Euro hat die Kulturstiftung der Länder zugesagt, 40 000 kann das Museum aus Vermächtnissen zuschießen, noch einmal 40 000 sollen durch private Spenden hereinkommen. Weitere 110 000 Euro hofft man von Stiftungen einzuwerben. Eine gewaltige Aufgabe für die Aktivisten.

Neben Gemälden, Grafiken und Skulpturen enthält die Sammlung seltene Dokumente zur Kultur- und Sozialgeschichte der Homosexualität. Bücher, Zeitschriften, Postkarten und Privatfotos von schwulen Paaren, Künstlern und Vergnügungsstätten. Der Schwerpunkt des kulturhistorisch orientierten Teils der Sammlung liegt in Berlin, wo mit dem Wissenschaftlich Humanitären Komitee des Sexualforschers Magnus Hirschfeld 1897 die erste politische Initiative der Schwulenbewegung entstanden ist.

An erotischer Kunst reizt Sternweiler weniger, was Schwule vielleicht sexy finden, sondern, wie männliche Homosexualität thematisiert wird. Ums Explizite von Schlüsselreizen geht es nicht. Die Paradiese, die Sternweilers Sammlung beschwört, beschränken sich nicht auf knackige Körper, auf das, was man als „schwule Ästhetik“ abtun könnte. Daher die Vorliebe für die Kunst des 16. bis 18. Jahrhunderts – in der Sammlung meist durch Druckgrafik vertreten – und die Lust am kriminalistischen Entschlüsseln von Subtexten. Etwa bei der Kupferstichserie der 1780er Jahre, die einem Lord Tilney gewidmet sind und männliche Paare vor den Ruinen von Herculaneum zeigen. Ein deutscher Lexikoneintrag von 1787 erhellt den Zusammenhang. Unter dem Stichwort „Knaben-Schänderey“ wird über den skandalösen Lebenslauf des englischen Edelmanns berichtet, der sich drohender Verurteilung durch die Flucht nach Neapel entzog.

Aus solchen Szenen spricht eine Sehnsucht nach Arkadien, die nicht an sexuelle Orientierungen gebunden ist. In den Bilderserien der Götterliebschaften nach Ovid ist die Episode zwischen Jupiter und Ganymed, Symbol für die gesellschaftlich sanktionierte „griechische Liebe“, obligatorisch. Alles ist möglich. Die Alten wussten, wovon sie sprachen.

„Paradiese. Kunst und Kultur von 1500 bis 1950“, Schwules Museum, Mehringdamm 61, Kreuzberg, bis 18. September. Mi-Mo 14–18, Sa 14–19 Uhr.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben