Kultur : Von Johan van der Keuken

Gregor Dotzauer

Die Aussicht zu sterben kann eine ziemlich abstrakte Angelegenheit sein. Auch wer so krank ist, dass ihm nur noch begrenzte Zeit bleibt, sieht dem Tod nicht unbedingt ins Auge. Ein Film hält das Vergehen der Zeit nicht auf, doch fest und eignet sich wahrscheinlich besser als jedes andere Medium zur Selbstvergewisserung, wie etwas Unsichtbares in die sichtbare Welt eindringt. Und weil "De Grote Vakantie" ein Film von Johan van der Keuken ist, hat sein Versuch, mit der Nachricht fertig zu werden, dass er an Prostatakrebs erkrankt ist, auch nichts Exhibitionistisches.

Am Anfang ist es tatsächlich nicht mehr als eine Nachricht. Er hat keine Schmerzen, also auch kein wirkliches Bewusstsein der Bedrohung - außer dass er die drei, vier Jahre, die ihm noch bleiben, für etwas Schönes, für "Große Ferien" mit seiner Frau Nosh nutzen will. Das ist die Ausgangssituation: die Perspektive, der sich alle Wahrnehmungen unterordnen müssen. Mehr noch als eine Reflektion über den Tod ist "Die Großen Ferien" aber ein philosophischer Reiseessay, wie ihn der Amsterdamer Filmemacher, Jahrgang 1938, nicht zum ersten Mal gedreht hat - doch, wie er fürchtet, zum letzten Mal: das Testament eines Mannes, der erst allmählich erfährt, dass er überleben wird. Fürs erste.

Van der Keukens Filme gehören zu einem cinéma du réel, das zugleich ein cinéma du spirituel ist - nicht so sehr in einem esoterischen Sinn (obwohl der Buddhismus bei van der Keuken seit langem eine Rolle spielt), sondern in einem europäischen. Sie wollen eine Dimension des Daseins denken, an die man nicht glauben muss, um ihre Bedeutung anzuerkennen. Van der Keuken ergründet die Ideen hinter den Dingen, und das mit einem Blick für Formen, Oberflächen und Strukturen, die sich zu kühlen Stilleben arrangieren - nature morte gegen die Lebendigkeit des menschlichen Gesichts: eine abblätternde Mauer, Schatten, Äste, Pfähle, die Beschaffenheit des Bodens, die Konturen einer Landschaft.

Van der Keuken betreibt auf allen Ebenen eine Suche nach Ähnlichkeiten: zwischen den Farbsegmenten eines Gemäldes von Paul Klee und den Pixeln des elektronischen Bildes, zwischen dem abendländischen Werden und Vergehen und dem buddhistischen dharma, dem Schweben in einem Hangglider über den Favelas von Rio de Janeiro und dem Schiffsverkehr auf den unscharf glitzernden Wasserfluten rund um Amsterdam. Panta rhei: Alles fließt.

"Ferien eines Filmemachers" (1975), eine Arbeit, die van der Keuken mehrfach zitiert, war ein sommerliches Tagebuch. "Die großen Ferien" sind, so van der Keuken, "ein Totenbuch", eine assoziativ verstrebte Sammlung von Bildern, die ihm beweisen sollen, dass er noch am Leben ist - ob er sich von einem Professor der Strahlentherapie in Utrecht seine Aussichten erläutern lässt oder sich in die Hände einer schamanischen Wunderheilerin begibt. Wie van der Keukens letzter großer Film "Amsterdam Global Village" (1997) verzweigen sich die Stränge von "De Grote Vakantie" in alle Welt: nach Bhutan, um etwas über den Sinn des Leidens aus buddhistischer Sicht zu erfahren; nach Burkina Faso, um zu sehen, wie man sich aus der nackten rissigen Erde ernährt und wie freudvoll das Leben inmitten dieser Armut sein kann. Und wie immer nimmt sich van der Keuken eine Zeit zum Beobachten, die der westlichen Zeitnot, die er gerade jetzt spüren müsste, widerspricht - etwa wenn er einen Zenmönch minutenlang beim Meditieren beobachtet, während die Kamera sich kaum merklich heranzoomt.

Es gibt auch in den "Großen Ferien" die Keuken-typische Mischung von Intimität und deren Verweigerung, der es gelingt, jedes private Detail ins Allgemeine zu übersetzen. Man erfährt nicht, wie tief van der Keuken die Nachricht von seiner Erkrankung erschüttert. Aber man begreift, mit welcher Gelassenheit man darauf reagieren kann. Womöglich liegt das jedoch daran, dass van der Keuken das Schlimmste erspart bleibt: Bei einem New Yorker Arzt stößt er auf eine Kräuter-Therapie, die anschlägt. Eine der schönsten Szenen dieses in Bildern denkenden Films, der den Off-Kommentar nur zur Präzisierung braucht, ist das Defilee von 105 Kindergesichtern, die van der Keuken in einem Dorf in der Sahelzone gefilmt hat. Unterbrochen von harten Schnitten treten sie vor die Kamera und nennen mal lachend, mal verschämt ihren Namen. Filme wie dieser erinnern daran, dass auch das eigene Verschwinden diesen Reichtum nicht auslöscht.Heute 16.30 Uhr (CineStar8). Morgen 11.30 Uhr (Arsenal). 19.2., 21 Uhr (Babylon).

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