Kultur : Von reichen Juden spricht man nicht

Kein Ende der Nachkriegszeit: Morgen wird vor dem Berliner Verwaltungsgericht das Erbe der Familie Mendelssohn verhandelt

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Von Thomas Lackmann

Als der Studentenaufstand gegen die Naziväter anhebt, erinnert er sich. „Am 14. März 1938 besuchte mich Herr Rudolf Loeb von der Firma Mendelssohn & Co in Berlin“, formuliert im Jahr `68: Hermann J. Abs, die graue Eminenz des bundesrepublikanischen Wirtschaftswunders. Zitiert worden ist der delikate spröde Bericht des 30fachen Aufsichtsratsvorsitzenden und Chefs der Deutschen Bank vier Jahre später durch den Historiker Wilhelm Treue in den Berliner „Mendelssohn-Studien“. Siebzehn Mal hatte Abs, um die Liquidation der größten deutschen Privatbank zu besprechen, Anno `38 Loeb getroffen. Das 14. Gespräch fand kurz nach der Reichspogromnacht statt: „Herr Loeb urgiert“ vermerkt sein Protokoll. „urguere“ steht im Lateinischen für „drängen, bedrücken“.

Abs, der Katholik, Jüngster im Vorstand der Deutschen Bank, ist damals 37 Jahre alt. Ein aufstrebendes Führungstalent. Wollte er bei den Gesprächen über die Firma Mendelssohn gestalten – oder absahnen? Sein Besucher Rudolf Loeb hatte dem Institut an der Berliner Jägerstraße, dessen Anfänge zurückgingen auf ein Textilgeschäft des 1786 verstorbenen Philosophen Moses Mendelssohn, 43 Jahre treu gedient; seit den 20er Jahren leitete er die Firma als Mitinhaber intern. Die Familienchefs Franz von Mendelssohn, ein international angesehener Wirtschaftsführer, und Paul von Mendelssohn-Bartholdy waren 1935 gestorben. Loeb, der „König der Privatbankiers“, starb 1966 in Boston, Abs 1994. Worum der König und der Jungbanker 1938 so dringlich gerungen haben: Ob Abs eine freundliche Übernahme der Mendelssohn-Bank durch die Deutsche Bank im Sinne der Eigentümer exekutiert hat oder den Arisierungsplan der NS-Behörde - darüber streiten bis heute die Historiker.

Morgen, am 30. August, beginnt vor dem Berliner Verwaltungsgericht ein Prozess um 17 Prozent der Mendelssohn-Bank und ihrer Immobilien Jägerstraße 49/50/51. Auf der Anklagebank sitzt das hiesige Amt für die Regelung offener Vermögensfragen (ARoV). Dort hatten die Erben Marie Buschs, der Schwester Paul von Mendelssohn-Bartholdys, vertreten durch deren Enkel, den Historiker Julius H. Schoeps, 1994 die Restitution beantragt – und waren abgewiesen worden. Begründung: Von Arisierung könne man in diesem Fall nicht reden, da der Bankier Paul 1938 schon tot, seine Witwe Elsa jedoch „arisch“ gewesen sei. Die Erben hingegen argumentieren mit dem „Verfolgtentestament“ des Großonkels Paul: Der habe Elsa als Vorerbin, seine „nichtarischen“ Schwestern jedoch, in der Hoffnung auf bessere Zeiten, als Nacherben eingesetzt; um diesen testamentarischen Eintrag loszuwerden, hätten die Arisierer Elsa 1938 erst in die stille Beteiligung, dann ganz hinausgedrängt. Der Arisierungsplan des Reichsfinanzministeriums vom 21. September 1938 nehme Bezug auf die Rassengesetze. Es fehle jeder Hinweis, dass Elsa ihm zugestimmt habe.

Wer aber steuerte die Verhandlungen, bei denen nichtarische Erben um ihren Anteil gebracht wurden? Welche Rolle Robert von Mendelssohn, der 1996 verstorbene Sohn des Bankchefs Franz, in den Geheimrunden mit Abs gespielt hat, ist bis heute ungeklärt. Hier steckt im ARoV-Prozeß nicht nur der Fall Deutsche Bank, sondern ein Familiendrama. Dass zur fernen Adenauerzeit Nazi-Unrecht fortgeschrieben worden sein soll, hat die Berliner Republik längst als Fakt akzeptiert. Wenn wie jüngst in der ARD ein Film über „Hitlers Unternehmer“ läuft, der die Arisierung der Mendelssohn-Bank durch die Deutsche Bank erwähnt, folgen keine juristischen Keulenschläge mehr wie in den 70er Jahren; damals brachte Abs den DDR-Autor Eberhard Czichon, der ihm vorwarf, ein Arisierer gewesen zu sein, gerichtlich zum Verstummen, sekundiert durch die Behauptung Robert von Mendelssohns, 1938 sei alles einvernehmlich gelaufen. Passt zu dieser Aussage die – nach Zahlungen der Deutschen Bank wieder stornierte – Rückübertragungsklage desselben Robert in den 90er Jahren? Solche Gefechte mit der historischen Wahrheit jucken nur noch die Historiker. Doch dass es dem NS-Staat seinerzeit gelungen ist, durch das Selektionssystem der Rassengesetze Juden und Mischlinge „ersten“ oder „zweiten Grades“ gegeneinander auszuspielen, bringt den Streit auf den Boden normalbürgerlicher Alltagserfahrung: Wo`s ums Geld geht und um die eigene Haut, sind die schönsten Ideale passé.

In drei berühmte Linien hatten sich die nsträger des Emanzipationspioniers Moses Mendelssohn verzweigt. Die Linie Josephs, des Bankgründers, blieb bis Mitte des 19. Jahrhunderts dem Judentum treu. Josephs Bruder und zeitweiliger Kompagnon Abraham indes ließ sich samt seiner Familie bald taufen und nahm den Namen Bartholdy an; sein Sohn Paul, Begründer der Linie Mendelssohn-Bartholdy, trat später in das Bankgeschäft des Onkels ein. Beide Linien wurden Ende des Jahrhunderts nobilitiert, was in Preußen den Karrieregipfel bedeutete. Die dritte Linie jedoch, Nachfahren Felix Mendelssohn Bartholdys, des älteren Bruders Paul, fand in der Kunst ihr Profil – und Distanz zum Establishment. Scharfe Kritik an der Adelung kam von Felix’ Enkel Albrecht. Der Konflikt zwischen den ersten Bankchefs Joseph und Abraham, ihre Konkurrenz um Vaters Vermächtnis, ihre unterschiedliche Sublimierung eigener kreativer Begabung, hat sich in der familiären Binnenspannung fortgesetzt. Doch von alledem sollte bloß nichts nach außen dringen.

Die Verklärung des Mendelssohns-Clans entwickelte sich auch als Produkt Mendelssohnscher Selbstidealisierung, wie sie in Sebastian Hensels postbiedermeierlichem Bestseller „Die Familie Mendelssohn“ Ausdruck fand. Erstaunlicherweise jedoch hat sich nach dem „Dritten Reich“ eine erweiterte, kritische Wahrnehmung dieser über fünf Generationen einflußreichen deutschen Familie nicht durchgesetzt. Offenbar gab es im Osten, wo das Mendelssohn-Stammhaus an der Jägerstraße von der Deutschen Handelsbank eingenommen wurde, und im Westen, wo das Archiv von Abs und der Deutschen Bank noch lange verschlossen bleiben soll, Gründe für solche Zurückhaltung.

68 Millionen Reichsmark wert waren Mendelssohn & Co bei der Liquidation, auf 150 Millionen beliefen sich die Kundendepots: Da war vom Reichtum des Unternehmens bereits ein Teil hinweggeschmolzen. Dass von der politischen Bedeutung der vierten, fünften Mendelssohn-Generation, von ihren fünf Wohn- und Geschäftshäusern in der Jägerstraße, den Villen im Grunewald, dem dreiflügeligen Palais am Reichstag, ihren Schlössern bei Bernau heute keine Vorstellung mehr existiert, ist ein Ergebnis des philosemitischen Nachkriegssaltos: Da „der reiche Jude“ als antisemitisches Klischee internalisiert wurde, kann über die Macht einer „jüdischen“ (seit Jahrzehnten getauften) Familie in Deutschland nicht laut geredet werden.

Gleichwohl gibt es heute in Berlin Initiativen zur Erkundung unverklärter Mendelssohn-Geschichte. Die vor 25 Jahren gegründete Mendelssohn-Gesellschaft Berlin sammelt Dokumente aus allen Zweigen der Familie und ediert bei Duncker&Humblot das Forschungsperiodikum „Mendelssohn-Studien. Beiträge zur neueren Kultur- und Wirtschaftsgeschichte“. Die Agentur art:berlin organisiert Spaziergänge auf den Spuren aller fünf Mendelssohn-Generationen in die Jägerstraße am Gendarmenmarkt.

Dort, in der Jägerstraße, berühren sich Erinnerungspolitik und juristische Gegenwart: Es waren die Häuser Nr. 49/50/51, die im April 1939 für exakt 2,2 Millionen Reichsmark vom Liquidator der Mendellsohn-Bank, Dr. Ferdinand Kremer, an das Reichsfinanzministerium verkauft wurden; nachdem am 22. Oktober 1938 eine Aktennotiz der Reichsbankabteilung für Auslandsschulden an den Reichswirtschaftsminister vermerkt hatte, die etwaige Emigration „der jüdischen Teilhaber Loeb und Dr. Kempner“ (ein Schwiegersohn Franz von Mendelssohns) sowie die Freigabe der Vermögenswerte an der Amsterdamer Mendelssohn-Niederlassung müssten dem Reich mit 2,2 Millionen zu Buche schlagen. Das ist nun 64 Jahre her. Anno 2002 hängen die Käufer der letzten Mendelssohn-Häuser in der Jägerstraße, die Berliner Ärzteversorgung und die Verwaltungsgesellschaft Deutscher Apotheker, trotz aufwändiger Renovierungen mit ihrer Grundbucheintragung in der Luft. Das juristische Verfahren schwebt. Die Nachkriegszeit ist nicht vorbei.

Es war in der Jägerstraße 51, wo der Arzt Arnold Mendelssohn seinem Onkel Joseph vorschlug: Der Bankier solle ihm für die Armen des Vogtlandes statt Almosen Kapital zur Gründung einer Manufaktur gebe. Denn mit Almosen erreiche man so viel „als wie jemand anwendete, der mit einer Klystiersprütze sich an den Krater des Vesuvs stellte und das Feuer zu löschen suche“. Eine Diskussion des Jahres 1844: Der pragmatische Onkel ist 74, sein sozialistischer Neffe 27 Jahre alt – zwei sehr verschiedene Nachkommen des Philosophen, die einander in ihrer Haltung, unbedingt Verantwortung zu übernehmen, verblüffend nah zu sein schienen. Gestalten oder Absahnen? Das materielle Mendelssohn-Erbe steht vor Gericht; das soziale Vermächtnis, dem sich der Citoyen Joseph und Arnold, das schwarze Schaf der Familie, verpflichtet fühlten, sucht Nachlassverwalter.

Der Prozess „Mendelssohn-Erben gegen ARoV“ beginnt am 30.8. um 9 Uhr 30 vor dem Berliner Verwaltungsgericht, Kirchstr. 7 in Tiergarten.

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