Kultur : Von oben telefoniert Genosse Stalin

ELISABETH RICHTER

Fast hätte die Uraufführung von Johannes Kalitzkes Oper "Molière oder Die Henker der Komödianten" im Theater am Goetheplatz in Bremen nicht stattgefunden: "Unüberwindbare künstlerische Differenzen" zwischen Generalmusikdirektor Günter Neuhold und dem Kölner Komponisten mit seinem Inszenierungsteam Rosamund Gilmore (Regie) und Carl Friedrich Oberle (Ausstattung).Kalitzke drohte, das Uraufführungsrecht zu entziehen.So wurde die Premiere von dem jungen Kapellmeister Gabriel Feltz geleitet, der ohnehin 10 der 13 geplanten Vorstellungen dirigiert hätte.Er machte seine Sache gut.Hochsouverän, präzise, mit lyrischem wie rhythmischem Sinn steuerte er die bestens präparierten Bremer Philharmoniker durch die komplexe Partitur als ein einfühlsamer, in manchen Passagen allerdings zu lauter Begleiter der Sänger.

Theaterquerelen als Vorspiel zu einem (Musik-)Theater, das von Theater erzählt, das wiederum über Theater spielt.Allen drei Ebenen gemein ist ein altes-neues Thema: Der Künstler im Netz öffentlicher Meinung und politischer Macht.Molière, der in den 1660er Jahren um die Aufführung seines religionskritischen "Tartuffe" kämpft.Michail Bulgakow, der 1932 mit "Die Kabale der Scheinheiligen" darüber ein Theaterstück schreibt und versteckt Parallelen zieht zu seiner eigenen Situation als verfemter Schriftsteller in der Stalinistischen Sowjetunion.Und schließlich Kalitzke und sein Librettist Gerold Theobald, die von Bulgakow bei den Proben zu seinem endlich zugelassenen Molière-Stück erzählen.(Tatsächlich wurde "Die Kabale der Scheinheiligen" 1936 uraufgeführt, bald danach aber wieder verboten.)

Kalitzkes "Molière" ist ein Stück mit Spiegelungen und Brechungen im Zeitsprung, eine Gratwanderung zwischen Wahrheit und Schein.Wie weit kollaboriert der Künstler mit den Mächtigen, um zu überleben, und ist er damit doch nicht besser als diejenigen, die Gerechtigkeit auf dem Altar der Macht opfern? Molière schrieb eine entschärfte Fassung seines "Tartuffe", und seine Gesellschaftskritik verschonte den König als Zentrum der Macht.Bulgakow schrieb an Stalin und erreichte damit eine (geringfügige) Verbesserung seiner Situation - das Telefongespräch zwischen beiden hat Kalitzke in sein Stück gewoben.Da sitzem am Ende Bulgakow und Molière, nach seinem Tod auferstanden, in imaginärer Zeit gemeinsam am Tisch und unterhalten sich, beide gefangen im Schatten ihrer eingebildeten Freiheit.Und werden belehrt, daß "in der Macht der öffentlichen Meinung immer auch die öffentliche Meinung der Macht" liege.Das sei das Theater der Zukunft.Mechanisch wie programmierte Puppen verbeugen sich dort dann zur schwerlastenden Musik die Schauspieler.

Die Zeitschichten sind musikalisch unterschiedlich umgesetzt.Bei Bulgakow wird nur gesprochen, gestammelt, gestottert, bei Molière wird gesungen.Die klerikale Macht symbolisiert der meist aus dem Off klingende Chor mit lateinischem Meßtext.Die Musik kommentiert assoziativ, spannt sich von atonalen Techniken bis zu elektronischen Verfremdungen real-akustischer Phänomene wie Husten oder Kirchenglocken.Tonal-historisierende Signen - die Pracht der Sonnenkönig-Musik Lullys mit Trompeten und Cembalo - werden gekonnt in stehende Klangflächen eingeflochten.Rhythmische Dichte und dynamisch extreme Steigerungen (meist für Molières Theaterturbulenzen) wechseln mit lyrischer Expressivität (für Molières Liebesränke) und fahler Melancholie (für die beklemmende Atmosphäre kommunistischer Willkür).

Carl Friedrich Oberle hat eine trostlose 30er-Jahre-Waschküche mit zwei Ebenen gebaut, Ort der sozialistischen Reinigung.Oben hängen Kleider aus einem Theaterfundus.Schmutzige Wäsche und Verräter gelangen durch einen Schacht nach unten, wo sie ihr Säuberungsprogramm mit Waschmaschine, Schleuder und Bügelpresse durchlaufen und dann auf einer Transportvorrichtung aufgereiht, gehirngewaschen und plattgemangelt wieder nach oben fahren.Dazwischen proben Molière und seine Schauspieler, prunkvoll mit barocken Kostümen und Perücken ausgestattet.

Stets anwesend und beobachtend der in einen tristen Anzug gesteckte Bulgakow.Von oben spricht oder telefoniert Genosse Stalin.Theaterdirektor Stanislawski im schwarzen (Gestapo?) Anzug will Bulgakow Anspielungen auf inzestuöse Ausschweifungen Molières - er soll seine eigene Tochter geheiratet haben - verbieten.So weit, so realistisch.Rosamund Gilmore klebt bei dem philosophischen Sujet zu streng am Text, verhaftet im Naheliegend-Plakativen, scheut sich vor Phantasie.Von dramatischer Zuspitzung der Künstlerschicksale erfahren wir mehr über die sich verdichtende Musik, als über durch die Regie profilierten Figuren.Molière als alter geiler Bock, TBC-hustend, humpelnd-bleichgesichtig, erscheint - ebenso wie das strahlend-kräftige Licht für Molières Zeit und das trübe für Bulgakow - doch zu eindimensional.Und trotz aller Theaterquirligkeiten legte sich über die ganze Aufführung eine gewisse Statik, vielleicht gibt sie sich mit weiteren Vorstellungen.Gesungen und gespielt wurde auf hohem Niveau, allen voran Richard Salter als Molière.Hans Kemner hätte als Bulgakow sicher mehr Facetten entfaltet, wenn er gedurft hätte, aufbegehrend, kämpfend war er kaum.Eine Freude Daniela Sindram mit ihrem ausdrucksstarken, kokett-dramatischen Sopran als Armande Béjart.Regie und Komponist bekamen bei insgesamt sparsamem Applaus auch ein paar Buhs, während Sänger, Schauspieler, Orchester und Dirigent zu Recht gefeiert wurden.

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