Kultur : Von Mitte nach Manhattan

Sprungbrett Berlin: Klaus Biesenbach, Gründer der Kunst-Werke, geht ans New Yorker MoMA

Nicola Kuhn

Ganz überraschend kam sie nicht, die Nachricht vom endgültigen Wechsel Klaus Biesenbachs von den Berliner Kunst-Werken an das New Yorker Museum of Modern Art. Seit 1996 gab es bereits eine Kooperation zwischen den beiden Institutionen in Gestalt des umtriebigen Berliner Ausstellungsmachers. Als Pendler zwischen den Kontinenten leitete er in einer Art Doppelrolle das Kunsthaus in der Auguststraße und wirkte zugleich als Kurator am P.S.1, der in Queens ansässigen MoMA-Spielstätte für Aktuelles. Nun also soll es endgültig New York sein, wo für den Achtunddreißigjährigen alles begann. Der damalige Medizinstudent erlebte dort im Fernsehen den Fall der Mauer mit und beschloss, nach Berlin umzuziehen. In der Spandauer Vorstadt entdeckte er mit Freunden die leer stehende Margarinefabrik und gründete dort in bester Besetzermanier einen Ausstellungsort, allerdings mit Unterstützung vom Kulturamt Mitte.

Was damals noch keiner ahnte: Hier sollte das Epizentrum eines unvergleichlichen Galerienbooms entstehen. In Klaus Biesenbach, der sich schnell an die Spitze des einstigen Freundeskreises setzte, das Haus in eine feste Institution wandelte und zur wichtigsten Anlaufstelle für internationale Künstler entwickelte, hat das Berliner Kunstwunder seinen Repräsentanten gefunden. Doch damit nicht genug: Neben seinen Aktivitäten als Antriebsfeder der Hauptstadt-Kunst beteiligte sich der Berliner Starkurator auch an Ausstellungsaktivitäten rund um den Globus. Wenn er nun als erster deutscher Kurator endgültig ans MoMA wechselt, so ist das der konsequente nächste Schritt einer außergewöhnlichen Karriere, wie sie ihren Anfang nur im Berlin der Neunzigerjahre nehmen konnte.

Hier hatte einer die Prinzipien des internationalen Networkings in Nullkommanichts auf die Kunst angewandt. Entsprechend wurden die Projekte des smarten Mitte-Boys in der Szene stets mit Argwohn, im besten Fall mit Staunen beobachtet. Und doch haben sie sich im Nachhinein alle als richtig erwiesen: 1992 konzipierte er zusammen mit anderen Künstlern und Kuratoren die Ausstellung „37 Räume“, die einen Vorgeschmack auf die sich anbahnende Gentrification in Mitte gab, denn leerstehende Wohnungen wurden hier zu Ausstellungsstätten umgewandelt. Im darauffolgenden Jahr nahm der Senat die Kunst-Werke unter seine Fittiche, die er heute mit 500000 Euro jährlich fördert. Allein für die Gebäudesanierung 1999 stellte das Land 10 Millionen Mark an Lottomitteln bereit. Ein weiterer Coup Biesenbachs war die Gründung der Berlin-Biennale vor sechs Jahren, deren damalige Teilnehmerliste sich heute wie das Who is Who der wichtigsten Künstler liest.

Einer wie Biesenbach, der außerdem als Jury-Mitglied der Biennale von Venedig wirkte, auf der Documenta X mit einer „Hybrid Workspace“ gastierte und in Tokio ein Center for Contemporary Art gründete, konnte auch den Headhuntern des MoMA nicht entgehen, das sich seit Mitte der Neunzigerjahre dringend um Verjüngung bemühte. Mit Biesenbachs Berufung in die Zentrale wenige Wochen vor der großen Wiedereröffnung wird noch einmal ein Zeichen dafür gesetzt, wie wichtig den New Yorkern die Vernetzung mit Europa ist. Mit Sitz im „Department of Film and Media“ soll er künftig Ausstellungen organisieren und die Sammlung betreuen. Als „kuratorischer Berater“ bleibt die Verbindung zu den Kunst-Werken bestehen.

Hier nun übernimmt Gabriele Horn die Leitung, nachdem sie bereits als Geschäftsführerin der jüngsten Berlin-Biennale eng mit der Institution zusammengearbeitet hat. Als stellvertretende Direktorin der einstigen Staatlichen Kunsthalle Berlin und Kunstreferentin des Kultursenators ist sie mit den Berliner Verhältnissen bestens vertraut. Ob sich mit ihrer Person Kursänderungen im Programm ergeben, muss sich erweisen. Zumindest die gleichzeitige Berufung Anselm Frankes, der schon länger für das Haus tätig ist, als neuer Kurator der Kunst-Werke stellt keine wirkliche Überraschung dar. Ein global player wie Biesenbach könnte da schon bald fehlen.

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