Von Maler zu Mahler : Berlins Philharmoniker und ihr neuer Intendant

Der Neue ist Profi. Obwohl Martin Hoffmann sich gerade erst in die Welt der Berliner Philharmoniker einlebt, hat er verstanden, wie vermint das Terrain ist.

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Also nimmt der künftige Intendant bei der Präsentation der Saison 2010/11 am äußersten Rand des Podiums Platz und wartet, bis alle anderen Protagonisten gesprochen haben: Sir Simon Rattle, der Orchester- wie der Medienvorstand und Pamela Rosenberg, die Hoffmann zum Sommer den Chefsessel überlassen wird.

Er freue sich riesig auf die neue Aufgabe, sagt dann bescheiden der Mann, der beim TV-Sender Sat1 und anschließend als Leiter einer privaten Fernsehproduktionsfirma Hundertschaften befehligt hat. „Dass die Musiker mit derselben Neugier auf mich zugehen wie ich auf sie, macht die Atmosphäre sehr erfreulich.“ Großartig findet Hoffmann auch die Initiative, das Eröffnungskonzert der Spielzeit am 27. August durch Live-Übertragungen in bundesweit 32 Kinos sowie als PublicViewing-Aktionen in mehreren Großstädten bis zu 30 000 Menschen zugänglich zu machen. Seine Trümpfe möchte der künftige Intendant noch nicht ausspielen. Er belässt es bei Ideen, die er „angedacht“ hat: Dass es interessant sein könnte, neben dem jährlichen pianist in residence eine Persönlichkeit aus einer anderen Kunstgattung ans Orchester zu binden, einen Schriftsteller oder Maler. Mit Udo Kittelmann, dem Direktor der Nationalgalerie, überlegt er bereits Möglichkeiten, die Häuser wechselseitig für Ausstellungen respektive Konzerte zu nutzen.

Es geht überhaupt sehr ruhig zu bei dieser mit Spannung erwarteten Pressekonferenz, betont unspektakulär. Sir Simon lässt sich nicht von dem Vorwurf aus der Ruhe bringen, sein Repertoire der kommenden Saison sei ungefähr so innovativ wie das des Erzkonservativen Christian Thielemann. Sicher, Rattle wird einen auf 18 Monate angelegten Mahler-Zyklus starten. Doch die Stücke, mit denen er die Sinfonien des Wieners kombiniert, sind wohlüberlegt: Die Erste sieht Rattle als Schwesterstück zu Beethovens Vierter, die Sechste findet er als „Bonsai-Version“ in Alban Bergs Orchesterstücken op. 6 wieder, zur Neunten hat er Musik von Helmut Lachenmann ausgewählt.

Wichtiger sind Rattle zwei andere Dinge: Pamela Rosenberg Dank zu sagen für ihr „menschlich work“ in den vergangenen vier Jahren und seiner Vorfreude auf vier Debüts von jungen Dirigenten Ausdruck zu verleihen. Eivind Gullberg Jensen, Andris Nelsons und Yannick Nézet-Séguin stellen sich im Oktober vor, Yutaka Sado folgt im Mai 2011. Gustavo Dudamel und Kyrill Petrenko vervollständigen den Reigen der Nachwuchsstars, denen eine Phalanx von Altmeistern gegenübersteht: Claudio Abbado, Bernard Haitink, Charles Mackerras, Herbert Blomstedt, Pierre Boulez. Seiji Ozawa wird das Silvesterkonzert dirigieren; außerdem plant er eine Tournee mit den Philharmonikern. Das Arena-Tanzprojekt dirigiert erstmals nicht Rattle, sondern die französische Barockspezialistin Emmanuelle Haim. Riccardo Chailly hat sich für den Waldbühnen-Auftritt verpflichten lassen. Die Konterfeis von Rattle und seinen Musikern in der Saisonbroschüre stammen von Jim Rakete. Was die Frage aufwirft: Ist das Eliteorchester Pop geworden – oder der Szenefotograf ein Klassiker?

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