Kultur : Von Pferden, Kötern, Kannibalen

Das tödliche Drama der Liebe: Die 13. Kleist-Festtage in Frankfurt/Oder widmen sich der „Penthesilea“

Hartmut Krug

Zum ersten Mal hat Heinrich von Kleist seine Geburtsstadt in Wallung gebracht. Ganz Frankfurt/Oder, wo der Dichter 1777 das Licht einer ihm nie freundlich gesonnenen Welt erblickte, war auf den Beinen, Tausende zogen hinter einem Streitwagen mit den Amazonen aus seiner „Penthesilea“ durch die Stadt. Bisher hatten die Kleisttage aus DDR-Zeiten, die nach der Wende zu großen Kleist-Festtagen aufgebläht wurden, wenig Resonanz. Die plötzliche Begeisterung verdankt sich nun einem Spektakel des Theaters „Titanick“. Die aus Leipzig und Münster stammenden Akteure hatten schon bei den Proben mit schwerem Gerät, mit Baukränen, Bulldozern und Förderbändern mitten in der Stadt hohe Erwartungen geweckt. Große Effekte, viel Pyrotechnik und Gebrüll, Schlachtengetümmel und kein Wort von Kleist: So bot sich das plakative, ganz auf Veräußerlichung setzende Penthesilea-Spektakel des Straßentheaters dar.

Kleists „Penthesilea“, dieses Drama von der tödlichen Kampfes-Liebe zwischen der Amazonenkönigin und dem griechischen Helden Achill, das nach Christa Wolf „mit Kannibalismus aus auswegloser Liebesleidenschaft“ endet, wenn Penthesilea Achill von ihren Hunden zerfleischen lässt, ist in seiner Radikalität für das Theater immer ein Problem geblieben. Kühn deshalb der Entschluss der Festtage, sich in diesem Jahr ausschließlich der „Penthesilea“ zuzuwenden. Wenn sich im Lennépark die Amazonen des Theaters Titanick zwischen lodernden Fackeln im religiösen Ritual zu Kriegerinnen salben, dann sieht man Frauen, die sich hartmachen für den Kampf. Ein Bild, das auf die Frage des Stückes nach Geschlechterdefinitionen eine Antwort versucht. Doch sonst gibt es nur Kampfgetobe. Vor dem Rathaus, das die körperbunt bemalten Griechen als ihr Troja auf Förderbändern berennen und mit Feuerbündeln attackieren, stoßen Frauen und die wie Hunde heulenden Männer aufeinander.

Blut und Rosen

Wer weiß, dass Kleist gegen Goethes abweisende Worte sagte, sein Stück handele von „Helden und Kötern und Frauen“, vermag den Titel des Spektakels und das Jaulen der Helden zu verstehen. Aber viel von Kleist verstehen muss und kann man hier ohnehin nicht. Es krachen die Böller, während die Kämpfer mit gezücktem Schwert oder gespanntem Bogen auf den Förderbändern aneinander vorbei rollen. Zwischendurch werden Penthesilea und Achill auf rosenbekränztem Bett von einem riesigen Baukran über das Kampfgetümmel gehoben. Ein schönes Bild. Dann ergießt sich über beide literweise Theaterblut, und Hunderte von Schwärmern jaulen mit ohrenbetäubendem Lärm in den Himmel.

Es war ein riesiger Erfolg. Ein Publikumserfolg für die Kleist-Festtage, die weder mit ihren anderen Gastspielen noch mit ihrem Symposium und ihren Ausstellungen im Kleist-Museum größeres Interesse zu wecken vermochten. Auch nicht mit der französischen Theatergruppe Salam Toto, die in einem Zelt auf der Oderinsel Ziegenwerder in leerem Manegenrund mit sechs Pferden, einem Esel und drei Menschen die „Penthesilée Suite Fantasy“ zeigte. Dabei symbolisieren die Pferde nicht nur die unterschiedlichen Energien in Kleists Figuren, sondern übernehmen sogar die Männerrollen! Eine Zirkus-Penthesilea tanzt ihr wortloses erotisches Pferdeballett, und eine algerische Sängerin singt dazu. Vor lauter Selbstfeier ihrer als poetisch mißverstandenen kitschigen Bildsprache merkt die Gruppe dabei nicht, wie nahe an die Gefühle pubertierender Mädchen sie gerät.

Stille und Sturm

Im Kleist-Forum ließ dagegen ein einzelner Schauspieler des Dichters Sprache aufblühen. Mathias Noack spielt in einem zweistündigen Solo ganz allein die „Penthesilea“. Das Publikum sitzt auf der Hinterbühne dicht an der mit Sand bedeckten leeren Spielfläche. Erst im bodenlangen, schwarzen Uniformrock, dann im schmutzig roten Kleid spricht Noack die suchenden, die fordernden, die leidenschaftlichen und verzweifelten Sätze von Kleist, der sich mit 34 Jahren am Berliner Wannsee erschoss. Nur unterstützt von akustischen Zeichen, unternimmt der Schauspieler eine Seelenschau. Er übersetzt das Forschende des Textes in ein stilles, nachsinnendes Staunen.

Hier gibt es keinen Verwandlungsartisten zu bewundern, sondern einen Sprachgestalter, der die Sätze öffentlich durchdenkt. Es geht um die Liebe – zu sich selbst, zu anderen, zum anderen Geschlecht, es geht um die Widersprüche auf dem Schlachtfeld der Gefühle und der Sprache. Den ganz großen Atem für sein zweistündiges Solo besitzt Mathias Noack noch nicht. Doch insgesamt ist dies ein aufregender Versuch mit Kleists „Penthesilea“. Faszinierend und zugleich anstrengend: Anders ist Kleist nun mal nicht zu haben.

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