Kultur : Von Plateau zu Plateau

Christina Tilmann

Gerade ist in Kassel der Streit um die Hinterlassenschaft der vorletzten Documenta zu Ende gegangen: Oberbürgermeister Georg Lewandowski, der Gustav Langes Documenta-Treppe auf dem Königsplatz in einer Nacht-und-Nebel-Aktion hatte abreißen lassen, wurde zu einer Geldbuße von 15 000 Euro verurteilt. Ebenfalls im Nebel liegen die Pläne für die Documenta 11, die ab 8. Juni 2002 in Kassel zu sehen sein wird.

Nur häppchenweise gibt das Team um Okwui Enwezor Informationen preis: über die als Education-Programm geplanten Rahmenveranstaltungen, über neue Ausstellungsorte oder die Architekten, die die Ausstellungsräume gestalten. Auch wie die rund 100 Künstler heißen, die das "Museum für 100 Tage" bespielen werden, ist vorerst nicht zu erfahren. Wie schon seine Vorgängerin Catherine David hüllt sich auch Enwezor in Schweigen: Eine Künstlerliste werde frühestens Ende April bekanntgegeben. Im Übrigen verstehe er diese Fixierung auf Namen überhaupt nicht ...

Kein Wunder, dass die zu jedem Auftritt Enwezors anreisende Kunstwelt sich zunehmend frustriert mit Rätselraten beschäftigt. Dabei hatte Enwezor eigentlich auf größtmögliche Öffentlichkeit gesetzt. Vier vorgeschaltete "Plattformen" sollten rund um den Erdball die theoretischen Grundlagen und Voraussetzungen der Documenta-Auswahl erörtern. Von Wien über Berlin, Neu-Delhi und St. Lucia bis nach Lagos zog ein Tross von Kunstkritikern, Historikern, Filmemachern, Psychoanalytikern und Anthropologen, um über Themen wie "Demokratie als unvollendeter Prozess", "Créolité und Kreolisierung" oder "Afrikanische Städte unter Belagerung" zu diskutieren. Die eigentliche Documenta-Schau in Kassel soll als "Plattform 5" die zuvor theoretisch erörterten Fragen "visuell manifestieren".

Hätte Enwezor jemals Bedenken gehabt, der von ihm gewählte Vorlauf zur Documenta sei ein Irrweg, die Geschichte der letzten Monate hätte ihn rückversichert. Wenige Wochen, bevor Mitte März in Lagos auf der "Plattform 4" über Städtebauprobleme in den vier südafrikanischen Städten Freetown, Johannesburg, Kinshasa und Lagos diskutiert werden sollte, explodierte in der 15-Millionen-Stadt eine Fabrik. Viele der panisch flüchtenden Anwohner ertranken in einem nahe gelegenen Fluss, die Zahl der Toten geht in die Hunderte. Auch dies die Folge verfehlter Stadtplanung.

Dramatischer noch erging es der "Plattform 1" im vergangenen Oktober in Berlin. Im "Haus der Kulturen der Welt" stand die "Demokratie als unvollendeter Prozess" auf der Tagesordnung; schon einen Monat zuvor hatten die Anschläge des 11. September die Aktualität der Auseinandersetzung um die Tragfähigkeit einer auf westlichen demokratischen Prinzipien gegründeten Weltordnung auf dramatische Weise bewiesen. Auch im ersten Teil der Plattform im Frühjahr 2001 in Wien hatte das eher abstrakte Thema "Ende der Demokratie" plötzlich konkrete Formen angenommen: Zur Debatte stand die politische Verfasstheit Österreichs und der Umgang der Intellektuellen mit der Situation vor der eigenen Haustür.

Trotzdem entzündet sich schon am Vorprogramm der Kunstausstellung heftige Kritik. Enwezors Weigerung, Kunst in einem autonomen Raum zu sehen und zu zeigen, sein Beharren darauf, dass Kunst politisch ausgerichtet sein müsse, hatte zu der Befürchtung geführt, dass es bei der Documenta 11 weniger um Kunst als um einen gesellschaftlichen Diskurs gehen werde.

Enwezor selbst hat alles getan, diese Vorbehalte zu bestätigen. Etwa, wenn er in einem Interview mit dem Tagesspiegel betont, mit seinem Programm die Entstehungsbedingungen zeitgenössischer Kunst aufzeigen zu wollen. Auch die Plattformen erweckten den Eindruck, es handele sich vor allem um "Seminare in Sachen post-colonial studies und politischer Ökonomie" ("taz") oder einen "Erwachsenenbildungskurs" ("Financial Times").

Bei der "Plattform 3", die sich im Januar auf St. Lucia mit der Frage der Kreolisierung beschäftigte, beklagte der amerikanische Nobelpreisträger Derek Walcott, dass die Tagung unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinde. Auch beim Berliner Symposium erschöpften sich die Vorträge im Referieren der Papiere. Enwezors erklärtes Ziel, eine Diskussion über die politischen und gesellschaftlichen Bedingungen von Kunst anzuzetteln, scheiterte schon daran, dass keine Diskussion stattfand.

Trotzdem lassen erste Namen, die nach und nach bekannt werden, erkennen, inwieweit die Theorien in Kunstwerken ihren Niederschlag finden werden. Der Schweizer Künstler Thomas Hirschhorn zum Beispiel setzt sich in einer Serie von Arbeiten mit Philosophen auseinander. Wie schon in Amsterdam (Spinoza) oder Avignon (Deleuze) handelt es sich auch bei seinem für Kassel geplanten Bataille-Monument weniger um eine konkrete Auseinandersetzung mit dem Werk des Philosophen als um ein Projekt im sozialen Raum der Stadt. Und der französische Stadtplaner Yona Friedman beschäftigt sich mit den Entstehungs- und Entwicklungsbedingungen von Großstädten: Mit einfachen Gebrauchsanweisungen in Form von Comics fordert er den Benutzer auf, Entscheidungen über die Gestaltung der eigenen Wohnumgebung zu treffen.

Mittlerweile wird auch über weitere Kandidaten gemutmaßt. Alfredo Jaar aus Chile referierte auf der Plattform in Neu-Delhi über seine Fotodokumentation des Völkermords in Ruanda. Der israelische Regisseur Eyal Sivan, der für seinen Film über den Eichmann-Prozess mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet wurde, arbeitet zurzeit an einem autobiographischen Projekt über Immigration, Identität und Grenzen. Auch der belgische Künstler Luc Tuymans gilt seit einem Auftritt Anfang Februar in Kassel als Documenta-Anwärter. Und sicherlich werden einige der afrikanischen Künstler, die Enwezor im vergangenen Jahr mit seiner in München und Berlin gezeigten Ausstellung "The short century" vorstellte, in Kassel zu sehen sein.

Keine Frage: Dass die Documenta 11 schon Monate vor ihrer Eröffnung im Gespräch ist, hat Enwezor erreicht. Ob es dem ehrgeizigen Kurator auch gelingen wird, neue Maßstäbe bei der Ausstellungskonzeption und der künstlerischen Reflexion von Gesellschaft zu setzen, bleibt abzuwarten. In der Ausstellung "The short century" hatte er historische und soziologische Informationen mit einer äußerst anschaulichen Präsentation und interessanten künstlerischen Positionen zu verbinden gewusst.

Und doch: Der immer lauter werdende Ruf nach Namen ist getragen von dem Wunsch, nicht über allgemeine Debatten zu den passenden Künstlern zu finden, sondern in den Werken selbst einer konkreten Ansicht und Aussage zu begegnen. Durch Enwezors Seminarzirkus entsteht der - vielleicht ungerechte - Eindruck, hier sei ein Theoretiker am Werk, der sich mehr für Diskurse als für ihre Konkretisierung in der Kunst interessiert. Natürlich sollen Fragen gestellt, Antworten gefunden werden. Aber von Künstlern, nicht von Professoren.

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