Kultur : Von Reimen und Keimen

Der Dichter als Widerspruchsartist: Biografisch-Poetisches von Gottfried Benn, zum 120. Geburtstag

Thomas Wegmann

Er wohnte meist dämmrig, im Erdgeschoss oder Hochparterre. Seine Augenlider hielt er gern halb geschlossen, als müsse er sich vor zu viel Außenwelt schützen. Die ließ Gottfried Benn nur in kleinen Dosen und Ausschnitten zu, dann aber überscharf und stark vergrößert: Der Blick durchs Mikroskop gehörte für ihn zum Alltag; er war Mediziner und betrieb lange Zeit eine Praxis für Haut- und Geschlechtskrankheiten. Da hat man es mit Krankheitserregern zu tun, die mit bloßem Auge nicht zu sehen sind. Daneben schrieb er Lyrik, Essays und Prosa: seine eigentliche Medizin, mit der er weniger heilen als vielmehr erregen wollte. „Kunst ist auch Kitsch, will ja auch wirken, verzaubern, hinreißen“, schrieb er 1932 in einem Brief. Poetisch nährte er sich von allem, was einen gewissen Wallungswert besaß, ob Mediziner- oder Alltagsjargon, ob Mythos oder Schlager, Nietzsche oder Goethe.

Während Goethes Texte der Wechselblick durchzieht, jene Augenblicke von zweien, die sich in einer imaginären Mitte treffen, ist Benns Sache das Blinzeln: meistens müde, häufig kokett und auf eine Weise ernst, die um die Lächerlichkeit des Daseins weiß. „Fragen, Fragen! Erinnerungen in einer Sommernacht/ hingeblinzelt, hingestrichen“, heißt es in einem seiner schönsten Gedichte mit dem Titel „Teils – teils“. Hinblinzeln wiederum ist Film, sind 24 Bilder pro Sekunde, die als Kontinuum nur wahrgenommen werden, weil das menschliche Auge zu träge ist, bei dieser Geschwindigkeit noch Einzelbilder zu erkennen. Benns poetisches Blinzeln hat den Film verlangsamt, seine Medialität und die Trägheit des menschlichen Auges in moderne Literatur überführt. Er hat gleichsam die schwarzen Balken zwischen den Bildern mitgedichtet, das Störende sicht- und lesbar gemacht.

Denn was er schrieb, war stets teils-teils, teils Balken, teils Bild, oft böse und schön zugleich, vor allem in seinen Anfängen: „Die Krone der Schöpfung, das Schwein, der Mensch –: / (...) meint ihr, um solch Geknolle wuchs die Erde?“ Vor Versen dieser Art hatte er bereits Verse anderer Art an eine Literaturzeitschrift gesandt. Die Antwort kam prompt: „G. B. – freundlich in der Gesinnung, schwach im Ausdruck.“ Man sollte ihm künftig vieles vorwerfen können, aber dergleichen nie wieder. Folglich setzte Benn in seinem Frühwerk provokativ auf Ekel, integrierte Filzläuse, Kropf und Krebsgeschwüre in die Bilderräume der Poesie, konnte aber auch lyrisch den Errungenschaften der Moderne in Gestalt von U-Bahnen und Ansichtskarten salutieren. In seinen „Statischen Gedichten“, die er schrieb, als im Zweiten Weltkrieg alles zerfiel, frönte er den klassischen Formen, meißelte architektonische Gebilde. In seinem Spätwerk schließlich plauderte er mit bodenständiger Melancholie über Zigaretten, Bier und Kneipen: „Hör zu, so wird der letzte Abend sein, / wo du noch ausgehn kannst: du rauchst die ‚Juno‘, / ‚Würzburger Hofbräu‘ drei und liest die Uno, / wie sie der ‚Spiegel‘ sieht, du sitzt allein / ... Mehr bist du nicht...“

Benn liebte vieles, was kleiner war als er, wenn es lebte, und was ihm größer erschien, erst wenn es tot war. Weswegen er Kaninchen und Keime, aber eben auch Nietzsche und die Antike schätzte. Er selbst hat sich gern klein gemacht: „Wir leben klein. / Wir wollen klein.“ Das war auch sein Part im Briefwechsel mit Ernst Jünger. Der setzt 1949 ein, umfasst nicht viele Episteln, aber die wenigen amüsieren mit ihrer pussligen Alltäglichkeit: „Wald mag ich nicht“, schreibt Benn, „mochte ich nie, aber Blumen über alles“. Zwar beeilen sich beide, Gemeinsamkeiten wie die soldatische Haltung herzuzeigen, doch der Briefwechsel offenbart vor allem Differenzen und Distanzen. Hier ein sich weltläufig, trinkfest und sportlich gerierender Jünger, der Benn gern zu Reisen ans Mittelmeer verführen möchte. Dort der buddhahaft in seiner Berliner Wohnung hockende Benn, dem alles Gesellige ein Graus ist: Als ihn Jünger zu einem Symposion unter Freunden nach Frankfurt locken will, antwortet er lakonisch, er sei kein Salonmatador, schweige meistens und gebe allen andern Recht.

Die Sympathie fürs Kleine und Bescheidene ist aber nur die eine Seite der Bennschen Medaille; auf der anderen, der Öffentlichkeit abgewandten Seite hat er die eigenen Eitelkeiten eingraviert. So schreibt er an seinen langjährigen Freund, den in jeder Hinsicht vermögenden Herrn Oelze aus Bremen, Jünger sei „weichlich, eingebildet, wichtigtuerisch und stillos. Sprachlich unsicher, charakterlich unbedeutend“. Außerdem schmeichelt dem im Nachkriegsdeutschland wieder zu Ruhm und Ehre gelangten Benn – 1951 erhielt er den Büchner-Preis – die Aussicht auf eine Doktorarbeit über sein Werk. Wenn die dann noch von einer jungen und attraktiven Frau stammt, wie im Fall der Germanistin Astrid Claes, steht für den begnadeten Briefeschreiber einem veritablen Postverkehr nichts mehr im Wege. Benn brauchte den Ruhm, um ihn öffentlich verachten und heimlich organisieren zu können.

Was aber ist bei Benn stilisiert und was empfunden? Man weiß es nicht, und das erschwert die Arbeit seiner Biografen. Als solcher hat sich nun der Berliner Publizist Gunnar Decker versucht. In neun großen und zahlreichen kleinen Kapiteln erzählt er umfassend und differenziert Benns Leben. Dabei gelingen ihm pointierte Beobachtungen über den „notorisch hautempfindlichen“ Dichter, der „erotisch-geschäftig die eine Frau in vielen Frauen sucht“. Gelegentlich verfällt Decker aber auch ins Kumpelhafte: „Die simplen Freuden sind für einen Dichter doch immer das beste Refugium nach den gefährlichen Ausflügen an die Grenzen des Sagbaren.“ Obwohl Decker es besser weiß, wenn er – Benn zitierend – den Künstler als „eigentlich erlebnislos, seelisch unergiebig“ beschreibt, liest er Benns frühe Rönne-Prosa vor allem autobiografisch. Das kann man machen, unterschlägt dabei aber jenes Modell, das Evolution als blindes Werden und Vergehen ansetzt und gleichzeitig mit dem Schöpferischen liebäugelt – ein Widerspruch, an dem der sture Benn zeit seines Lebens festhalten sollte.

Zu verdanken hat er ihn einem Buch von Semi Meyer. Der taucht eben nicht erst 1920 in Benns Werk auf, wie Decker suggeriert, sondern als „unbekannter jüdischer Arzt aus Danzig“ schon in der Rönne-Prosa: „Jede Befruchtung enthielte den Keim eines unerhört Neuen“, heißt es dort mit Bezug auf Meyer, und Befruchtung ist hier geschlechtlich wie geistig zu verstehen.

Vielleicht sind es derartige Versteckspiele, die den Literaturwissenschaftler Helmut Lethen davon abgehalten haben, eine Benn-Biografie zu schreiben. Stattdessen entwirft er Problemfelder wie „Benn im Zeitalter der Nervosität“ und verbindet diese mit Kalenderstrecken aus seinem Leben. Darunter sind allerdings viele Problemfelder, die er schon in seinen „Verhaltenslehren der Kälte. Lebensversuche zwischen den Kriegen“ (1994) entwickelte: Nervosität und Panzerung, Grabenschwein und „kalte persona“. An diesen Parametern misst Lethen nun Benn. Zwar verfügt auch Benn über Masken und kalte Blicke, aber es klingt ein wenig enttäuscht, wenn Lethen konstatiert: „Jagdszenen aus dem Krieg sucht man in Benns Texten vergeblich.“ Doch was Lethen dann in Benns Texten und Leben findet, überzeugt. Etwa wenn es um Benns Umgang mit seiner eigenen Vergangenheit geht, um sein kurzes, unverhohlenes Bekenntnis zum Nationalsozialismus.

Wie viele beunruhigende Geister wollte Benn jedoch vor allem eines: in Ruhe gelassen werden. Dass Dichter die Welt ändern können, glaubte der Melancholiker nicht. Aber kaum gerät seine Melancholie in die hauseigene „Rhythmus- und Reimmaschine, verfliegt der Trübsinn.“ Schreibt Lethen. Und so wird Benn, der am 2. Mai 1886 in Mansfeld (Westprignitz) geboren wurde, rückblickend bleiben, was er immer war, der Johnny Cash der deutschsprachigen Literatur. Der alte Cash sang: „I’ll be what I am, a solitary man.“ Benn schrieb: „Wer allein ist, ist auch im Geheimnis.“ Nur dass geheimnisvolle Solitäre nicht nur von großem Publikum, sondern auch von tödlichen Krankheiten heimgesucht werden. Benn nannte das „Genieproblem“. Er selbst starb vor fünfzig Jahren an Wirbelsäulenkrebs, Cash an den Folgen einer schweren Diabetes. Man ist in der Moderne eben nie allein: Irgendwelche letalen Erreger sind immer schon da. Genau daraus hat Benn seine ansteckende Kunst gemacht.

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