Kultur : Von Riesen und Zwergen (Kommentar)

Hellmuth Karasek

Riesen, so sagt man, so weiß man, sind gutmütig und gutartig. Weil sie so groß sind, brauchen sie nichts zu kompensieren. Sie sind wie Elefanten, die, weil sie einfach nichts zu fürchten haben, kein Misstrauen kennen, keine lauernde Furcht, schlimmstenfalls täppisch wütend sind, jähzornig, aber offen. Stimmt doch, oder? Die Intriganten, die aus dem Hinterhalt wirken, Fäden ziehen, Fallstricke legen, das sind die Zwerge. So weit das Hau-Ruck-Schema der Alltagspsychologie.

Nun ein Beispiel. Helmut Kohl ist ein Riese, ein schwarzer Riese, wie man weiß. Wir stellen (besser: wir stellten) ihn uns gemütlich vor, im Wolljäckchen auf der Krim mit Gorbatschow, wie er bei Tee und Kuchen die deutsche Wiedervereinigung herbeiplaudert, gemütlich, offen, Zutrauen gewinnend. Viel Bimbes war damals übrigens auch im Spiel, und das sollten wir nicht vergessen - vielleicht lohnte es sich sogar, in diesem Zusammenhang an das "Ehrenwort" zu denken. Aber nicht davon soll hier die Rede sein.

Sondern von gutartigen Riesen und intriganten Zwergen. Und wenn wir denken, wie Schäuble über 100 000 Mark sein Amt verloren hat, von denen nur der Altkanzler und Ex-Ehrenvorsitzende wusste, und wie Kohl als heimlicher Drahtzieher des Schäuble-Sturzes gilt und der Schäuble-Bruder ihn als böse, also intrigant geschildert hat, während Kohl offiziell und mit frommem Augenaufschlag nur das Beste über seinen Widersacher und Nachfolger sagte - also sooo riesig kommt einem das nicht vor. Eher zwergenhaft intrigant.

Und dann fällt einem eine alte Geschichte ein, eine "Es war einmal"-Geschichte. Wie nämlich vor dem Bremer CDU-Parteitag 1989 eine Handvoll Spitzenpolitiker der CDU dachten, Kohl sei lange genug dran und gehöre abgelöst, und in der Tat hat er damals ziemlich schlaff regiert, wirkte satt, fett und verbraucht, ein träger Riese. Also beschlossen die Frondeure, ihn zu stürzen, aber dann schreckten sie vor dem letzten, dem entscheidenden Schritt zurück, und Kohl blieb.

Bei dem Zwergenaufstand dabei waren Kurt Biedenkopf und Lothar Späth, damals sicherlich Deutschlands effektivster und tüchtigster Ministerpräsident. Heiner Geißler war dabei und Rita Süßmuth. Und kurz darauf strauchelten sie alle; es war, als ob ein geschickter Fallensteller dabei heimlich und hinterrücks zu Werke ging. Späth stolperte über einen Ferienflug auf Kosten einer baden-württembergischen Firma (im heutigen Skandal-Licht eine Petitesse). Biedenkopf wurden private Stolpersteine in den Weg gelegt, auf einmal gab es Tonbänder von allerprivatesten Telefongesprächen. Und Rita Süßmuth? Sie wurde, zumindest was ihre Präsidenten-Ambitionen anlangt, mit privaten Autofahrten mit dem Dienstwagen und Flugreisen mit der Bundeswehr-Maschine zu ihrer Tochter zu Fall gebracht - ein typischer Fall von allerhöchstem Mobbing.

Und im Falle Süßmuth blitzte in einer feinen Spur die Handschrift des Täters im Hintergrund auf. Während nämlich berichtet wurde, wie die Bundestagspräsidentin ihre Mutterliebe aus verflogenen Steuergeldern gespeist habe, fehlte nirgends in den entrüsteten Berichten, wie Kanzler Kohl dagegen zu seinem schwer verunglückten Sohn auf eigene Kosten und nur auf eigene Kosten nach Italien geflogen sei. Die Spur des Täters?

Heiner Geißler stürzte auf dem Weg von der Macht nicht nur aus seinen Ämtern, sondern auch beim Bergsteigen von einem hohen Felsen. Das aber war gewiss nicht das Werk Kohls, sondern die Folge eigenen bergsteigerischen Ehrgeizes. Nein, das denn doch nicht!

Doch irgendwann tappen auch Riesen, die Zwerge spielen, in die eigenen Fallen. Geißler war es, der die Kiste mit den Schwarzen Konten so richtig aufmachte, nach dem Motto: Wer groß ist, fällt umso tiefer. Und einen Riesenknall hat es ja auch gegeben.

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