Kultur : Von Herren und Witzen

Zum Tod des Berliner Volksbühnen-Schauspielers Klaus Mertens

Rüdiger Schaper

Es war einer der merkwürdigsten Momente der jüngeren Theatergeschichte: Mehr nolens als volens übernimmt Frank Castorf Anfang der Neunzigerjahre die Intendanz der Volksbühne, und was soll er nun anfangen mit dem kaputten Riesenhaus und den vielen unkündbaren Schauspielern, die dort seit den glorreichen Tagen von Benno Besson überwintert hatten? Die Lösung war einfach kompliziert: Er gab den älteren Mimen, die nun einmal da waren, Arbeit. Er wusste, dass eine Revolution ohne Einheimische nicht funktioniert.

Klaus Mertens gehörte zu den Alteingesessenen am Rosa-Luxemburg-Platz. In Rostock geboren, in Magdeburg zur Schauspielschule gegangen, zog er einige Jahre durch den sozialistischen Kleinstaat, hatte Engagements in Halberstadt und Görlitz, Schwerin und Erfurt, ehe er 1968 an die Volksbühne kam. Manfred Karge, Matthias Langhoff und Fritz Marquardt waren damals neben Besson seine Regisseure.

Nach der Wende wurde Mertens zu einem richtigen late bloomer. Castorf & Co. verhalfen ihm zu einer zweiten Karriere. Klaus Mertens kam – auf seine Art – groß heraus: Er spielte in Inszenierungen von Andreas Kriegenburg, Hans Kresnik, Christoph Schlingensief und Castorf selbst (zuletzt in der Bulgakow-Adaption „Der Meister und Margarita“). Doch es war Christoph Marthaler, in dessen somnambulen Orgien Klaus Mertens zum stillen Star wurde.

Eine Marthaler-Inszenierung ohne Mertens kann man sich im Grunde gar nicht vorstellen. In der Vorstellung zum zehnjährigen Jubiläum von „Murx den Europäer“ – es war die 169. ! – stand Klaus Mertens vor ein paar Wochen zum letzten Mal auf der Bühne. Am Sonntag ist er seinem Krebsleiden erlegen. Er wurde 74 Jahre alt.

Es ist nur ein geringer Trost, dass er so spät im Leben seinen Platz fand – ganz vorn in der Reihe der Schauspieler, die mit dem Schweizer Regie-Phänomen Marthaler einen neuen Ton im zeitgenössischen Theater kreierten, in Berlin, Hamburg und Zürich. Ein komödiantisches Dasein im Wartesaal des Lebens – und manches Mal schlug Mertens, der die Statur eines preußischen Beamten besaß, hier einen überraschend scharfen Ton an. Das war seine besondere Kunst, sein Markenzeichen: der aufrührerische Gestus in der irren Marthalerschen Un-Ordnung. Ohne eine Miene zu verziehen, exekutierte er tollkühnen Herrenwitz. Ein Dada-Text klang bei Klaus Mertens wie eine hybride technische Gebrauchsanweisung und umgekehrt.

Rollen im eigentlichen Sinn gibt es bei Marthaler fast nie. Seine Stammspieler entwickeln einen spezifischen Klang, eine bestimmte Farbe. Da gibt es die Zappler, die Exhibitionisten, den Sisyphos-Charakter. Klaus Mertens aber unterzog sich all diesen sanft-wahnsinnigen Exerzitien der Starre und des stummen Protests mit kühler Noblesse. Ein Anführer-Typ, die graue Eminenz. Doch mit dieser distanzierten Haltung geriet er immer nur tiefer und intensiver in den meditativen Marthaler-Mahlstrom hinein.

Der beispielhafte, beispiellose Erfolg der Volksbühne ist vor allem – Ensemblearbeit. „Kunst ist, wenn man abnorme Zustände in die Fähigkeit der Wiederholbarkeit versetzt“, hat Castorf einmal in einer Lobrede auf Marthaler gesagt, zum Konrad-Wolf-Preis 1996. Diese „Fähigkeit“ besaß Klaus Mertens in hohem Maß. Sein Tod trifft das Haus in einem Moment, da man an Bert Neumann, den Volksbühnen-Bildner, denken muss, der vor kurzem seinen Sohn bei einem tragischen Unglück verlor. „Marthalers Figuren“, sagte Castorf, „suchen Halt, nicht nur für den heutigen Tag. sondern auch für den morgigen, und sind darum sehr ausgeliefert“.

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