Kultur : Von Mäusen und Millionen

Ein Jahrmarkt der Kostbarkeiten: die 37. Art Basel

Katrin Wittneven

Es gibt Spektakel, die können sehr klein sein. Wie die winzige ausgestopfte Maus, die scheinbar völlig entspannt auf einer Miniatur-Luftmatratze liegt und am Stand der Mailänder Galerie Massimo De Carlo zu entdecken ist. Doch weil die Idee dazu von Maurizio Cattelan stammt, kostet das Tierchen mehr als 200 000 Euro. Den genauen Preis möchte die Galerie nicht mehr angeben, denn bereits am Eröffnungsmorgen der 37. Art Basel ist die Maus verkauft. „Die Kunst dreht sich ums Leben, der Kunstmarkt ums Geld“, so bestechend schlicht hat es Damien Hirst einmal formuliert. Und wo könnte man sich mehr von dieser Wahrheit überzeugen als auf der wichtigsten Kunstmesse der Welt.

Rund 300 Galerien sind unter mehr als 900 Bewerbern ausgewählt worden und präsentieren Werke von über 2000 Künstlern des 20. und 21. Jahrhunderts. Allein 60 Großprojekte sind in der Sonderhalle Art Unlimited untergebracht. Hier glitzert und glimmert es wie nie zuvor: Der Besucher kann sich treiben lassen wie auf einem Jahrmarkt, kann sich in John Bocks drehbarer Tonne ins Menschen-Hamsterrad begeben, einen orangenen VW-Bus bestaunen, den Erwin Wurm von einem Magier hat verbiegen lassen, oder dem Krawall des ebenfalls drehbaren und inzwischen vollständig zertrümmerten Jugendzimmers von Martin Kersels aussetzen.

Man muss schon sehr genau hinschauen, um in dem Getöse so Feinstoffliches wie Helen Mirras Installation „Wolkendecke“, Vibeke Tandbergs Zeitungscollagen aus der International Herald Tribune oder eine Wandarbeit aus Blattgold von Arturo Herrera zu bemerken. Nicht zu übersehen ist dagegen James Rosenquists 40 Meter langes Wandbild, das Acquavella Galleries für 9 Millionen Dollar im Angebot hat. Diesen Erlebnispark bringt Carsten Höllers verspiegeltes Karussell vielleicht am besten auf den Punkt, das der Mega-Händler Larry Gagosian für 400 000 Dollar anbietet.

In den zweistöckigen Hauptmessehallen der Art ist es ruhiger. Und doch gehen einem auch hier die Augen über. Wo sonst sind auf engstem Raum so hochkarätige Kunstwerke zum Museum auf Zeit vereint? Der Sprung von De Kooning zu Kippenberger erscheint hier gar nicht mehr so groß zu sein. Allein am Stand von Marlborough treffen Francis Bacons Triptychon „Three Studies from the Human Body“ (19 Millionen Dollar), ein lichtes Großformat von Andy Warhol mit zwei Hamburgern für 8,5 Millionen Dollar und mehrere Blumenstillleben von Nolde aufeinander, die sofort verkauft waren. Bei Brusberg ist eine kleine Ikone des Surrealismus, René Magrittes „La terrasse d’Atahualpa“, für 900 000 Euro reserviert, und neben zwei Landschaften von Max Ernst (145 000 und 280 000 Euro) konnte der Berliner Kunsthändler bereits am Eröffnungstag rote Punkte kleben.

Vor allem den Picasso-Markt haben die letzten Auktionsrekorde noch einmal befeuert: 28 Händler bieten Arbeiten des spanischen Ausnahmekünstlers an, darunter das wohl teuerste Werk der Messe: einen Frauenakt bei Nahmad Helly aus dem Jahr 1932 für 25 Millionen Dollar. In seiner kraftvollen, fast flächigen Farbigkeit und der reduzierten Formgebung war er seiner Zeit um Jahrzehnte voraus.

Auch in der Fotografie haben die Preissprünge der vergangenen New Yorker Auktionen Spuren hinterlassen: Kicken Berlin präsentiert in einem Kabinett ein Stillleben mit Gabel und Teller von André Kertész für eine Million Euro. Kertész’ im Atelier eines befreundeten Bildhauers entstandenes Porträt einer Tänzerin mit grotesk verdrehter Körperhaltung kostet sogar zwei Millionen. Weltweit gibt es nur vier Vintage Prints dieses Motivs.

Trotz solcher Klassiker ist nicht zu übersehen, dass sich die Art noch einmal verjüngt hat. „Moderne und zeitgenössische Kunst sind für mich Teile des gleichen Körpers“, sagt Messedirektor Samuel Keller, der mit dem neuen Segment „Art Premiere“ auch der jüngsten Kunst ein weites Spielfeld eingeräumt hat. Die Grenzen sind – vor allem preislich – längst fließend geworden: Die New Yorker Galerie 303 präsentiert ein Gemälde von Karen Kilimnik aus dem Jahr 1997 auf einer dunkelgrünen Wand wie ein historisches Meisterwerk – und verkauft es für 250 000 Dollar. Eine zeitgemäßere Präsentationsform wählte Esther Schipper aus Berlin, deren Stand zu den schönsten der Messe zählt. Fein komponiert wie eine Ausstellung über optische Fallstricke, ist er nahezu ganz in Schwarzweiß gehalten und vereint doch Unterschiedliches von General Ideas Wandarbeit „One Month of AZT“ bis zu Angela Bullochs „Smoke Spheres“.

Hinter der allgemeinen Hochstimmung wird aber auch eine gewisse Unruhe spürbar. Wie lange wird es gut gehen mit den Preissprüngen? Wie lange noch werden die Privatjets der Großsammler in Basel landen? Verlässt Keller, der ab 2008 die Direktion der Foundation Beyeler übernimmt, gar das sinkende Schiff? Noch kann man Entwarnung geben: Der Markt ist heiß, hängt aber nicht allein an Fantasiepreisen und denen, die bereit sind, sie zu zahlen. Eine junge, gut informierte und unaufgeregte Sammlerschar war ebenfalls unterwegs, die das Rückgrat des künftigen Marktes bilden könnte – auch wenn der Jetset einmal weiterfliegen sollte und die Mäuse dann wohl weniger werden.

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