Kultur : Von Medien, Macht und Menschen

Alles erlaubt? Was die Affäre Horst Seehofer über das Verhältnis von Politik und Privatsphäre erzählt

Peter von Becker

Eben noch war er der Favorit für den künftigen Parteivorsitz der CSU. Jetzt wird er von der Boulevardpresse mit einer angeblich schwangeren jungen Geliebten bloßgestellt. Ausgerechnet der Bundeslandwirtschaftsminister, ein verheirateter Familienvater und Chef des einst bodenständigsten Ressorts im Kabinett. Vor Seehofer traf es den EU-Kommissar Günter Verheugen, von dem Händchenhaltebilder und dann gar Nacktbadefotos aus dem Urlaub mit einer Brüsseler Kollegin kursierten. Ein paar Etagen tiefer ist gerade in Berlin ein Kreuzberger CDU-Schatzmeister als Pornodarsteller enttarnt worden. Und der einstige VW-Boss und kanzlernahe Sozialreformer Peter Hartz trat gestern vor Gericht, wo mit dem Vorwurf der Untreue zwar kein außereheliches Verhältnis, wohl aber die Rolle eines unternehmerischen Luxuszuhälters gemeint ist.

Muss uns das alles interessieren? Und dürfen die Medien alle Welt so scheinbar ungehemmt durch die Schlüssellöcher von Politikern und Prominenten blicken lassen? Die Antwort ist ein entschiedenes: Jein. Denn jeder hier genannte Fall ist anders – und allen gemein ist nur, dass es eine allzu menschliche Lust gibt an Pikanterien und Indiskretionen, an schadenfrohem Tratsch und Trash.

Wenn es dabei um Politiker geht, spielen Heuchelei und demokratischer Voyeurismus innig zusammen. Der Biedermann wäre in Sachen Sex und Sause oft nur zu gerne selber ein Brandstifter; andererseits entspringt die Lust, den Kaiser mal nackt zu sehen, auch der Entzauberung absoluter Macht und dem Wunsch nach Transparenz. Was man dann auf dem Boulevard erlebt, ist die Karambolage von Ideal und Wirklichkeit.

Macht und Moral stoßen sich in der Öffentlichkeit erst seit dem Ende des Feudalismus und dem Siegeszug bürgerlicher Sitten, die neben der Tugend auch neue Formen des Terrors gebären. Und die Doppelmoral. Einst hatten Päpste und Fürsten recht ungeniert Frauen und Nebenfrauen, Liebhaber, Kinder und Kegel. Lassen wir die Päpste beiseite, dann hat sich unter der Decke der Mächtigen (und der Bürger) erst mal nicht so viel geändert, zumal Prominenz immer lockt und verlockt. Aber noch in der jüngsten Vergangenheit galt zwischen Medien und Mächtigen das Privatleben als Tabu, so lange eine Affäre nicht Auswirkungen auf politische Inhalte und spezifische Verantwortlichkeiten hatte.

In den 60er Jahren war das beiläufige Verhältnis des britischen Verteidigungsministers Profumo mit dem Callgirl Christine Keeler nur deshalb ein Skandal und Rücktrittsgrund, weil Keeler in jener Zeit des Kalten Krieges auch von russischen Diplomaten und Spionen frequentiert wurde. Dagegen blieben Präsident Kennedys Affären auch im Weltnest Washington geheim. Über Franz Josef Strauß wusste man vieles und schrieb es nicht, wenn ihm nicht gerade die Brieftasche bei New Yorker Straßenmädchen abhanden kam; das Gleiche galt für die etwas unterschiedlichen Fälle der Kanzler Brandt und Kohl. Eine der größten Peinlichkeiten – und in den seriösen Medien nur als schiere Peinlichkeit behandelt – waren die Gerüchte über den angeblich homosexuellen Bundeswehrgeneral Kießling, eine Bonner Intrige.

Da sind wir jetzt ein bisschen weiter. Spätestens seit dem bekannten und möglichen „Enthüllungen“ zuvorkommenden Outing von Klaus Wowereit, taugen schwule oder auch lesbische Spitzenpolitiker/innen kaum noch für lüsterne oder diskriminierende Indiskretionen. Also denkt man, in einem Land, das bis vor Kurzem von einem insgesamt neunmal verheirateten Kanzler-Vizekanzlerduo regiert wurde, dürfte eigentlich auch eine Minister-Geliebte kein Thema mehr sein. Trotzdem taugt der Fall Seehofer zum Satyrspiel beim Stoiber-Drama, weil man mit der Neugier spekuliert, ob so einer jetzt zum Chef einer Partei werden kann, die für Außenstehende auf immer noch wunderliche Weise christlich bürgerlichen und besonders urtümlichen Traditionalismus mit der globalisierten Managermoderne verbindet. Den Waigel Theo hatten sie schon unter harmloseren Umständen abgesägt. So verbinden sich Bauernschwank und kleines Welttheater.

Wer da mitspielt, spielt ziemlich skrupellos nicht nur mit dem Privatleben eines Politikers. Es gibt auch eine Ehefrau und Kinder als Opfer. Gleich, ob Frau Seehofer von der Affäre ihres Mannes wusste oder nicht, ob sie das, aus welchen Gründen auch immer, womöglich tolerierte: Welche Zumutung ist es, wird es, wäre es, wenn die Seehofers jetzt den Zustand ihrer Ehe, ihres gemeinsamen und bis gestern nahezu völlig privaten Lebens vor einem Millionenpublikum ausbreiten, erklären, rechtfertigen müssten?

Politiker sind Personen des öffentlichen Lebens. Ein Protagonist wie Horst Seehofer ist auch eine Person der Zeitgeschichte. Doch die Presse- und Medienfreiheit erlaubt zunächst nur, das politische Wirken öffentlich darzustellen, nicht aber ungefragt in die private oder gar intime Sphäre eines Menschen einzudringen. Wenn Politikerpaare sich also Arm in Arm bei Bällen oder Festspielen zeigen, dann ist das ein gemeinsamer öffentlicher Auftritt, frei für Kameras und Berichte. Öffnen sie einem Blatt für eine sogenannte „Homestory“ ihre Wohnung oder ihr Ferienhaus, dann gilt das nämliche. Entblößt sich ein Politiker wie jener Kreuzberger in einem kommerziell vertriebenen Pornofilm, durchbricht er ohnehin vorsätzlich seine Privatsphäre. Paparazzi-Fotos ihres Privatlebens, durch Hecken und Zäune oder von Schiffen und Helikoptern aufgenommen, müssen Politiker und andere Prominente dagegen nicht dulden, wenn das Persönlichkeitsrecht nicht durch ein überragendes öffentliches Informationsinteresse zurückgedrängt wird. Das wäre der Fall, wenn ein Politiker in seinem Ferienhaus Kontakte mit der Unterwelt pflegt oder, sagen wir, ein Minister in flagranti mit Sabine Christiansen erwischt würde. Pikanterie und Politikum vermischten sich dann derart, dass die allfälligen Sensationsberichte ein Preis der doppelten Prominenz wären.

Wo es indes um nichts als indiskrete Massenunterhaltung geht, haben sich einige Promis zuletzt mit Hilfe von Gerichten einen gewissen Schutz ihres Privatlebens erstritten. Die Liste reicht von Monacos Caroline über Exkanzler Schröder bis zum Hochzeiter Günther Jauch. Obwohl das Personen betrifft, die Publicity oft genug für sich gebrauchen, sind es doch Gegenbeispiele: In einem Medienzirkus, in dem sich Bekannte und Unbekannte mit ihren noch läppischsten, ekligsten Privatheiten unentwegt öffentlich ergießen. Und in dem selbst minderjährige Verbrechensopfer durch verwirrte Eltern und mediengeil mitverdienende Anwälte ein zweites Mal ihre Würde verlieren.

Je politisch und sozial bedeutsamer das geheim gehaltene Leben von Politikern oder Wirtschaftsmächtigen ist, desto fragwürdiger werden natürlich neue Arkan-Sphären. Die graue Eminenz Hartz muss die Entblößung der Doppelmoral juristisch und journalistisch aushalten. Er sagt darum, schon im eigenen Interesse, aus. Horst Seehofer aber, dessen Politik bisher nicht von seinem Intimleben bestimmt wurde, muss uns gar nichts sagen. Das geht nur seine Familie etwas an. Hätte schon Bill Clinton einst gesagt, darüber rede ich nur mit Hillary, wäre ihm und der Welt eine Menge heuchlerische Hysterie erspart geblieben.

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