Kultur : Von Wolfsjungen und Gänseverführern

Konrad Lorenz, der heute 100 Jahre alt geworden wäre, machte die Verhaltensforschung populär. Sein Vermächtnis ist hoch aktuell

Caroline Fetscher

Victor von Aveyron war alles andere als ein Adliger. 1803 fand man in den Wäldern von Caune im französischen Département Aveyron einen Knaben, der nackt und allein in freier Natur gehaust hatte. Man nannte ihn nach seinem Fundort. Ernährt hatte sich das etwa zwölf Jahre alte Kind von Wurzeln und Waldfrüchten. Über seine Herkunft war nichts bekannt. Für den Mediziner Jean Itard bot Victor eine einmalige Chance. Als Pionier der Verhaltensforschung machte sich Itard daran, das Findelkind zu sozialisieren. So würde er nachweisen können, was dem Menschen im „Naturzustand“, einem Rousseauschen Wilden, angeboren sei und was er lernen würde.

Angeboren, das merkte Itard bald mit Bitterkeit, war da nicht viel. Aus seinem idyllischen Landhaus wurde ein Labor für Experimente, in dem er sein Forschungsobjekt qualvollen Tests und Drills unterwarf. Was würde sich entfalten? Wie käme der Kern des Menschen ans Licht? Doch Sprechen und Denken lernte Victor nur in Bruchstücken. Zwar gelang es dem Forscher – und einer einfühlsamen Haushälterin –, in dem Jungen ein paar Emotionen zu wecken. Aber es zeigt sich, dass wenig Entwicklungschancen bestehen, wenn jemand ohne soziale Bindungen aufgewachsen ist.

Frühe Prägung: Kaum etwas faszinierte den Mediziner, Biologen und Verhaltensforscher Konrad Lorenz mehr als dieses Thema, 150 Jahre nach den ersten Experimenten. Auch Lorenz, der heute 100 Jahre alt geworden wäre, entwickelte seine Experimente in einem Ambiente, das eine besondere Mischung aus grüner Idylle und klinischem Labor darstellte. Ans ländliche Max-Planck-Institut für Verhaltensphysiologie in Seewiesen bei Starnberg hatte der Forscher 1958 seine berühmten Graugänse umgesiedelt, die ihn als „Leittier“ akzeptiert hatten. Anders als den romantischen Humanisten der frühen Aufklärung ging es Lorenz um harte Wissenschaft. Nicht das innere Wesen galt es zu erkennen, sondern die „Programmierung“, das neuronal gesteuerte Muster hinter dem Verhalten.

Hier in Seewiesen, zwischen Volieren und Messgerätschaften, Laubbäumen und Futtertrögen bastelte Lorenz an seinen Theorien, zu denen er einen Bestseller nach dem andern verfasste – immer bereit, den inkommensurablen Sprung vom Tier zum Mensch zum winzigen methodischen Hüpfer zu erklären. Was dem Faunaforscher an seinen Tieren auffiel, ein Zusammenspiel von Angeborenem und Erlerntem im Rahmen enger Vorprogrammierung, das übertrug er, etwa in „Das sogenannte Böse. Zur Naturgeschichte der Aggression“ (1963) hurtig auf die Menschheit. Graue Gänse trippelten hinter dem weißhaarigen Wissenschaftler her: Dass Verhalten pures, oft angeborenes Programm ist, führte der Gänseverführer Lorenz rührend einfach vor. Biologische Muster galten Lorenz und seinen Kollegen als Belege für anthropologische Konstanten – und ein breites Publikum trottete ihnen nach.

Schon als Kind hatte der am 7. November 1903 in Altenberg bei Wien geborene Arztsohn Vögel gezähmt und Fische beobachtet, interessierte sich Anfang der Zwanzigerjahre für die Balz von Buntbarschen, studierte 1937 an den Ufern der Donau das Verhalten der Großblattflusskrebse, war 1939 fasziniert von Erich von Holsts neuronalen Untersuchungen an spinalen Lippfischen und wurde 1940 in Königsberg als Professor für vergleichende Psychologie auf den Lehrstuhl Immanuel Kants berufen. Hätte Kant Darwin gekannt, so Lorenz bedauernde These, wäre er klüger gewesen und hätte den Ewigen Frieden anders konzipiert. „Es gibt also sehr wohl intraspezifische Aggression ohne ihren Gegenspieler, die Liebe“, erklärte Lorenz. Aber es gebe „umgekehrt keine Liebe ohne Aggression“. Immerhin folgerte er: „Schon ein bescheidenes Überlappen der Ansichten darüber, was begeisternde und zu verteidigende Werte seien, kann Völkerhaß vermindern und Segen stiften.“

Während der NS-Zeit – das wurde Lorenz bis zu seinem Tod 1989 vorgeworfen – hatte er verfängliche Zeilen publiziert. So schrieb er 1940 in einem Aufsatz von „wirksamen rassepflegerischen Maßnahmen“. Misslinge die Ausmerzung der mit Ausfällen behafteten Elemente, so durchdringen diese den Volkskörper“. Nie habe er dabei an Mord gedacht, beteuerte Lorenz später, er war kein Mitglied der NSDAP und verbrachte die meiste Kriegszeit als Psychiater in Lazaretten. Ein naiver Mitläufer, ein Spinner, ein besessener Naturwissenschaftler?

Vieles spricht dafür. Lorenz, der später der österreichischen SPD und dann als Kernkraftgegner der Öko-Bewegung nahe stand, war kein klassischer Nazi. Doch gar so harmlos ist die Geschichte nicht. Bemerkenswert bleibt die Tatsache, wie zur frühen Prägung der Bundesrepublik eine ganze Generation von Biologen und Verhaltensforschern beitrugen, die „Biologismus light“ vermittelten. Die Bücher der Ethologen Lorenz und Irenäus Eibl-Eibesfeld, die TV-Tierforscher Bernhard Grzimek, Heinz Sielmann, Hans und Lotte Hass, sie alle begleiteten die Fünfziger- und Sechzigerjahre – neben Flipper, Fury, Lassie, Daktari und Skippy, dem Buschkänguruh. Womöglich hat uns die damalige Konjunktur der Tiere mit darauf vorbereitet, den neuen Diskurs im heutigen Zeitalter erneuter Re-Biologisierung zu akzeptieren.

Zunächst waren da andere Zeiten und Sichtweisen. François Truffaut etwa verfilmte 1969 das Drama des wilden Kindes Victor von Aveyron: „Der Wolfsjunge“ war ein psychologisch betrachtender, empathischer Beitrag zur Milieutheorie, mithin zur progressiven Gesellschaftstheorie, wie sie sich damals in den von Studentenrevolten wachgerüttelten Demokratien durchsetzte. Man hatte gelernt von Karl Marx, der einst schrieb: „Der Mensch ist das Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse.“ Verhält es sich aber so, sind weder „der Mensch“ noch „die Verhältnisse“ von Gott oder Genen gegeben, sondern so veränderbar wie reformfähig. Mit dieser Einsicht, die in alle bürgerlichen Parteien eingedrungen war, beginnt eine biologistische Phalanx aus Naturwissenschaft und Gesellschaftstheorie seit ein paar Jahren sukzessive aufzuräumen.

Suchten nämlich Lorenz und Kollegen die versteckten „Programmierungen“ bei Tier und Mensch in neuronalen Schaltungen, Synapsen und Nervenbahnen, tauchen seine Enkel, die heutigen Naturwissenschaftler, auf ihrer Weltreise zu den Determinanten in die Mikroebene der Gene ein, klettern am Riff der Doppelhelix auf und ab und faszinieren Geisteswissenschaftler mit dem Phantom der Lesbarkeit des Genoms. Determinismus und Natur versus Veränderbarkeit und Kultur – dieses Schisma hat sich bis in die Mikroebene hinein vertieft, seit Francis Crick, Mitentdecker der Doppelhelix, erklärte: „Deine Erinnerungen und Zukunftswünsche, deine Gefühle von Identität und freiem Willen sind in Wirklichkeit nichts weiter als das Verhalten einer riesigen Ansammlung von Nervenzellen und den dazu gehörenden Molekülen.“

Verkürzungen und Verschiebungen wie diese finden sich vielen Diskursen der postmodernen Gegenwart wieder: auf den Titelblättern der Zeitschriften, in den Essayspalten der Feuilletons. Frauen seien von der Venus, Männer vom Mars, behauptet ein Bestseller. „Die Ära des neuzeitlichen Humanismus“ sei abgelaufen, befand der populäre Peter Sloterdijk. In der Gentechnik-Debatte sieht der Publizist Ulrich Raulff am Werk, was er treffend Biofatalismus nennt. Der neue Biologismus hat sich aus einer Verknüpfung von Evolutionstheorie, Gen- und Verhaltensforschung entwickelt. Dabei können weder Psychoanalyse noch kritische Gesellschaftstheorie viel ausrichten gegen diese positivistische Art der Hirnforschung, gegen zusammengezurrte Menschenbilder und effizienzfixierte Paradigmen. Und manchem gilt die in der Verfassung und der UN-Charta festgeschriebene unantastbare „Würde des Menschen“ als Gutmenschen-Gerümpel, das sich entsorgen ließe: als pompöse Behauptung, zuzurechnen der Epistemologie überkommener Epochen, durchwuchert von metaphysischen Residuen.

Krisenzeiten und Umbruchphasen stiften oft grobe Lesarten der Welt – sofern nicht verantwortungsbewusste Politik und Wissenschaft geeignetes Gegenvokabular zum Zirkulieren bringt. Möglich wäre das – denn zugleich wächst wieder Hoffnung auf kulturellen Fortschritt, wenn sich zum Beispiel eine rapide Entwicklung des internationalen Rechts ankündigt, eines globalen Diskurses über Verantwortung, Solidarität und Umverteilung – die eben nicht naturgegeben ist.

Internationaler Dialog und nationale Diskurse klaffen auseinander. Dem Rückzug, der Regression in – vermeintlich hypermoderne – BioSzenarien steht die Progression eines transnationalen, politischen Denkens gegenüber. Wer nicht mitdenkt in dieser großen Gesellschaft der Welt, verpasst womöglich eine entscheidende Phase ihrer „frühen Prägung“. Eine global-soziale.

Literatur: Klaus Taschwer, Benedikt Föger: Konrad Lorenz. Biographie. Erste umfassende und kritische Lebens- und Werkbeschreibung. Paul Zsolnay, Wien 2003. – Konrad Lorenz: Eigentlich wollte ich Wildgans werden. Mit Essays von Irenäus Eibl-Eibesfeldt und Wolfgang Schleidt. Piper, München 2003

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