Kultur : Von Raben und Müttern

Warum die Deutschen immer weniger Kinder kriegen. Ein Plädoyer gegen das Sicherheitsdenken

Christiane Peitz

Das könnte ich nie, sagt der Freund. Wenn ich ein Kind hätte, würde ich mir die ganze Zeit schreckliche Sorgen machen. Wir lachen über seinen Satz; bestimmt wird er irgendwann trotzdem Vater werden. Und sich die ganze Zeit schreckliche Sorgen machen.

Die Bemerkung ist bezeichnend. Bezeichnend für ein Land, das zwar immer noch die bevölkerungsreichste Nation der EU ist, in dem aber immer weniger Kinder zur Welt kommen. Die soeben vom Berlin-Institut veröffentlichte Studie „Deutschland 2020“ belegt eindrücklich den schon jetzt dramatischen demografischen Wandel. Wir werden immer älter, gehen mit 60 in Rente, werden aber 90, 100 Jahre alt, und die Jungen können die Rechnung für die Alten spätestens 2020 nicht mehr bezahlen. Denn es sind viel zu wenige: bereits jetzt nur noch 1,37 Kinder pro Frau. Jede dritte Frau ist kinderlos, bei den Akademikerinnen sind es sogar 40 Prozent. Aber nur bei einer Geburtenrate von 2,1 bleibt die Bevölkerungszahl halbwegs stabil. Weltweit bilden wir fast das Schlusslicht im Kinderkriegen. Die Folgen: Geisterstädte, verödete Landstriche, Rentenkrise und Kämpfe an allen Fronten: zwischen Jung und Alt, zwischen Eltern und Kinderlosen, Deutschen und Migranten, der kinderarmen westlichen Welt und den kinderreichen Entwicklungsländern.

Die Experten kennen viele Gründe für den Bevölkerungsschwund: Es liegt am Pillenknick, an der Emanzipation der Frau, der Verunsicherung durch die Wende im Osten, am Egoismus der Generationen X und Golf und Nutella im Westen, an Arbeitslosigkeit und Zukunftsangst, fehlenden Kita-Plätzen und der allgemeinen Kinderfeindlichkeit, dem gestiegenen Leistungsdruck und einem Bildungssystem, das junge Menschen so spät wie in kaum einem anderen Land ins Berufsleben entlässt. Studienabschluss mit 28!

Der Freund hat Recht. Wer heute um die 30 ist, muss schuften, wenn er was werden und bleiben will. Und die Lebensgefährtin auch. Beide sollen bis nach Dienstschluss verfügbar sein, die allmählich siechen Eltern versorgen und dazu noch Kinder kriegen, um die eigene Rente und die Zukunft des Landes zu sichern. Ganz schön viel verlangt: Die Arbeit verschlingt 50 Wochenstunden, nachts wird das schreiende Baby durch die Wohnung getragen, am Wochenende stehen Windel-Großeinkauf und Omabesuch auf dem Programm. Der Soziologe Hans Bertram nennt es „Parallelitätsdruck“: Wir sind zu lange Kind, dann soll alles auf einmal geschehen, zwischen 30 und 45 – und schon sind wir zu alt .

Also warten und zögern viele, bis die biologische Uhr so laut tickt, dass sie nicht mehr zu überhören ist. In den gebildeten Schichten sind Last-Minute-Kinder von Eltern über 40 schon fast der Normalfall. Da gleichzeitig 80 Prozent der 40- bis 45-jährigen Frauen in Deutschland erwerbstätig sind (bei Akademikerinnen 90 Prozent), haben diese Eltern einen schrecklichen Konflikt: Sie müssen sich entscheiden, wer von ihnen die Karriere vernachlässigt – oder das Kind.

Jahrzehnte lang wurde die Überalterung der Gesellschaft ignoriert, in der Politik wie in der Öffentlichkeit. Jetzt, bei den ersten Löchern in der Rentenkasse, schlägt die Ignoranz in Hysterie um. Plötzlich ist das Private immens politisch und umgekehrt. Und ein großes Raunen hebt an: Christiansen widmet „Jugendwahn und Altersweisheit“ eine Talkrunde, das nächste Kursbuch widmet sich dem Kinder-Thema, das neue „du“-Heft den Paaren. Junge Autoren wie Joachim Bessing plädieren in „Rettet die Familie!“ für die traditionelle Klein- und gegen die Patchwork-Familie oder schimpfen wie Adriano Sack in „Elternabend“ auf die Unverantwortlichkeit der 68er-Eltern. Und Frank Schirrmachers „Methusalem-Komplott“ hat sich bereits 200 000 Mal verkauft.

Zwar ruft der „FAZ“-Herausgeber mit martialischen Vokabeln zur Revolution gegen den Altersrassismus auf. Aber obwohl er kaum konkrete Konsequenzen aus der drohenden Überalterung zieht (Arbeiten bis 70?) und seine eifernde Sprache vor allem die Furcht vor dem eigenen Bedeutungsverlust verrät, trifft er offenbar einen Nerv. Keine Frage, unser Weltbild ist aus den Fugen.

Es gibt andere Auswege aus diesem Konflikt als die neokonservative Beschwörung der Kleinfamilie (die den Konflikt für junge Eltern ja eher verschärft, als ihn zu lösen) oder das Bemühen der 40- bis 50-Jährigen, die jetzt die gesellschaftlichen Schlüsselpositionen innehaben, um Machterhalt. Warum nicht schnell in den Beruf und sich später weiterqualifizieren, um den Parallelitätsdruck zu verringern? Oder wie wär’s mit echter staatlicher Unterstützung für Familien mit Kindern, wie etwa in Frankreich (Geburtenrate: 1,9)? Écoles maternelles für alle Kleinstkinder? Enkeldienst für Großeltern? Männer raus aus den Betrieben: Wenn mehr Väter ein, zwei Babyjahre einlegen (und ihre Kollegen das klasse finden), können mehr Frauen die Doppelbelastung riskieren – für sie ist der biologische Engpass noch unausweichlicher. Oder warum nicht früher Kinder bekommen, während der Ausbildung? Man hat mehr Energie, braucht weniger Schlaf und ist zeitlich flexibler.

Dass so wenige Deutsche sich bei ihrer Lebensplanung Seitenwege und Schlingerkurse erlauben, ein bisschen jünger mit der Familiengründung oder ein bisschen später mit der Karriere beginnen, ist eine Frage der Mentalität. Wollen würden wir nämlich schon: 75 Prozent der Kinderlosen hätten zu gerne Nachwuchs, verrät die Studie des Berlin-Instituts; Deutschlands Frauen wollen im Schnitt sehr wohl zwei Kinder.

Wir Deutschen sind aber besonders gründliche, vernünftige, verantwortungsbewusste Zeitgenossen. Wir wollen alles richtig machen. Ein Säugling ist ein wehrloses Wesen; niemand will sich an seiner flaumweichen Unschuld versündigen. Aber tüchtig zu arbeiten und dabei auch noch ein guter Vater, eine gute Mutter zu sein, verlangt Ehrgeiz und Liebe, Engelsgeduld und schlaflose Nächte. Und dazu finanzielle Sicherheit sowie soziale Stabilität, sprich: solide Familienverhältnisse. Wir investieren in Kinder wie in Projekte und pflegen eine unvergleichliche Kultur der Fürsorge. Wer Kinder auf die Welt setzt und gleich wieder arbeiten geht, gilt nicht nur als Rabenmutter, sondern ist auch noch schuld an Bildungskatastrophe und seelischer Verwahrlosung der Jugend.

Andere sehen das anders: In Frankreich liegt nicht nur die Geburtenrate höher, sondern auch die Scheidungsrate (hier knapp 30, dort 38 Prozent). Es ist kaum anzunehmen, dass deshalb französische Kinder psychisch mehr leiden als deutsche. In Amerika sind Kinder teuer, anders als Frankreich entlastet der Staat die Eltern nicht: Von Babyjahren oder erschwinglichen Kitas können die Amerikaner nur träumen. Kinder bekommen sie trotzdem; die Geburtenrate liegt bei 2,0.

Klar, amerikanische Eltern haben kaum Zeit für ihre Kids. Aber nehmen wir uns selbst, uns 30-, 40-, 50-Jährige. Sind wir denn Wunschkinder von Mustereltern, begeistert in die Welt gesetzt und liebevoll durch Kindheit und Jugend begleitet? Wie viele Menschen verdanken ihre Existenz einem geplatzten Kondom, der gestrengen Moral der katholischen Kirche, einer Schwangerschaftserpressung, der Prüderie der Fünfziger – oder einer wilden, verantwortungslosen Liebesnacht?

Wer Kinder bekommt, kann gar nicht alles richtig machen. Kinder sind der Einbruch des Unberechenbaren in eine nicht mal halbwegs geordnete Welt. Kinder bedeuten Chaos, sind eine Zumutung, eine Überforderung, der Inbegriff der Unvernunft, das Ende jeglicher Perfektion. Wer Kinder bekommt, bekommt sie wider besseres Wissen und garantiert ohne Garantie. Vielleicht brauchen wir Deutschen also nicht mehr Kinderfreundlichkeit und eine „neue Kultur der Fürsorglichkeit“, wie Hans Bertram es nennt, sondern vor allem mehr Gelassenheit: den Mut, Fehler zu machen und fünf gerade sein zu lassen.

Wenn die Deutschen nicht aussterben wollen, müssen sie lernen, ihre Pflichten zu vernachlässigen. Familienplanung? Wir brauchen nicht mehr Vorzeigeeltern, sondern mehr Improvisationskunst, individuelle Freiheit und lebenspraktische Fantasie. Vielleicht bekommen dann eines Tages auch in Deutschland mehr unverheiratete Paare Kinder, wie in Frankreich. Vielleicht gibt es dann mehr getrennt erziehende oder alleinstehende Eltern, noch mehr Patchworkfamilien, Wohn- und Lebensgemeinschaften jeglicher Couleur. Und mehr Kinder. Aber ohne schlechtes Gewissen, gesellschaftliches Misstrauen und moralische Ächtung. Sicher, Kinder brauchen Verbindlichkeit. Aber nicht rund um die Uhr und nicht unbedingt von den biologischen Eltern.

Auf dem Fest, das den Freund zu seinem besorgten Stoßseufzer über das Kinderkriegen veranlasste, feierte ein anderer Freund seinen 50. Geburtstag – und den ersten Geburtstag seiner Tochter. Lauter ältere Eltern tummelten sich im Garten, hielten die Kleinen an den Händen, verfolgten jeden ihrer Schritte und passten auf, dass sie sich nicht wehtun. Ihre gesamte Aufmerksamkeit widmeten sie dem Wohlbefinden der Kinder. Lasst sie laufen!

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