Kultur : Von Liebhabern und anderen Insekten

Uraufführung am Hamburger Schauspielhaus: Roland Schimmelpfennigs „Vorher/Nachher“

Rüdiger Schaper

Von Rüdiger Schaper

Ist Roland Schimmelpfennig ein Moralist? Oder ein Evolutionstheologe? Wie ein altholländisches Sittengemälde und Suchbild baut sich das neue Stück des 35-jährigen Dramatikers auf, filigran in den Details, prall in der Gesamtsicht – nur dass man hier Mühe hat, in dem Gewusel und Gewese etwas Verbindliches zu erkennen. Menschen und Krabbelgetier kreiseln durch Raum und Zeit, und das Einzige, was diese mitteilungsbedürftigen Wesen einander näher zu bringen scheint, ist ihr Egoismus – der Hunger nach Sex. Post coitum omne animal triste: In Schimmelpfennigs „Vorher/Nachher“ herrscht ein Gefühl von Trauer auch vor dem Akt, und mittendrin.

„Und deshalb sucht er seit Wochen vehement nach einem Fick“. Das ist Szene vierzehn von 51 Szenen insgesamt: der betrogene Mann. Eine von vielen Geschichten, die sich durch diesem Fick- und Flickenteppich ziehen. Paare und Passanten im komprimierten Dialog – oder in kühler Beobachtungsprosa; dann sprechen sie von sich selbst wie von einem Fremden, in der dritten Person. Alles, was zählt, ist der Moment. All die Männer und Frauen – Vetreter der intellektuellen Mittelschicht, Handwerker, Unternehmer, Tagträumer, Spinner, Sternengucker und Insektenjäger – strecken sich nach der Bettdecke. Die Zukunft erscheint diffus-bedrohlich, die Vergangenheit als eine Last – und die Gegenwart als Falle, zwischen Koma und Klischee. In Szene dreizehn beten drei Nonnen aus heiterem Himmel: „O Herr, o Herr, o Herr“. Es wirkt wie ein stellvertretender Hilferuf.

Als Roland Schimmelpfennig noch Hausautor der Berliner Schaubühne war, zeichneten sich seine Stücke („Vor langer Zeit im Mai“, „Arabische Nacht“) durch ihre Verspielheit und Leichtigkeit aus. Jetzt muss man sagen: Der Ton ist ernster geworden, die Komik härter, die Perspektive komplizierter. „Vorher/Nachher“ liest sich wie eine skurrile Zwischensumme der deutschprachigen Dramatik der letzten zwanzig, dreißig Jahre. Das Pathos eines Botho Strauß, das beredte Schweigen eines Peter Handke klingen an und schwingen mit, die Jugendlichkeitsdramolette so vieler anderer Autoren, die vor kurzem noch die Mode diktierten, scheinen überwunden. Der Einfluss des Kinos („Short Cuts“) und der amerikanischen Literatur (etwa die Erzählungszyklen eines David Foster Wallace) liegt auf der Hand. Schimmelpfennig bezeichnet seine Patchwork-Methode als „Breitbanddramaturgie“, er will das big picture – in seiner Zersplitterung.

Je gründlicher eine Gesellschaft den Tod ignoriert, desto heftiger das Verlangen nach Sex. Das ist die morbide Grundstimmung in „Vorher/Nachher“. Und das ist sehr schwer zu inszenieren. Doch: Jürgen Gosch, der am Deutschen Schauspielhaus Hamburg schon Schimmelpfennigs „Push up 1-3“ aufgeführt hat, findet zusammen mit dem Bühnenbildner Johannes Schütz eine Lösung für das geordnete Chaos von „Vorher/Nachher“. Der Regisseur stellt alle zwölf Schauspieler auf die leere, schwarze Bühne. Keiner verlässt den Raum! Da dreht sich eine riesenhafte, leere Leinwand, wie ein Segel, wie ein stumpfer Spiegel. Eine Party, eine gruppentherapeutische Sitzung, eine Choreografie, was immer. Es funktioniert. Die Versammlung der Vereinzelten, die aneinander vorübergleiten wie Moleküle in einem Modell, entwickelt subtile Dynamik.

Sie sprechen schnell-schnell. Sie absolvieren ihre Auftritte unter Hochdruck. Allzu lange können sie mit Worten und Körpereinsatz der Zentrifugalkraft nicht widerstehen, die sie wieder an den Rand schleudert, ins Halbdunkel. Christiane von Poelnitz (als alte Frau) schreit ihren Selbstekel heraus. Wiebke Puls hetzt durch ihren Beziehungsbruch. Thomas Dannemann hechelt die Inhaltsangabe eines Pornos herunter, in dem es der US-Präsident mit zwei Frauen treibt. Joachim Meyerhoff gräbt sich durch eine mysteriöse Geschichte von Naturzerstörung und Industrialisierung. Bernd Moss wirft sich einem absolut tödlichen, unsichtbaren Organismus aus dem Weltall in den Rachen. Undsoweiter. Allein Ilse Ritter scheint alle Zeit der Welt zu haben, ihr Ehedrama zu memorieren; der Kontrapunkt in einer High-Speed-Inszenierung, so zart, so anrührend-charmant und so ausführlich, dass man fast die Geduld verliert.

Die Schauspieler zeigen ihr nacktes Fleisch. Ausziehen geschieht zwanghaft. Ficken ist ein unfairer Sport: Erotisch ist das alles keineswegs. Regisseur Gosch skizziert eine freudlose Gesellschaft mit Galgenhumor, immerhin. Ein nacktes Paar steht entsetzt in Pose, wie Adam und Eva auf einem Gemälde von Cranach. Die Erbsünde?! Wir entfernen uns lustig immer weiter vom Paradies – das also verbirgt sich am Ende hinter Schimmelpfennigs „Vorher/Nachher“.

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