Kultur : Von Selbstmordgedanken Berliner Arbeitsloser

ALBRECHT DÜMLING

Hanns Eisler wollte mit seinem Publikum kommunizieren.Um seine Werke zu verstehen, sollte man deshalb die Kontexte kennen, in denen sie entstanden sind.Der Musikwissenschaftler Georg Knepler zählt zu den Schwierigkeiten beim Kennenlernen Eislers außerdem die Vielfalt der Stile sowie eine Komplexität, die sich oft hinter äußerer Einfachheit verbirgt.Kneplers Beitrag gehört zu einem Sammelband, den die Stiftung Archiv der Akademie der Künste anstelle eines Katalogs zu ihrer Eisler-Ausstellung herausbrachte, welche kleiner geraten ist als die Schau zu Ehren von Eislers Freund Bert Brecht.Aus der (Finanz-)Not machten die Veranstalter eine Tugend, indem sie sich auf den umstrittensten Abschnitt im Leben des Komponisten konzentrierten: auf seine Mitwirkung beim Aufbau der DDR.

Eislers Jugend in Wien, die Ausbildung bei Schönberg, spektakuläre Erfolge bei Musikfestivals und in der Arbeitermusikbewegung, die Zusammenarbeit mit Brecht, Exil, Filmarbeiten und McCarthy-Verhöre - all dies schrumpft zur Vorgeschichte zusammen.Erst danach betritt man den Hauptraum der Ausstellung.Der Blick fällt auf ein Großphoto des zerstörten Berlin, wo geistige und materielle Trümmer wegzuräumen waren: Das neue sozialistische Deutschland, auf das auch Eisler hoffte, war "auferstanden aus Ruinen".Wie die Brecht-Ausstellung verteilt auch diese von Lorenz Dombois gestaltete Leseschau (ergänzt um Ton- und Videobeispiele) Exponate aus überwiegend eigenen Beständen auf Wände und themenorientierte Arbeitstische.Unter der Überschrift "Aufbau" sieht man beispielsweise die Neuen deutschen Volkslieder, neben der Nationalhymne das einzige breiter rezipierte DDR-Werk des Komponisten.

In seiner Akademierede zur Gründung der Internationalen Hanns Eisler Gesellschaft hatte Hans Mayer 1994 von drei Verfolgungen des Komponisten gesprochen: durch die Nazis, durch die McCarthy-Tribunale und schließlich durch die Stalinisten.Auf das letztere bezieht sich das Kapitel "Repression".Hier findet sich ein hintergründiger Kanon "Duck dich Hänschen", den Eisler 1953 Johannes R.Becher zueignete.Diese Widmung hat ihm nicht geholfen.Die Angriffe gegen sein Opernprojekt "Johann Faustus" setzten sich fort.Merkwürdiger Weise dokumentiert die von der jungen Musikwissenschaftlerin Maren Köster betreute Ausstellung Attacken des "Neuen Deutschland", nicht aber jene aus der Akademie der Künste.Als Hauptgrund für Eislers Krise werden Probleme bei der musikalischen Umsetzung ins Feld geführt.War der Komponist ein Opfer seiner selbst?

Mit ihrer Konzentration auf die frühen DDR-Jahre widersetzt sich die Ausstellung absichtsvoll dem Zeitgeist.Von einem breiten Interesse an dieser Periode kann, wie der von den Berliner Festspielen herausgegebene Veranstaltungskalender zum Eisler-Jahr dokumentiert, nicht die Rede sein.Verbreitet ist - wie auch in Larry Weinsteins Porträtfilm - die Ansicht, nach 1953 habe Eislers Schaffen an Umfang und Qualität verloren.Wie nun zu sehen ist, entstand damals noch eine große Zahl von Bühnen- und Filmmusiken.Nichts erfährt man dagegen darüber, warum ein Hauptwerk wie die Deutsche Sinfonie erst 1959 uraufgeführt werden konnte.Auch die "Ernsten Gesänge" hätten wohl eher in ein Kapitel "Enttäuschte Hoffnungen" gepaßt.Kritische Leser erhalten also Denkanregungen.

Matthias Flügge, der in Anwesenheit von Frau Stephanie Eisler, von Akademiepräsident György Konrad sowie dessen Vorgänger Walter Jens die Ausstellung eröffnete, erwähnte persönliche Schwierigkeiten mit dem Komponisten.Produktiver machten Hans-Eckardt Wenzel & Ensemble die Widersprüche.Wenzel, der sich vom Festredner zum Clown verwandelte, übertrug im Programm "Hans Wurst und andere" im Sinne Eislers dessen montierte Gedanken- und Musiksplitter auf die Gegenwart.Im abrupten Nacheinander von "14 Arten den Regen zu beschreiben", "Erlkönig", "Lenin" und "O Fallada, da du hangest" konnten die Hörer Zusammenhänge entdecken zwischen dem Leiden an der Kulturindustrie und einer "Gewißheit" der "Ernsten Gesänge" am Rande des Verstummens.In solcher Montage war der Komponist näher als in vielen bloß notentreuen Aufführungen.

Nach seiner Ausweisung aus den USA, noch vor der Übersiedlung nach (Ost-)Berlin hatte der Österreicher Eisler 1948/49 in Wien gelebt.Was er damals unter kritischer Volkstümlichkeit verstand, konnte man auf anregendste Weise ebenfalls im Akademie-Studio erleben.Dank der Zusammenarbeit der Hochschulen für Schauspielkunst "Ernst Busch" und für Musik "Hanns Eisler" (HfM) kam es zu einer gelungenen Kurz-Aufführung von Johann Nestroys "Höllenangst" mit Hanns Eislers Liedern.Ein junger Arbeitsloser verbündet sich in dieser Vormärz-Komödie mit dem Teufel, um so doch noch sein Glück zu machen.Die für das Neue Theater an der Scala entstandene Neufassung von Stück und Musik ist ein Musterbeispiel für den aktualisierenden Umgang mit Tradition.Nicht nur stofflich, auch im Singspielton der farbig instrumentierten Musik verweist "Höllenangst" auf das "Faustus"-Projekt.Wie Eisler trafen auch die jungen Sängerdarsteller und das von HfM-Rektor Christoph Poppen geleitete Kammerorchester überraschend souverän den Wiener Tonfall.

Schon am Vorabend hatte man feststellen können, daß die Identifikation der Studenten der Eisler-Hochschule mit dem Namenspatron ihrer Institution inzwischen gewachsen ist.In einem gemeinsamen Projekt mit Studierenden der Freien und der Humboldt-Universität präsentierten sie ein stark besuchtes Konzert, das nach respektablen Interpretationen der Klaviersonate op.1 und der "Palmström"-Melodramen op.5 eine veritable Erstaufführung brachte.Eisler hat sein Opernfragment "Hundertfünfzig Mark" (1927-1929) auf ein Libretto von Robert Gilbert für großes Orchester geschrieben.Peter Schweinhardt dirigierte Teile daraus in einer eigenen Kammerorchesterversion.Trotz seines Werkstattcharakters weckte das mutige Projekt Interesse an einer größere Aufführung.Ernstere Töne als später in "Höllenangst" fand Eisler hier, mit Anklängen an Berg und Mahler: für die Selbstmordgedanken Berliner Arbeitsloser.

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