Kultur : Von Insel zu Insel

Bundespräsident Köhler eröffnet das deutsche Kulturjahr in Japan – und macht Reklame für die deutsche Hauptstadt

Bernhard Schulz

„Faszinierend“ nannte Bundespräsident Horst Köhler die Ausstellung „Meisterstücke der Berliner Museumsinsel – Visionen des Göttlichen“, die er zuvor hatte besichtigen können. Damit traf der Präsident, fern jeder pflichtschuldigen Höflichkeit, ins Schwarze. Denn was die Staatlichen Museen da ins Nationalmuseum Tokio geschickt haben, stellt tatsächlich ein mit Spitzenwerken gespicktes Kondensat der Museumsinsel dar. Das ist der Ehrgeiz von Museums-Generaldirektor PeterKlaus Schuster: in Tokio schon einmal einen Probelauf zu starten für das künftige Aussehen der Museumsinsel als eines Universalmuseums in fünf Häusern. Im Fernen Osten ist derzeit zu ersehen, was der viel beschworene „Masterplan“ auf die Museumsinsel zaubern wird, wenn erst einmal alle Häuser saniert und vier von ihnen durch eine „Archäologische Promenade“ verbunden sein werden.

Mit der erlesenen Ausstellung hatte das Veranstaltungsjahr „Deutschland in Japan 2005/2006“ seinen glanzvollen offiziellen Auftakt, nachdem vier Wochen zuvor bereits die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden in der Hafen- und Industriestadt Kobe den weit gespannten Veranstaltungsreigen eröffnet hatten. Und Köhler, der mit einer von Jutta Limbach bis Olaf Henkel schwergewichtig besetzten Delegation zu einem „Offiziellen Arbeitsbesuch“ in Japan weilte, konnte sich vergleichsweise unbeschwert an das machen, was er sich zur Aufgabe gestellt hat: Deutschland draußen in der Welt zu verkaufen. Seine Tokioter Eröffnungsrede gipfelte in der Aufforderung, nach Deutschland zu kommen: „Lassen Sie sich von der Dynamik, von der Vielfalt und der Innovationsbereitschaft unseres Landes begeistern!“

Das war eine etwas andere Tonlage als die, die Köhler am 15. März bei seiner viel beachteten Rede beim Arbeitgeberforum „Wirtschaft und Gesellschaft“ angeschlagen hatte. Seinerzeit in Berlin las er dem bundesdeutschen Wirtschafts- und Sozialsystem die Leviten. In Japan gab er den Mutmacher, der die Stärken des Landes hervorheben wolle, wie er den mitreisenden Journalisten anvertraute. Kleiner Schönheitsfehler nur, dass er zur Kultur, die doch den Hauptexportartikel dieses Deutschlandjahres bildet, noch nicht den gleichen selbstverständlichen Zugang findet wie zu seinem angestammten Terrain der Wirtschafts und Währungspolitik. Immerhin betonte er immer wieder den Programmschwerpunkt der „Aktuellen Trends“ von Mode und Design bis zur Club Culture, das dem – wie ortskundige Diplomaten es bekümmert nennen – „veralteten“ Deutschland-Bild der Japaner entgegenarbeiten soll. Demonstrativ ließ sich Köhler in der zur „Designer-Lounge“ veredelten Bar an der Spitze des Mori Tower die jungen Modemacher vorstellen, deren Kreationen zuvor einem trendigen Tokioter Publikum präsentiert worden waren. Dennoch, die etablierte Hochkultur bildet das Rückgrat des Deutschlandjahres: Allein aus Berlin sind mit den Philharmonikern, dem BSO und der Staatskapelle, dem Deutschen Theater, der Volks- und der Schaubühne sechs Schwergewichte des hiesigen Kulturbetriebs vertreten.

In Tokio begann das Deutschlandjahr zugleich mit einem Aufmarsch der Berliner „Buddy-Bären“ am Fuße des gigantischen, 54-stöckigen Mori Tower. Köhler adelte die knallbunten Straßentiere tapfer zu „Botschaftern Berlins“, samt Einladung, „in die Weltstadt im Herzen Europas zu kommen“. Schon zuvor hatte Köhler vor dem Nationalen Presseklub die deutsche Hauptstadt als „eine der attraktivsten Metropolen der Welt“ gepriesen – „zumindest auf dem Weg dorthin, es zu werden“. Ob er denn bei seinem emphatischen Metropolen-Begriff bleiben wolle, nachdem er Tokio, dieses von Horizont zu Horizont nicht endende Riesengebilde, gesehen habe, wurde der Präsident später gefragt. Kurzes Überlegen, dann ein strahlendes „Ach, ich bleib’ dabei!“ Horst Köhler will nicht nur positiv wirken, er ist auch ersichtlich – und glaubhaft – von all seinem Optimismus überzeugt.

Das war im Superschnellzug Shinkansen auf dem Weg zur Weltausstellung, unlängst eröffnet im Städtchen Aichi nahe der Autostadt Nagoya. Dorthin, zur Expo 2005, machte der Köhler-Tross einen knappen Abstecher: Besuch des japanischen Pavillons, anschließend Besuch des deutschen sowie des französischen Beitrags, die sich einen Pavillon zu beiden Seiten eines Foyers teilen.

Hauptattraktion der deutschen Doppelhaushälfte ist eine Achterbahn, wie sie jeder Freizeitpark besser hinkriegt. Sie soll den Besucher in sechs Minuten Geruckel und Geschuckel mit ein paar deutschen Errungenschaften auf dem Gebiet der Biotechnik bekannt machen, ehe ein rührend naiver Bühnenprospekt deutsche Lande ins Bild setzt. Ansonsten haben sich einige Firmen erbarmt, Gängiges aus ihrer Produktion im Erdgeschoss des Pavillons abzustellen. Für die Fotografen ließ sich Köhler dazu bewegen, auf das Motorrad einer bekannten weiß-blauen Marke zu klettern. So etwas muss wohl sein, zum Nutzen der präsidialen Exportoffensive.

Das Gastgeberland kommt mit seinem Pavillon allerdings kaum überzeugender daher. „Die Weisheit der Natur“ ist das Generalthema dieser Expo – und spiegelt die Unsicherheit angesichts jahrzehntelangen Raubbaus an Natur und Landschaft. Jetzt besinnt sich das Land auf Umweltschutz. Gerade da hätte Deutschland einiges zu bieten, was die technikverliebten Japaner beeindrucken könnte.

Doch die präsidiale Karawane zieht weiter, um in der uralten Kaiserstadt Kyoto ein paar unbeschwerte Termine zu absolvieren, nächtens am beleuchteten Park des Heian-Schreins und anderentags vor dem Postkartenmotiv des vergoldeten Kinkakuji-Tempels. In Kobe erweist Köhler den Dresdnern mit ihrer Ausstellung Reverenz, bevor der Rückflug vom Flughafen Kansai ansteht.

Die Fahrt dorthin führt eine gute Stunde lang durch die endlosen Hafen- und Industrieanlagen der Japan AG. Ein eindrucksvoller, aber auch bedrückender Anblick. Die Fixierung allein auf die Ökonomie – und das spürt Japan mit merklicher Unruhe – beantwortet nicht alle aktuell drängenden Fragen. Das wäre ein gedanklicher Ansatz, der dem Programm „Deutschland in Japan“ Dignität verliehe – und eines bundespräsidialen Wortes würdig wäre, auch und gerade in Japan.

0 Kommentare

Neuester Kommentar