Kultur : Von Tuschkästen und Panzerkreuzern

Berliner Siedlungen als Weltkultur: eine Denkmalschutztagung

Jürgen Tietz

Es gibt sie noch, die Fürstreiter der Denkmalpflege. Alljährlich wird eine Handvoll von ihnen ausgezeichnet: Mit dem Deutschen Preis für Denkmalschutz, den das Nationalkomitee für Denkmalschutz vergibt. Gestern fand die Preisverleihung im Rahmen der Jahrestagung des Komitees im Berliner Rathaus statt. Da traf es sich gut, dass unter den Ausgezeichneten auch Berliner sind: Der Verein Filmkunsthaus Babylon e.V. erhielt eine „silberne Halbkugel“ für die Rettung der von Hans Poelzig entworfenen Kino-Inkunabel der modernen Architektur. Auch bleibt einer der Journalistenpreise in der Hauptstadt. Felix Oehler (SFB) wurde für seinen Beitrag „Elektropolis Berlin. Neue Nutzung für alte Abspannwerke“ ausgezeichnet.

Die Preisverleihung und die Jahrestagung des Nationalkomitees boten für Berlin noch eine weitere Chance: Werbung für sein Anliegen zu machen, sechs Siedlungen der Weimarer Republik auf die Liste des Unesco-Weltkulturerbes zu setzen – zusätzlich zur Museumsinsel und der Berlin-Brandenburgischen Schlösserlandschaft. Dem Berliner Vorstoß werden neben skeptischen Stimmen auch gute Chancen eingeräumt, da die Moderne unter den 730 eingetragenen Monumenten der Unesco-Liste des Weltkulturerbes unterrepräsentiert ist. Als problematisch wird von Fachleuten allerdings bewertet, dass Deutschland bereits mit 27 Denkmälern auf der begehrten Liste vertreten ist. Erst in diesem Jahr sind das Mittelrheintal und die Hansestädte Wismar und Stralsund hinzugekommen. Um die Inflation der Weltkulturerbestätten zu verhindern, sollen nur noch 30 Anträge pro Jahr eingereicht werden – insgesamt, und jedes Land soll einmal vertreten sein dürfen.

Angesichts dieser verschärften Rahmenbedingungen und der außereuropäischen Konkurrenz wird es für Berlin nicht einfach, seine Wohnsiedlungen auf die Liste zu bekommen. Aber immerhin hat die Kultusministerkonferenz den Antrag auf ihre Liste übernommen, stellen die Berlin Siedlungen doch tatsächlich ein einzigartiges Denkmal dar. Die sechs Siedlungs-Beispiele schlagen den Bogen von den Anfängen der Siedlungsarchitektur in Berlin bis zum Ende der Weimarer Republik. Den Auftakt bildet die Kleinhauskolonie Falkenberg von 1913/15, die als Tuschkasten-Siedlung bekannt geworden ist. Mit ihren typisierten Reihenhäusern und der markanten Farbigkeit wies der Architekt Bruno Taut in Falkenberg bereits vor dem Ersten Weltkrieg auf die weitere Entwicklung des Siedlungsbaus nach 1925 voraus.

Damals stieg Berlin unter seinem Stadtbaurat Martin Wagner zur führenden Architekturmetropole Europas auf. Wagners vordringliches Anliegen war es, die dramatisch schlechte Wohnsituation in der Mietskasernenstadt zu verbessern. Gemeinsam mit Taut verwirklichte er 1925/31 die legendäre Hufeisensiedlung in Britz. Nicht nur Form und Farbigkeit boten einen zuvor unbekannten Anblick. Neu war auch die konsequente Organisation der Wohnungsgrundrisse. Entscheidendes Merkmal des Berliner Siedlungsbauprogramms war dessen soziale Stoßrichtung. So sollte die Gründung gemeinnütziger Wohnungsbaugesellschaften dafür sorgen, dass die neuen Kleinraumwohnungen auch für die Mieterschaft aus Angestellten und Arbeitern bezahlbar waren.

Architektonisch war das Erscheinungsbild der Siedlungen unterschiedlich: Mal dominierte expressiver Backstein wie bei Bruno Tauts Siedlung am Schillerpark im Wedding (1923/31), mal das typische Neue Bauen wie bei der Wohnstadt Carl-Legien (Prenzlauer Berg, Erich-Weinert-Straße). Entscheidend war die aufgelockerte Bebauungsstruktur. Die gesundheitsfördernde durchgrünte Stadtlandschaft zeigte sich auch als Leitmotiv späterer Siedlungen, der „Weißen Stadt“ in Reinickendorf mit dem Brückenhaus des Schweizers Otto Rudolf Salvisberg und der „Ringsiedlung“ (1929/31) in Charlottenburg, benannt nach der Architektenvereinigung der „Ring“. Hans Scharoun gestaltete den Siedlungskopfbau, der wegen seiner Elemente aus der Schiffsarchitektur als „Panzerkreuzer“ ironisiert wurde. Auch Walter Gropius, Fred Forbat, Otto Bartning und Paul Rudolf Henning wirkten hier mit.

Auch wenn Berlin neben den ausgewählten Beispielen noch mehr Siedlungen auf höchstem Niveau besitzt, etwa die Onkel-Tom-Siedlung in Zehlendorf, dokumentiert die Auswahl eine einzigartige Entwicklung. Der Weg bis zum Weltkulturerbe ist freilich weit. Frühestens 2003 kann der Antrag durch das Auswärtige Amt bei der Welterbekonferenz eingereicht werden, vor 2005 ist mit keiner Entscheidung zu rechnen. Bis dahin heißt es warten. Und pflegen. Das will bezahlt werden: Das Nationalkomitee hat während seiner Berliner Tagung den Bundesfinanzminister gewarnt; sein geplantes Steuervergünstigungsabbaugesetz werde den deutschen Denkmälern schlecht bekommen.

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