Kultur : Von Maria bis Marx

Zum 90. des Politologen Iring Fetscher.

Norbert Seitz
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„Fetscher oder Glaser heute?“ spottete man gern, wenn in den 70er Jahren samstags in studentischen Wohngemeinschaftsküchen die beiden Frankfurter Feuilletons aufgeschlagen wurden. Der Nürnberger Kulturpolitiker und der Frankfurter Politikprofessor schienen an publizistischer Umtriebigkeit kaum zu überbieten zu sein. Vor allem Iring Fetscher galt lange als permanenter Einmischer, der kein Thema scheute und damit die Rolle des engagierten Intellektuellen zu dynamisieren schien.

In Zeiten des Kalten Krieges, als die Beschäftigung mit Marx auf den Index des Verfassungsschutzes geraten konnte, hatte er unerschrocken Seminare über Marxsche Theorie abgehalten und zehn Jahre lang die Berühmtheit erlangenden „Marxismusstudien“ herausgegeben. Der in Marbach geborene Politologe der ersten Stunde hielt darin alle Modelleisenbahnen eines demokratisch verstandenen Sozialismus am Laufen – von Elogen auf Rosa Luxemburg über die jugoslawische Arbeiterselbstverwaltung, den Prager Frühling bis zum Eurokommunismus.

Mit seinem Eintritt in die Grundwertekommission der Sozialdemokraten Mitte der 70er Jahre geriet er jedoch in den Augen seiner Freunde zu nahe an die Partei. Trotzdem gilt Fetscher unter den der SPD nahestehenden Professoren gewiss als der am wenigsten korrumpierbare.

Von steter Neugier getrieben, ließ er meist nicht mehr los, wenn er sein Thema gefunden hatte. So versuchte er mit verblüffenden Textexegesen ökologisch anmutende Passagen im Marxschen Werk aufzuspüren. In den 90er Jahren, als endlich auch die braunen Flecke in den Biografien der linksliberalen Meinungsführer im Lande ans Tageslicht kamen, begann auch Fetscher, sich mit seiner Haltung während der Nazizeit auseinanderzusetzen. So befasst sich fast die Hälfte seines 500 Seiten starken Erinnerungsbandes „Neugier und Furcht. Versuch mein Leben zu verstehen“ mit der Zeit als Offizier im Zweiten Weltkrieg. Fetscher versucht Rechenschaft abzulegen, dass er als 18-Jähriger nach seiner Aufnahme in die NSDAP unbedingt Wehrmachtsoffizier werden wollte, obwohl doch sein Vater von den Nazis aus dem Hochschuldienst vertrieben worden war. Doch Fetscher muss einräumen, dass sich der Widerspruch zwischen dem „nachdenklichen Leser von Spinoza und Mendelssohn und dem ehrgeizigen jungen Offizier nicht auflösen lässt“.

Über seine akademische Geradlinigkeit hinaus war er immer für Überraschungen gut. Dazu gehört vor allem seine spät offenbarte Konversion zum katholischen Glauben, die er auch der Ästhetik geschuldet sah: der lateinischen Liturgie, dem gregorianischen Gesang und der religiösen Bilderpracht. Norbert Seitz

P.S. Unvergessen, wie Iring Fetscher den Autor am Tag seiner Promotion 1982 für die aktive Politik zu gewinnen versuchte. Das Töchterchen seines Freundes Hoimar suche Kandidaten für die grüne Landesliste zur Bundestagswahl. Doch die Telefonnummer von Jutta Ditfurth hatte er verlegt. Es war nur gut gemeint.

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