Kultur : Vor 1200 Jahren wurde Karl der Große zum Kaiser gekrönt

Waldemar Ritter

Eine Gelegenheit, um über die historische Vision einer aktuellen Idee nachzudenken - der Idee von EuropaWaldemar Ritter

Er hat ihn bauen lassen und wurde darin begraben. Karl der Große und der Aachener Dom - eine Liäson der besonderen Art. Denn die Schöpfung des Kaisers ist mehr als ein bedeutendes Architekturdenkmal; sie gilt längst als Symbol der geistigen Einheit Europas. An diesem Wochenende wird dem herausragenden Zeugnis europäischer Kultur besondere Aufmerksamkeit zuteil, denn im Aachener Krönungssaal und im Dom feiert man die 1200. Wiederkehr der Kaiserkrönung Karls und des Baus seiner Pfalzkapelle. Der Festakt findet in Anwesenheit des päpstlichen Abgesandten Kardinal Castrillon statt; zur Eröffnung des Karlsjahres haben Juan Carlos, der König von Spanien, Belgiens König Albert II. und eine Vielzahl europäischer Staatspräsidenten Grußworte geschickte, darunter Vaclav Havel, Thomas Klestil und Luigi Scalfaro - allesamt übrigens Mitglieder des Dom-Kuratoriums.

Aachen, die Residenz Karls des Großen, war 600 Jahre lang die Krönungsstadt der deutschen Könige. Von Otto I. im Jahr 936 bis zu Ferdinand I. 1531 diente der Dom als Krönungskirche. Nur wer den Thron Karls bestiegen hatte, durfte nach Rom fahren, um vom Papst die Kaiserkrone zu empfangen. So geriet der Aachener Dom ins Zentrum der Aufmerksamkeit Europas, denn die hier Gekrönten und ihr Gefolge stammten nicht allein aus Deutschland, sondern aus Böhmen, Burgund, England, den Niederlanden, Österreich, Spanien und Ungarn.

Das architektonische Vorbild lieferten die Bauten des alten Rom. Dabei bildet die Pfalzkapelle mit ihren antiken, byzantinischen und germanisch-fränkischen Elementen die Keimzelle des Doms - eine Meisterleistung karolingischer Baukunst. Und Ausdruck einer neuen geistesgeschichtlichen Entwicklung, auf der die Idee Europas basiert. Das gilt auch für die Kunstschätze, die den Betrachter einen Hauch frühmittelalterlicher Geschichte spüren lassen, wie der Marienschrein, dem Barbarossaleuchter und besonders der Karlsschrein. Majestätisch thront der "Patricius Romanorum" auf dessen Giebelseite.Über dem "Schutzherrn der Römer" erhebt sich ein segnender Christus: König Karl der Große, von Gott selbst berufen, beschreitet den Weg zum Kaisertum. So war der Karlsschrein mit Szenen aus dem Leben jenes Herrschers, der die Ideale des antiken Roms wieder zum Leben erweckte und Europa nach 400-jähriger Zerrüttung kulturell und geistig erneuerte, künstlerischer Ausdruck eines politischen Programms zur Einheit Europas.

Bis heute stellt der Aachener Dom eine unvollendete Symphonie aus Stein und Glas dar. In diesem Spiel der Farben und Formen mit dem Licht fungiert er als "Geburtskirche Europas". Denn der Kaiser hatte eine Vision: die Vision eines Europa, das seine geistigen Grundlagen in den christlichen Wurzeln, im Erbe der antiken Kultur und in der Lebensart germanischer Völker sah.

Durch Karl wurde die Kaiserpfalz von Aachen zum politischen und kulturellen Zentrum ihrer Zeit, zu einem geistigen Kraftfeld und einer Reformwerkstatt, die bis heute ihre Spuren hinterlassen hat. . Sie war nicht nur Herzstück des Frankenreichs geworden, sondern ebenso Zentrale für Bildung, Kunst und Wissenschaft. In den Zeugnissen der karolingischen Zeit läßt sich studieren, wie Staat und Kirche, wie Werte und Gesetze einander durchdringen und wie der staatliche Gedanke mit der christlichen Botschaft verschmilzt.

Auch der Euro hatte unter Karl dem Großen einen frühen Vorläufer: Der Kaiser schuf die erste gemeinsame europäische Währung. Die in Zusammenarbeit mit König Pippin vollzogene Neuordnung des Geldwesens führte zum einheitlichen, im gesamten Reich gültigen Silberdenar. Und der damals bedeutendste angelsächsische König Offa von Merzin schloss mit Karl einen europäischen Handelsvertrag. Er setzte die neue Münze im Inselreich durch; so entstand eine Währungs- und Wirtschaftsunion - bereits vor 1200 Jahren.

Allerdings können wir das Wesen und Wirken Karls nicht nur mit heutigen Maßstäben messen. Zwischen Karl und der Gegenwart stehen Renaissance und Aufklärung. Übrigens zwei originär europäische Ereignisse, die sonst nirgendwo in der Welt stattfanden und ohne die geistige Auseinandersetzung mit dem Mittelalter nicht denkbar sind. Das 20. Jahrhundert hat gezeigt, welche grausamen Folgen die Missachtung der Menschenwürde und die Perversion einer falsch verstandenen Aufklärung zeitigen kann. Aber Karls Kriege waren ebenfalls grausam, auch wenn sie nach damaliger Lesart gegen "heidnische Götzendiener" geführt wurden - der historisch umstrittene Vorwurf "Sachsenschlächter" ist bis heute bekannt.

Darüber hinaus würde Karls persönlicher Lebenswandel nach der Gründung der Römischen Ritenkongregation im Jahr 1588 wohl kaum noch den heutigen Ansprüchen einer Heiligsprechung genügen: Vier Ehen und mindestens sechs weitere Konkubinate sind überliefert. Das ist viel für einen weltlichen Imperator und erst recht für das Ideal des christlichen Herrschers, zu dem Karl nach seiner durch Kaiser Friedrich Barbarossa veranlassten Heiligsprechung im Jahr 1165 verklärt wurde.

Die Faszination, die noch heute von ihm ausgeht, erklärt sich also am ehesten durch seinen Versuch, das antike Erbe mit christlicher Religion und germanischer Gedankenwelt zu verbinden. Dies war der Grundstein, auf dem nicht nur seine europäische Vision, sondern auch seine gestalterische Umsetzungsmacht basierte. Auf den Ruinen von Rom vertiefte er die geistliche Verbindung mit dem Papst. Er schickte Botschaften nach Byzanz, um Frieden mit den Ländern der östlichen Christenheit zu stiften. Seine Ideen verbreiteten sich Richtung Osten bis in den slawischen Raum, wo später Otto III. und Bischof Adalbert die geistigen Verbindungen zu Polen, Tschechien und der Slowakei festigten. Er brachte alte Reliquien aus Jerusalem in den Norden und schickte eine Gesandtschaft mit dem Juden Isaak zum Kalifen Huran al Raschid nach Bagdad, um der muslimischen Welt Referenz zu erweisen. Und er zog nach Spanien, um Wege und Länder von den Sarazenen zu befreien und das Grab des Apostels Jakobus in Santiago de Compostela zu besuchen.

Diese Begegnungen machen deutlich, worum es auch heute in Europa gehen könnte: um Freiheit und Sicherheit für alle Völker, um Gerechtigkeit und Frieden in einer am Gemeinwohl und an Grundwerten orientierten Welt. Um ökumenischen und interreligiösen Dialog, um Gemeinschaft und Vielfalt der Religionen und Kulturen. Vor diesem Hintergrund entfalten Karl und sein Aachener Dom ihre heutige Bedeutung: der Umwandlung eines kulturellen und historischen Werts zu einer konstitutiven und verfassungsgebenden Kraft. In Aachen wurde die Idee einer gemeinsamen europäischen Zivilisation erstmals gedacht.

Die Inschrift auf dem Karlsschrein besagt: "Ecclesie Christi tu lux tu gemma fuisti. / Karole flos regum decus orbis orbita legum". ("Der Kirche Christi bist du Licht und Edelstein gewesen, Karl, Blüte der Fürsten, Ruhm der Welt, Garant der Verträge"). Natürlich eignen sich Leben und Wirken Karls nicht durchweg für solche Lobpreisungen. , Dennoch beriefen und berufen sich viele auf ihn, nicht nur die Habsburger, die Preußen und Napoleon. Karl war ein Mann der Erneuerung. Er hatte gleichzeitig weltliche und geistige Macht, eine Kombination,die ihn jedoch nicht dazu verführte, die Kultur der Völker seines Reiches zu vereinheitlichen. Im Gegenteil, er stärkte ihre Differenz und ermutigte sie zur Vielfalt. Ein Europa der Regionen, das seine Gemeinsamkeiten als Kraftquelle nutzte.

So kann der Blick auf Karl den Großen uns Deutschen eine Geschichtsperspektive eröffnen, die erhellt, wie zutiefst europäisch unsere Vergangenheit ist und wie deutlich die Spuren dieser Geschichte in der Gegenwart präsent sind. Umgekehrt wird klar, dass die europäische Vision auch auf einem deutschen Pfeiler ruht. Wie bei Karl dem Großen mündet die Vergangenheit immer wieder in eine Renaissance . Die Erneuerung wird allerdings umso besser gelingen, wenn die europäische Geschichte nicht als Mythos oder gar als Legende daherkommt, sondern in jenem kritischen Geist, den der französische Historiker Jacques Le Goff "eines der wesentlichen Werkzeuge des Denkens und Handelns der Europäer" genannt hat.

Vieles deutet darauf hin, dass Europa nach dem Ende des Kalten Krieges vor einem Paradigmenwechsel steht - ein Wandel, der auch zur Rückbesinnung auf die Wurzeln, auf das gemeinsame kulturelle Erbe in Europa führen wird. Der Aufbruch der europäischen Nationen zur Einheit in Vielfalt findet sich auf einem detailreich ausgestatteten Fresko aus dem 14. Jahrhundert - in der Straßburger Kirche Saint-Pierre-le-jeune. Ein genaues Abbild der heutigen Europäischen Gemeinschaft, einschließlich der Beitrittskandidaten Polen und Ungarn. Anschauungsunterricht also, wie sehr das Europa Karls des Großen bis heute in gemeinsamer Kultur und Geschichte verbunden ist. Und wenn es für die europäische Union eine Jahrhundertaufgabe gibt, dann ist es die, den Nachbarn im Osten bei ihrer "Rückkehr nach Europa" (Vaclav Havel) zu helfen und so ein geeintes Europa zu verwirklichen. Das Europa einer demokratischen, freien Union moderner Bürger und Kulturgesellschaften.

Waldemar Ritter ist Kurator der Europäischen Stiftung für den Aachener Dom. Er war über zwei Jahrzehnte für die deutsch-deutsche Kulturpolitik des Bundes verantwortlich.

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