Kultur : Von Menschen und Dickhäutern

Die Rolle der Tiere in der Weltliteratur: Der Booker-Preisträger Yann Martel liebt ungewöhnliche Helden. Zurzeit gastiert er als Dozent in Berlin. Und wehrt sich gegen den Vorwurf, sein jüngster Roman sei ein Plagiat

Bodo Mrozek

Es ist dunkel. Gut zwanzig Studenten sitzen kerzengerade und mit geschlossenen Augen auf ihren Stühlen. Ein Mann mit Pullover und Lockenfrisur spricht mit leiser, deutlicher Stimme. „Konzentriere dich auf deinen Atem,“ sagt er auf englisch, „atme langsam.“ Die Stille füllt den Raum wie eine dicke Flüssigkeit. Der Dozent hält eine Stoppuhr in der Hand und spricht gerade so, als wolle er sein Auditorium hypnotisieren: „Du bist auf einer Waldlichtung. Die Sonne wärmt deine Haut. Vor dir steht ...“ – er dehnt die Sekunden zu einer kleinen Ewigkeit – „...ein Elefant.“

Knapp fünfzehn Minuten dauert die Meditation, dann löst sich der imaginäre Dickhäuter im kalten Licht der Neonröhren auf. Noch während die Studenten sich die Augen reiben, springt der Mann mit der dünnen, dunkel gerahmten Brille auf und schreibt Zahlen an die Tafel. Allein 359 Vögel hat er im Alten Testament gezählt, 86 Säugetiere und 76 Insekten. „Welches Verhältnis hatten die Juden zu den Tieren?“, fragt er in die Runde und beginnt so seine animalische Exegese.

Arche mit Orang-Utan

Die Tiere und die Bibel: Zwei Themen, die nicht gerade zum Repertoire der Gegenwartsliteratur gehören. Die Lehrveranstaltung von Yann Martel am Berliner Seminar für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft ist gut besucht, obwohl es ausschließlich um Tiere geht, und an diesem Mittwoch auch noch um einen der ältesten Texte der Weltliteratur: die Bibel. Das etwas andere Seminar wird von einem etwas anderen Dozenten geleitet: Der Kanadier Yann Martel ist Schriftsteller. Derzeit lehrt er als Inhaber der Samuel-Fischer-Gastprofessur an der Freien Universität. Zu seinen Vorgängern zählen Autoren wie Kenzaburo Oe, Marlene Streeruwitz oder Vladimir Sorokin.

Mit dem 1964 geborenen Martel ist nun ein Kanadier zu Gast. Bereits mit seinen zwei ersten Büchern machte sich der in Costa Rica, Frankreich und Mexiko aufgewachsene Diplomatensohn in seiner Heimat einen Namen. „Selbst“ heißt sein Roman, der sich mit den Grenzen der Identitäten zwischen Mann und Frau beschäftigt, „Aller Irrsinn dieses Seins“ sein nächstes, ebenfalls bei Volk & Welt auf deutsch erschienenes Buch.

Um Identitäten scheint es ihm auch bei seinen eigenwilligen Übungen zu gehen, die er „Visualisierungen“ nennt. Die Studenten möchte er für Tiere sensibilisieren, die in der Gegenwartsliteratur eine Randexistenz führen. In Yann Martels jünstem Buch gehören Tiere fest zum literarischen Personal. Für den Roman „Life of Pi“ erhielt er kürzlich den mit rund 75000 Euro dotierten britischen Booker-Preis. Das Buch, das im Februar im S.Fischer-Verlag auf Deutsch erscheint, sorgte für einiges Aufsehen. Es erzählt die Geschichte eines indischen Jungen, Sohn eines Zoodirektors, der Schiffbruch erleidet und sich in ein Rettungsboot flüchtet. Mit an Bord der kleinen Arche: ein seekranker Orang-Utan, eine gescheckte Hyäne und ein bengalischer Tiger. Die Besatzung dieses parabelhaften Romans kann man als Figurationen der Weltreligionen deuten – vermutlich ein Grund für die Wahl der Booker-Jury.

Kurz nach Bekanntgabe des Preisträgers erhob der brasilianische Schriftsteller Moacyr Scliar den Vorwurf des Plagiats. Er erkannte in dem Stoff seine eigene Novelle wieder, „Max and the Cats“. Darin flüchtet ein jüdischer Junge vor den Nazis in einem Boot nach Brasilien – mit einem Panther. Mit diesem Vorwurf konfrontiert, räumte Martel ein, Scliars Erzählung habe ihn tatsächlich inspiriert. Allerdings habe er sie nie gelesen und sei nur durch eine Rezension von John Updike auf sie aufmerksam geworden. Die „New York Times“ hielt dem entgegen, Updike habe das Buch nie besprochen.

Schiffbruch mit Tiger

Nachdem Martel den Urheber seines literarischen Vorbildes anrief, zog der 65-jährige Scliar seinen Vorwurf zurück. Martels Buch sei „großartig geschrieben“ und habe den Preis verdient. Die Sache sei damit für ihn erledigt. Obwohl der Stoff und selbst die Abbildung auf dem Cover einander verblüffend ähnelten, fühle er sich nicht geschädigt, sondern betrachte die Nachahmung als Kompliment. Zwar beklagt Scliar, dass er erst aus der Zeitung und nicht durch Martel von der literarischen Anleihe erfahren habe: ein Indiz für die geringe Beachtung der brasilianischen Literatur. Er könne allen brasilianischen Schriftstellern nur raten, sich einen Plagiator zu suchen, damit ihr Werk im Ausland zur Kenntnis genommen werde, äußert Scliar nicht ohne Bitterkeit.

„Schiffbruch mit Tiger“, die deutsche Übersetzung (von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié) enthält eine Vorbemerkung des Autors. Yann Martel schildert dort, wie ihn ein alter Mann in Indien auf die Lebensgeschichte eines Herrn Patel aufmerksam machte, „eine Geschichte, die Ihnen den Glauben an Gott geben wird“. Dieser Patel habe ihm später in Kanada die unglaubliche Episode seines Schiffbruchs mit Tiger ins Diktiergerät gesprochen, und er, Martel, habe sie aufgeschrieben. Über Herrn Patel heißt es, der Autor hoffe, dieser sei nicht enttäuscht „von der Art, wie ich seine Geschichte erzählt habe“. Zu dem tatsächlichen literarischen Vorbild findet sich im Vorwort bisher nur ein Satz: „Ebenfalls zu Dank verpflichtet bin ich Mr. Moacyr Scliar, der dem Buch Leben einhauchte.“ Diese beiläufige Erwähnung ist Scliar zu wenig, er wünscht sich wenigstens die Nennung seines Buchtitels.

Es wäre jedenfalls schön, wenn sich Autor und Verlag zu einer ausführlicheren Würdigung der zitierten Novelle durchringen könnten. So oder so kann sich das Berliner Publikum vorab einen Eindruck von der deutschen Übersetzung des preisgekrönten Werkes verschaffen: Yann Martel stellt sie am Dienstag vor. Und gewiss geht es dann auch um die Rolle des Tigers in der Weltliteratur.

3. Dezember, 21 Uhr, Nachtcafé der Schaubühne am Lehniner Platz: Lars Eidinger liest aus „Schiffbruch mit Tiger“, anschließend spricht Hans Jürgen Balmes mit Yann Martel.

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