Kultur : Von „Schneewittchen“ zu Boccherini

Das Junge Orchester Potsdam überzeugte mit abwechslungsreichem Programm in der Erlöserkirche

Babette Kaiserkern

Das Junge Orchester Potsdam ist auf dem besten Wege ein angesehener Klangkörper der Landeshauptstadt zu werden. Seit seiner Gründung vor vier Jahren verbindet es interessante Programme mit gut hörbarer Klangkultur. Im letzten Jahr erreichte das junge Ensemble um Patrick Gregor Braun, Musiker, Komponist und Student des Dirigier-Fachs, sogar den dritten Preis beim Deutschen Jugendorchesterwettbewerb der Jeunesses Musicales. Mit ihrem Konzert am Freitagabend in der Erlöserkircher Potsdam reflektierte des Orchesters sein selbstgewähltes Profil trefflich.

Das Junge Orchester Potsdam möchte symphonische Musik für junge Menschen von jungen Menschen spielen, was jedoch keineswegs bedeutet, dass es für ältere Zuhörer nichts zu bieten hätte. Ein klangvolles Zeugnis dafür lieferte das diesjährige Programm mit Werken von Luigi Boccherini, Darius Milhaud und Matthias Preisinger. Letzterer studiert das Fach „Medienmusik“ an der Hanns-Eisler-Hochschule in Berlin. Zu seinen Professoren gehört der Potsdamer Komponist und ehemalige, langjährige Musikschuldirektor Wolfgang Thiel, der auch den Kontakt zu dem Jungen Orchester herstellte. Matthias Preisingers einfallsreiche Vertonung des Märchens „Schneewittchen“ der Brüder Grimm produziert mit kleiner Besetzung große Wirkungen und leugnet dabei die verschiedenen Vorbilder nicht. Was zunächst wie die romantisch-opulente Eröffnung eines Märchenfilms von Walt Disney klingt, wandelt sich in geheimnisvollen Klangspuk und zeigt sich beim Auftritt der sieben Zwerge als leicht schräge Marschmusik. Die spannungsreiche Handlung (Sprecher: Maximilian Angerstein) kulminiert in einem tonal-atonalen Widerstreit, der im zwielichtigen misterioso des Spiegelmotivs ausgetragen wird.

Einen Zeitsprung von mehr als 200 Jahren zurück machte das Junge Orchester mit dem Cellokonzert Nr. 9 in B-Dur von Luigi Boccherini. Dieser so lange missachtete Komponist zeigt sich in diesem galanten Werk von seiner besten Seite. Wenn noch dazu eine so begabte Cellistin wie Franziska Borleis den Solopart spielt, erfüllen elegante, anmutige Klänge den Raum. Mit edlem Ton, klarem, prägnanten Spiel in der Kadenz und satt-gesanglichen Linien im Andante bezauberte sie die Zuhörer. Waren hier nur Streicher und zwei Hörner im Tutti gefordert, so kam das gesamte Orchester beim „Ochsen auf dem Dach“ von Darius Milhaud zu seinem Recht. In diesem Werk mit dem Originaltitel „Le boeuf sur le toit“ zelebriert der französische Komponist ein lustvolles Crossover zwischen Genres und Stilrichtungen. Brasilianische Sambarhythmen, Jazz, Quickstep erklingen genauso wie katholische Choräle oder die Parodie einer Streicherfigur aus Mozarts „Kleiner Nachtmusik“. Jedes Instrument glänzt mit Solopassagen, die hohen Streicher schmiegen sich in schwankende Tonwellen, Celli und Kontrabass geben alles, um dieses wild-ausgelassene Musikwerk voller Kraft und Glanz zum Leben zu bringen. Einen süffigeren, fröhlicheren Kehraus in die Sommerferien, passend zu den tropischen Temperaturen draußen, konnte es kaum geben. Babette Kaiserkern

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