Kultur : Von Hexen und Witwen

Ehebrüche, Hasenherzen: Zum Tod des großen amerikanischen Schriftstellers John Updike

Gerrit Bartels

Es war in den späten achtziger Jahren, als John Updike erzählt wurde, „vielleicht im Spaß“, dass da jemand eine Biografie über ihn plane. Leicht empört darüber, dass hier ein Mensch daran dachte, „mir mein Leben, meine Goldmine, meinen Hort an Erinnerungen wegzunehmen“, setzte Updike sich kurzerhand selbst hin und verfasste einige autobiografische Essays, um sein Leben, „diese massive gegebene Größe, die zufällig mit mir zu tun hat, als exemplarisch darzustellen, als stellvertretend in ihrer sonderbaren Einzigartigkeit, stellvertretend für all die sonderbar einzigartigen Leben auf dieser Welt.“

Unter dem schön doppeldeutigen Titel „Selbst-Bewußtsein“ kurz darauf veröffentlicht, war Updikes Selbstbewusstsein zu diesem Zeitpunkt berechtigterweise schon so groß, dass er seine Herkunft und seinen schriftstellerischen Werdegang mindestens als „stellvertretend“ verstanden wissen wollte. Leben und Werk sah er in einen größeren, sehr amerikanischen Zusammenhang eingebettet. Und genau das hatte er als junger, „skrupelloser“, von einer unschönen Hautkrankheit namens Psoriasis geplagter, mit jedwedem Leid dennoch nur flirtender Schriftsteller immer vorgehabt: „In der langen Zukunft, die vor ihm lag, ganz Amerika als ein Mosaik darstellen“, lässt er es eines seiner Alter Egos und listigen Gegenmodelle, den Schriftsteller Henry Bech, einmal sagen.

Für ganz Amerika hat es bei John Updike sicher nicht gereicht, dafür war er nach dem Weggang aus seinem Elternhaus in Shillington, Pennsylvania, wo er 1932 geboren wurde, und seinen ersten schriftstellerischen Bemühungen im New York der fünfziger Jahre zu sehr Angehöriger der weißen, protestantischen, und gebildeten Ostküstenmittelschicht, deren Bigotterien er so gut auszuleuchten und zu interpretieren verstand. Aber würde man seine Bücher, beginnend mit der sich über drei Jahrzehnte erstreckenden Rabbit-Tetralogie, mit Romanen wie „Ehepaare“ (1969) über „Die Erinnerungen an die Zeit unter Ford“ (1994) bis zu „Terrorist“ (2006) chronologisch lesen, bekäme man einen doch großen Ausschnitt der amerikanischen Alltagsrealität und jüngeren Geschichte.

Und darüber hinaus: 2000 erschien von ihm mit „Gegen Ende der Zeit“ ein Roman, der 2020 in einem von einem Atomkrieg mit China zerstörten Amerika spielt. Mag die alte Ordnung aber zusammengebrochen sein, so ist der Held des Romans, der pensionierte Börsenmakler Ben Turnball, doch ein alter Bekannter aus Updikes riesigem Erzählwerk. Dessen Sorgen und Ängste, dessen Obsessionen und Erlösungsphantasien sind jene von Harry Angstrom aus den Rabbit-Romanen, von Roger Lambert in „Das Gottesprogramm“, oder von Updike selbst aus „Selbst-Bewußtsein“. Obwohl Turnbull wegen eines Prostata-Leidens Sex nur noch imaginieren kann, ist dieser für ihn ein unverzichtbares Lebenselixier. Und auch wie man Ehebruch buchstabiert, wie man ihn positiv deutet, weiß Turnbull genau: „Meine Ehe, das wusste ich, war zum Scheitern verurteilt durch diesen Vertrauensbruch oder durch die, die danach noch kamen, aber ich war wieder lebendig in diesem beständigen unmittelbaren Gefahrenmoment, in dem Tiere ein gesundes Leben führen.“

John Updike, in konservativen, kleinbürgerlichen Verhältnissen aufgewachsen, war ein Kind der fünfziger Jahre, heiratete im zarten Alter von 23 und zeugte mit seiner Frau bis 1960 vier Kinder. Er setzte sich für den Vietnam–Krieg ein, was er bereute, aber nur zu gut verstand, fand aber vorher schon sein bevorzugtes Thema: das der sexuellen Freizügigkeit, das des Ehebruchs. In einer frühen, noch als Harvard-Student verfassten und 1954 vom „New Yorker“ (wo er kurz darauf anfing zu arbeiten und bis ins hohe Alter schrieb) abgelehnten Kurzgeschichte mit dem Titel „Ace ist Trumpf“ deutete er an, in was für Turbulenzen junge Paare mit der Liebe geraten können. Und in seinem ersten Rabbit-Roman „Rabbit, Run“ ist er 1960 schon auf der Höhe seines bis heute erfolgreichsten Romans „Ehepaare“, als er Harry Angstrom seine schwangere Ehefrau kurzzeitig verlassen lässt (viel später betrügt Angstrom sie gar noch mit seiner Schwiegertochter).

Updike ist sich in dieser Hinsicht sehr treu geblieben, wie noch sein wunderbarer, um keine sexuelle Schilderung verlegener 2007er-Roman „Landleben“ beweist. Auch seinen Figuren blieb er treu: sei es „Rabbit“, den er 2000 im Bewusstsein von dessen Angehörigen noch einmal zum Leben erweckte. Sei es Henry Bech, der in vier Büchern ein repräsentatives Schriftstellerleben führt und sogar den Nobelpreis erhält, für den Updike bloß im Gespräch war. Seien es die „Hexen von Eastwick“, die er zuletzt als „Die Witwen von Eastwick“ weiterverfolgte (den Roman gibt es im Juli auf Deutsch).

Treue bewies er auch sich selbst gegenüber in seinem nie versiegenden, klaren und realistischen, psychologisch ausgefeilten Erzählfluss. Wenngleich diese Treue nicht keine thematische oder formale Eintönigkeit beinhaltete: Updike schrieb Bücher über Golf oder die Kunstszene. Er meisterte elegant eine Shakespeare-Variation, dachte sich in „Terrorist“ in die Psyche eines fanatischen Islamisten und philosophierte naheliegenderweise mehr und mehr über das Alter.

Und er war ein großartiger Kurzgeschichtenerzähler und Gedichteschreiber, ein glänzender Essayist und auch Nachrufschreiber: Sein „mustergültiger Nachruf“ auf Nabokov ist Ausgangspunkt für Nicholson Bakers lustig-kluges Buch „U & I“, in dem Baker seine Beziehung zu Updike schildert, von Updike übrigens selbst rezensiert. Verehrt jedoch wird Updike nicht erst seitdem wie kaum einer der großen US-Schriftsteller von Roth bis Pynchon. „Man möchte gern etwas schreiben, was noch gelesen wird, wenn man selbst schon tot ist“, hat er einmal widerstrebend in einem Interview bekannt. Sein Leben dürfte ihm auch jetzt keiner so leicht wegnehmen, Tod hin oder her, und so ein reiches erzählerisches Werk macht ihm erst recht keiner nach. Das wird noch lange bleiben. Am Dienstag ist John Updike einem Lungenkrebsleiden erlegen.

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