Kultur : Von Waisen und Wundern

Caroline Flüh lädt ein zur Zeitreise ins Potsdam des 18. Jahrhunderts.

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Wer als Junge im Waisenhaus seine kranke Schwester besuchen will und dabei erwischt wird, muss mit zehn Rutenhieben auf den Rücken und einem Tag ohne Essen im dunklen Keller rechnen, so das Reglement des Waisenhauses in Potsdam, das Friedrich der Große für die Kinder seiner Soldaten hat errichten lassen. Eine vorbildliche Einrichtung, möchte man meinen. Doch wer den Roman „Diebstahl im Waisenhaus“ von Caroline Flüh liest, kommt ins Grübeln. Es gibt Schlimmeres, gewiss, vor allem 1745. Aber der Blick hinter die Kulissen ist doch aufschlussreich. Flüh hat nun kein Sachbuch über Sozialpädagogik im 18. Jahrhundert geschrieben, sondern möchte in ihrem Roman Geschichte für junge Leser erlebbar machen angesichts einer wahren Bücherflut zum 300. Geburtstag von Friedrich II. im nächsten Jahr. Aber wie macht man das, ohne einfach einen historischen Roman zu schreiben?

Leonie und Emma gehen in unserer Zeit einer alten Dame – Madame R. – in Potsdam mit Einkäufen zur Hand. Die Dame hat viele interessante Bilder in ihrer Wohnung und kann wunderbar erzählen, was Emma und Leonie fasziniert. Unter den Bildern befinden sich auch Zeichnungen von Chodowiecki, der arme Kinder auf Papier festgehalten hat. Und so kommen sie über das Militärwaisenhaus in Potsdam miteinander ins Gespräch, wo in schlimmsten Zeiten bis zu 2000 Kinder untergebracht waren. Und dann ist da noch ein Ring der Großmutter von Madame R., den die Kinder vom Juwelier abgeholt haben. Emma zieht ihn spaßeshalber an und lauscht fasziniert den Erzählungen der alten Dame, die sie plötzlich nicht mehr hören kann.

Flüh schickt die Kinder mithilfe des Ringes auf eine Zeitreise, sie landen als Winzlinge im Schlafsaal des Waisenhauses und verstecken sich in den Ärmelaufschlägen von Johann, der sich eben um seine kranke Schwester kümmern muss. Die Kinder lernen viel über die Zeit, greifen manchmal mit Hilfe der Kraft des Ringes in das Geschehen ein und kommentieren das Erlebte. Manchmal sind ihre Streitigkeiten untereinander etwas nervend, man möchte lieber mehr über die Kinder des Waisenhauses erfahren. Dennoch ist Caroline Flüh ein ungewöhnlicher Roman gelungen, der die weniger beleuchtete Seite der Zeit Friedrichs des Großen aufleben lässt. Rolf Brockschmidt

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