Kultur : Von Wundermännern und Milchgesichtern

Das Leben ist auch nichts anderes als „Anything Else“, glaubt Woody Allen – und eröffnet die 60. Filmfestspiele Venedig

Jan Schulz-Ojala

In Venedig hat er ein sicheres Heimspiel, ja, in Venedig gilt er mittlerweile als Wundermann. Hier hat er, der Öffentlichkeitsscheue, vor sieben Jahren gleich zwei Konzerte mit seiner New Orleans Jazz Band gegeben, hier hat er ein Jahr später in aller Stille Soon-Yi geheiratet, die junge Koreanerin, um die seine Ex und ihre Adoptivmutter Mia Farrow jahrelang Skandal gemacht hatte, und vor allem: Den Filmfestspielen am Lido hat er bislang acht seiner Werke zur Weltpremiere überlassen, immer außer Konkurrenz, oder sollte man besser sagen: über Konkurrenz? Kein Wunder, dass nun auch örtliche Bittsteller bei Woody Allen vorstellig werden. Er möge doch die umstrittene Verlagerung des Städtischen Krankenhauses aufs Festland, nach Mestre, abwenden, heißt es dieser Tage in einem Offenen Brief engagierter Lagunenbewohner – er, der doch Venedig liebe und sich gegenüber „Problemen der Gesundheit stets sehr sensibel“ gezeigt habe.

Sensibel gegenüber Problemen der Gesundheit? Nun ja, schon. Ein Stadtneurotiker zum Beispiel war er, jahrzehntelang, doch eher lustig gemacht hat er sich über Stadt- und allerlei andere Neurosen und ihre meist ambulanten Heilspersonen, lebenslang. Aber ist er dann wenigstens sensibel in Sachen schwindender Gesundheit im Alter? Ironisch allenfalls, sehr ironisch. Nein, Woody Allen war unser aller ewig Junger, Zipperlein hin, Zipperlein her; einer, der den jungen Frauen hinterherstieg im Leben wie im Film, Jungbrunnenlustiger, Todesverspotter. Und wir haben ihm das durchgehen lassen, auch wenn dieser Immer-noch-mitten-im-Leben-Bleibewahn in manchen seiner neueren Filme, seien wir ehrlich, mitunter bitter zu schmecken begann.

Da ist es wohl verzeihlich, dass sich zahlreiche Medien – auch der Tagesspiegel – bei „Anything Else“ auf eine neue immerfrische Love Story des mittlerweile 67-Jährigen eingestellt hatten. Dabei ist sein 34. Film, der am Mittwoch die 60. Filmfestspiele in Venedig eröffnete, eindeutig something else. Der Regisseur gibt zwar einen Ausgeflippten, aber zugleich einen verblüffend Vernünftigen, der keinerlei Beistand durch städtische Krankenhäuser zu benötigen scheint; und auch die Liebe treibt ihn nur mehr theoretisch um. Die Stadtneurotiker in dieser mal sprühenden, mal glühenden, mal ganz ins Stille sich wendenden Komödie sind zwei, die seine Enkel sein könnten: Amanda (klasse: Christina Ricci) und Jerry (ebenso klasse: Jason Biggs, das Milchgesicht aus „American Pie“). Und Woody selber? Ein Ratgeber. Ein Weiser. Ein Verrückter unter Verrückten, aber immerhin: ein Wundermann.

Der junge Jerry – Gibbs gibt ihn mal staunend, mal mit den fahrigen Bewegungen des alterslosen Woody – ist ein offenbar glückloser Comedy-Schreiber (wir sehen ihn nie on stage), den es zur schönen, weil ernsten Literatur drängt. Aber vor lauter angeborener – oder neurotischer? – Gutherzigkeit lässt er sich von seinem unfähigen Manager (Danny De Vito) nach drei faden Jahren fast einen weiteren Siebenjahresvertrag aufdrängen – wäre da nicht der Gagschreiber und Freund David Dobel (Woody Allen), der ihn für ein neues gemeinsames Berufsleben in Kalifornien gewinnen will. „Ach ja, die Idioten, die es in New York nicht geschafft haben und in Kalifornien zu Millionären werden“, schimpft Jerrys Freundin Amanda – aber hat nicht Amanda selber genug mit ihren Ess- und Sexproblemen zu kämpfen, die sie immer mal wieder in manische Futter- und panische Frigiditätsanfälle treiben?

David Dobel, das zur Selbstbefreiung gereifte Double längst der Filmgeschichte anheimgefallener Stadtneurotiker, spürt nicht nur schon früh, dass Amanda vor allem ein heimliches Fremdgehproblem hat; er tickt auch sonst zeitweise erstaunlich klar. Die Sitzungen beim Analytiker, denen sich sein Schützling Jerry noch in zwerchfellerschütternder Ergebnislosigkeit unterzieht, hat er längst abgehakt. Andererseits bringt ihn seine Tendenz, lieber entschieden zu handeln statt zu quatschen (gut gegen Magengeschwüre!), immer wieder in schwierige Situationen: Oder wie soll man es nennen, wenn sich Schmalhans Woody im alltäglichen Parkplatzsuchkrieg mit zwei menschlichen Schränken Marke Türsteher anlegt? Keine Frage, dieser Mann braucht ein Survival Kit, früher oder später. Junge kräftige Kerls wie Jerry, welch tröstliche Botschaft am Ende allen abendfüllenden Zögerns, können auch allein überleben – ohne Mr. Dobel, ohne Survival Kit und zur Not sogar ohne Amanda. „Anything Else“ ist ein – darf man sowas bei Woody Allen sagen? – geradezu lieber Film. Nicht sein erstes Alterswerk, beileibe nicht, aber sein erstes ausgesprochen altersweises. Da können auch schon mal Wahrheiten nebeneinander stehen. Das Leben mag aufregend, chaotisch, mysteriös anmuten, zitiert Dobel gerne einen Taxifahrer, aber bei genauerem Hinsehen sei es auch nichts anderes als „irgendwas anderes“. Um dann selber, als Jerrys Mentor, einmal anzumerken: Life is what it is. Ja, was denn nun, Zufall oder Schicksal? Die uralte Frage. Vielleicht einfach das: Man kann ganz leicht von einer Lebensumgebung in irgendeine andere gehen, nur bleibt man dabei immer, wer man ist. So viel Freiheit! Nehmt sie euch, rät Doc Woody. Früher wäre er bei solchen Befunden schnurstracks zum nächsten Seelenklempner gerannt.

„Ich bin immer noch klein, und ich bin immer noch jüdisch“, versichert Woody Allen nach seiner Ankunft am Lido: Erstmals ist er pünktlich zur Festivalzeit angereist, mit Familienanhang. Beschwingt lässt sich die Mostra an – besser als das Filmfest in Cannes, wo sich Allen letztes Jahr mit einem für Cannes ganz seltenen Lebenswerk-Preis, „Hollywood Ending“ vorstellte – seine bald ziemlich gut vergessene Satire über einen psychosomatisch erblindenden Regisseurs, der seine letzte Chance fast vergeigt (nun, er kriegt immerhin die jungschöne Heldin). Auch für Moritz de Hadeln, noch so einen altersleichten Über-Sechzigjährigen, lassen sich seine zweiten Filmfestspiele am Lido gut an. Nicht zuletzt, weil er diesmal gleich doppelt so viele Sponsoren gewonnen hat, stehen die Zeichen für eine weitere Verlängerung seines Vertrages günstig. Und sein ebenso stetes wie polternd temperamentvolles Lästern über die veralteten Festivalstrukturen – zu kleine Säle, kein Filmmarkt – lassen ihn in Italien plötzlich ebenfalls als einen Wundermann erscheinen: als denjenigen, dem die Wende mittelfristig gelingen könnte.

Der obligatorische Krach schließlich, der die ersten Festivaltage begleitet, kommt diesmal nicht von Berlusconis Leuten, nicht von den Hollywood-Studios; angegezettelt hat ihn Gina Lollobrigida – und er kann Moritz de Hadeln nur nützen. Schließlich scheut sie sich nicht, öffentlich darüber zu schmollen,  dass sie wieder keinen Löwen fürs Lebenswerk bekomme. Ob dieser „Ausländer“, den das Festival da mit dem Schweizer de Hadeln verpflichtet habe, wohl warten wolle, bis sie im Koma liege?

Derlei Einlassungen sind schon für sich gesehen nicht gerade feierstundenfreundlich; zudem hat der Festivalchef so seine Erfahrungen mit „Lollo“. 1986, da war er schon ein paar Jahre Berlinale-Direktor, tobte sie als Jury-Vorsitzende gegen alle Diskretionsregeln öffentlich darüber, dass sich in der Jury in Sachen Goldener Bär so ein Terroristen-Sympathisantenfilm durchgesetzt habe, Reinhard Hauffs „Stammheim“.

Wie würde Woody Allen alias David Dobel seufzen? Schauspielerinnen!

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