Kultur : Von Menschen und Meerschweinen

Dem Schriftsteller Ludvik Vaculik zum 80.

Jörg Plath

Ludvik Vaculik ist einer der wichtigsten tschechoslowakischen Schriftsteller, aber sein Name ist untrennbar nicht mit einem Buch, sondern mit einem Manifest verbunden. Noch heute beeindruckt der bedächtige Ton, in dem das „Manifest der zweitausend Worte“ der Kommunistischen Partei im Prager Frühling 1968 Versagen vorwirft und den Bürgern nahe legt, die gemeinsame Sache mit dem „Arbeitstitel Sozialismus“ doch besser in die eigenen Hände zu nehmen. Nach dem Einmarsch der Warschauer Pakt-Staaten erhält der „konterrevolutionäre“ Autor natürlich Publikationsverbot, und man hätte ihn gern außer Landes gedrängt. Doch Vaculik bleibt, und er bleibt gelassen. „Ich kann nicht klagen – außer über mich selbst“, sagt er 1975.

Vaculik ist illusionslos, aber er resigniert nicht. Er war Erzieher in einem Arbeiterjugendheim gewesen, Redakteur im Verlag des kommunistischen Zentralorgans „Rudé právo“ und bei der zunehmend kritischen Wochenzeitung „Liternarni novini“. Und er kannte die KP gut: 1946 hatte er sie mitbegründet, 1967 schloss sie ihn nach einer kritischen Rede auf dem Schriftstellerkongress aus.

Aber Vaculik lässt sich nicht mundtot machen: Mit Vaclav Havel, Pavel Kohout und anderen initiiert er die Charta 77 und gibt in dem Samisdat-Verlag „Petlice“ (Hinter Schloss und Riegel) bis 1989 etwa 400 verbotene Bücher heraus, eigene und solche von Kollegen, die mühsam mit der Schreibmaschine abgeschrieben werden.

Vaculiks satirisch-absurder Roman „Das Meerschweinchen“ eröffnet 1970 die „Petlice“-Reihe. In den Jahren danach schreibt er zahlreiche Feuilletons. Einige erscheinen 1979 unter dem Titel „Tagträume. Alle Tage eines Jahres“. Aus Miniaturen besteht auch der Tagebuchroman „Wie man einen Jungen macht“ (1993).

Vaculiks bestes Buch ist gerade in der „Tschechischen Bibliothek“ wiederaufgelegt worden: Der faszinierende Roman „Das Beil“ (Deutsche Verlags-Anstalt, 304 Seiten, 19,90 €) von 1966 ist eine Ode an Dorf und Landschaft. Der Erzähler will seinen Bruder besuchen und irrt in die Vergangenheit zum toten Vater ab, einem Kommunisten, der seinen Idealen untreu wurde und das Heimatdorf durch Kollektivierung und Industrialisierung zerstören half. Bald beginnt der eben noch Tote zu erzählen. Aus alltäglichen und philosophischen Gesprächen, magischen Landschaftsbildern und ineinander fließenden Zeiten webt Ludvik Vaculik einen dichten Erzählteppich. Heute feiert er seinen 80. Geburtstag.

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