Kultur : Vor >>

Steffen Richter

Die europäische Aufklärung, so Abdelwahab Meddeb in einem Gespräch mit „Lettre International“, habe den Islam vom Westen abgekoppelt. Geblieben sei dem Orient, was Nietzsche „Nachgefühl“, also Ressentiment, genannt hat. Das speist sich aus einer Ohnmacht: nicht mehr in dem Maße zur Weltkultur beitragen zu können, wie es noch im 10./11. Jahrhundert der Fall war. Die arabische Welt könne seit langem nur noch nehmen, nicht mehr geben. Im „Anwachsen des Ressentiments im islamischen Subjekt“ sieht Meddeb die wichtigste „Triebfeder aller fundamentalistischen Operationen“.

Seit dem 11.9.2001 ist Meddeb einer der gefragtesten Fachleute in Sachen islamischer Kultur. Der 1946 in Tunesien geborene Romancier, Übersetzer und Publizist kam in den Sechziger Jahren nach Paris. Dort hat er Kunstgeschichte und Literatur studiert und als Lektor gearbeitet. Er schreibt auf Französisch, seine Romane „Talismano“ und „Phantasia“ liegen auch auf Deutsch vor. Meddebs Mittlerstellung zwischen Islam und Westen prädestiniert ihn zum scharfsichtigen Analysator beider Kulturen. Zuletzt hat sein letztes Jahr erschienenes Buch „Die Krankheit des Islam“ für Aufsehen gesorgt. Darin verurteilt Meddeb die geistige Starre einiger islamischer Vordenker, plädiert aber auch für einen differenzierteren Blick des Westens, der ohne die Kenntnis der arabischen Traditionen nicht auskomme. Einen Berufeneren könnte es also kaum geben, um mit dem Algerier Boualem Sansal, dem Franzosen Lorand Gaspar und Saadi Youssef aus dem Irak (heute um 15.30 Uhr in den Sophiensälen ) über die „Neue islamische Welt“ zu debattieren.

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