Kultur : Von Moskau nach Pisa

Frank Dietschreit

Wohin gehen? Was sehen? Das Theater beginnt wie das richtige Leben: mit einer Entscheidung. Denn die "Schulhofgeschichten aus Europa" werden zeitgleich an fünf verschiedenen Orten im Berliner Carrousel-Theater erzählt. Im Gartenhaus erklärt der Portugiese Joao Nuno Martins, warum "Wir Jungens nicht fliegen können", auf der Hinterbühne der Niederländer Theo Fransz, was "co-starring" sein könnte. Die Schweiz präsentiert auf der Probebühne eine Textcollage namens "Oli", und Deutschland erklärt sich im Container mal wieder für "schuldig". Wir entscheiden uns, mit dem russichen Autor Michail Bartenev in die Turnhalle zu marschieren. Dort finden einen von zwei heruntergekommenen Typen umlagerten Müllcontainer. Ist das wirklich der richtige Platz, um szenisch über "Kuba - meine Liebe oder Schutthaufen ERINNERUNG" zu philosophieren?

Eine Idee kehrt an ihren Ursprungsort zurück. Für ihr Spektakel "Schulhofgeschichten" hatte das Carrousel-Theater 1999 den Brüder Grimm-Preis des Landes Berlin bekommen. Und flugs ein internationales, von der Europäischen Kommission finanziell gepäppeltes Projekt initiiert: "European Schoolyard Stories at the Beginning of the New Millennium". Einige der dabei entstandenen Stücke wurden jetzt ins Deutsche übersetzt und mit dem Carrousel-Ensemble inszeniert. Zum Beispiel Bartenevs Stück über den "Schutthaufen ERINNERUNG", das in russischer Sprache im vergangenen Jahr in Berlin zu sehen war. Kein Schulhof weit und breit, keine Rangelei, kein pubertäres Geschnatter. Irgendwie haben Kalina (Ralph Hensel) und Kirjucha (Thomas Ecke) den Weg von der Schule in die Arbeitsgesellschaft verpasst. Jetzt hausen sie bei den Moskauer Mülltonnen und vertreiben sich die öden Tage mit den immer gleichen Geschichten und Spielchen. Weißt du noch? Was wäre wenn? Doch dann, eine im Müll herumliegende Handgranate ist gerade explodiert, erscheint plötzlich ein alter Schulkamerad (Thomas Herbst). Der ist eigentlich schon vor Jahren gestorben, doch jetzt erinnert der Junge die Gestrandeten an alte Zeiten, gemeinsame Schulspäße, verdrängte Fehler und einen ganz und gar sinnlosen Tod. Stück und Inszenierung (Regie: Alexander Kladko) gehen unter die Haut.

Das ist bei "Beam and Back" ganz anders. Bei dem auf der großen Bühne für alle durchs Haus stromernden Zuschauer gezeigten Stück stehen drei Schauspieler und einige Schüler des Neuköllner Leonardo-da-Vinci-Gymnasiums auf der Bühne. Sie sprechen (warum eigentlich?) englisch. "Beam and Back", von Manuel Schöbel erst vor wenigen Wochen in Sidney zur Uraufführung gebracht, wird jetzt in seiner Berliner Neufassung gezeigt. Das macht die auf die Bühne verlegte, arg didaktische Unterrichtsstunde in deutscher Nachkriegsgeschichte aber auch nicht spannender. Weil eine durchs Museum gescheuchte Schülergruppe partout nicht aufpassen und zuhören will, mutiert die genervte Museumspädagogin (Sanam Afrashteh) wieder zur Jugendlichen. Sie schlüpft in ihr altes FDJ-Blauhemd, heißt jetzt Hannah und zeigt den verdutzten Kids, wie das so war im ach so schönen Arbeiter- und Bauernstaat. Die Mauer fällt, und aus dem geteilten Himmel fallen gesamtdeutsche Schulhofgeschichten. Stück und Inszenierung sind sehr bemüht und leider auch sehr langweilig. Einmal wird auch die Pisa-Studie erwähnt. Doch warum deutsche Schüler dümmer sind als ihre europäischen Kollegen, verrät uns im Carrousel-Theater niemand.

0 Kommentare

Neuester Kommentar