Kultur : Von Olivier Ducastel und Jacques Martineau

Frank Noack

Konflikte lösen durch Reden - das ist das durchgehende Motiv des filmischen BildungsromansFrank Noack

Noch bevor die erste Minute abgelaufen ist, steht eines fest: Hier sind große Stilisten am Werk, die ihre Bilder mit souveräner, unaufdringlicher Könnerschaft inszenieren. In einer langen durchgehenden Einstellung radelt ein junger Mann im gepflegten schwarzen Anzug eine Küstenstraße hinab, im Hintergrund Klippen und ein paar Wolken, die sich klar konturiert wie Luftballons vom Himmel abheben. Das alles in Breitwand. Die meisterhaften Bildkompositionen, die in den restlichen 96 Minuten noch folgen, sind niemals statisch. Olivier Ducastel und Jacques Martinot, vor zwei Jahren mit "Jeanne et le garçon formidable" im Wettbewerb vertreten, verbinden Spontaneität mit Präzision.

"Drôle de Felix" ist mehr als nur eine Stilübung. Ducastel und Martinot präsentieren so etwas wie einen filmischen Bildungsroman. Felix (Samy Bouajila), ein junger Franzose arabischer Herkunft, möchte seinen Vater kennen lernen und macht sich deshalb per Anhalter auf den Weg von der Normandie nach Marseille. Nie wirkte Frankreich so groß wie hier. Flüsse und Brücken, die das Bild teilen, vermitteln ein Gefühl unendlicher Weite. Unterwegs begegnet Felix Menschen, die ihn auf die eine oder andere Art adoptieren. Die Kapitelüberschriften lauten "Mein kleiner Bruder", "Meine Großmutter", "Mein Cousin", "Meine Schwester" und schließlich "Mein Vater". Der Umstand, dass Felix schwul und dazu noch HIV-positiv ist, wird verspätet und dann ganz beiläufig erwähnt.

Rassismus, dem Felix wiederholt begegnet - er wird sogar Zeuge eines rassistisch motivierten Mordes - , ist auch nicht das zentrale Thema und wird eher entdramatisiert. Die nette Autofahrerin, die Felix für ein paar Kilometer als Schwesterersatz betrachtet, verschuldet einen Zusammenstoß mit einem LePen-Anhänger, der Felix zusammen schlägt. Was macht die sympathische Mutter von drei Kindern? Sie verhandelt mit dem Rassisten. Ich zeige dich nicht an, und du zeigst mich nicht an. Felix reagiert zunächst fassungslos. Bis er begreift, dass der Pragmatismus der Frau den Konflikt am besten gelöst hat. Konflikte lösen durch Reden - das ist das durchgehende Motiv. Ducastel und Martinot demonstrieren mit "Drôle de Felix" eine Lust am Kommunizieren, die man sonst allenfalls bei Eric Rohmer findet. Allerdings sind die Personen bei ihnen nicht so hausbacken. "Drôle de Felix" ist ein Rohmer mit mehr Pep.Heute 22.30 Uhr (CinemaxX 7), morgen 15.30 Uhr (CineStar 3), 14.2. 20.15 Uhr (CineStar 3), 17.2. 17 Uhr (International)

0 Kommentare

Neuester Kommentar