Vor 70 Jahren : Zuviel Politik?

Vor 70 Jahren: Tagesspiegel-Mitgründer Walther Karsch widerspricht der Forderung T.S. Eliots nach einer Trennung von Kultur und Politik im Sinne der "Einheit der europäischen Kultur".

Walther Karsch
Der Dichter und Literaturkritiker T.S. Eliot 1934.
Der Dichter und Literaturkritiker T.S. Eliot 1934.Foto: Wikimedia Commons

In einer kleinen, bei Carl Habel in Berlin erschienenen Schrift, die drei Radiovorträge enthält, legt der in Amerika geborene, seit seinem sechsundzwanzigsten Lebensjahre, also seit 1914, in England beheimatete Dichter und Kritiker T. S. Eliot seine Gedanken zur "Einheit der europäischen Kultur" dar. Da sich der Verfasser dieser Zeilen ohne Einschränkung und Vorbehalte zu dieser Einheit bekennt und außerdem glaubt, daß, abgesehen von den ewig Unbelehrbaren, niemand nach diesem Kriege, der Europa in seinen Grundfesten erbeben machte, sich dieser Erkenntnis zu verschließen vermag, so kann er es sich ersparen, im einzelnen jene Argumente anzuführen, mit denen Eliot die a priori-Wahrheit seiner Thesen stützt.

Es geht hier um etwas anderes - nämlich um die Frage, wie weit Eliot unrecht hat, wenn er glaubt, vor der Vermengung von Politik und Kultur im Interesse der kulturellen Einheit Europas warnen zu müssen, und fordert, wir sollten unsere gemeinsame Kultur vor dem Ansturm der Politik bewahren. Es scheint so, daß die Erfahrungen aus jener Periode, da Deutschland von einer, den Primat der Kultur ihres Landes über die anderer Länder beanspruchenden Diktatur regiert wurde, Eliot zu einem Fehlschluß verleitet haben. Zu schließen, die Vermengung von Kultur und Politik sei abzulehnen, einerseits, "weil sie dazu führen könnte, daß ein Land keine Kultur mehr anerkennt außer der eigenen, daß es sich bemüßigt, fühlt, seine Nachbarkulturen auszumerzen oder gewaltsam umzuformen", andererseits aber dazu, daß man das vermeintliche Ideal eines Weltstaates darin sähe, daß es "in ihm schließlich nur eine einzige einförmige Weltkultur gibt" - dies bedeutet schließlich nichts anderes, als aus berechtigtem Widerwillen gegen die beiden Extreme einer Idee die ganze Idee zu verwerfen.

Versuchen wir, es an einem anderen Beispiel klarzumachen. Soll man den Individualismus darum ablehnen, weil ei\ zu der Gefahr führen kann, daß seine Träger sich hochmütig vor der sogenannten Masse abschließen, oder dazu, daß diese Masse sich in lauter Einzelpersönlichkeiten aufspaltet, die keinen Kontakt mehr miteinander haben und- dadurch jedes Gemeinschaftsleben untergraben? Was gezeigt werden sollte, ist: man kann jeden Gedanken ad absurdum führen, wenn man sich das immer abschreckende Beispiel seiner letzten Überspitzungen ausmalt oder sie sich, soweit sie schon einmal Wirklichkeit waren, wieder vor Augen führt; wobei "es dann immer zwei entgegengesetzta Überspitzungen gibt. In Wahrheit sind sie aber gar nicht so entgegengesetzt, in Wahrheit ist es nur die (falsche) Perspektive, die sie als Gegensatz erscheinen läßt; in Wahrheit gehört eine zu der anderen, läuft die eine genau auf das gleiche hinaus wie die andere. Am Beispiel Eliots gezeigt, will dies besagen, daß auf der einen Seite die Kultur des eigenen Landes den anderen Ländern aufzudrängen, nicht nur den Tod dieser Kultur, sondern auch den der sich imperialistisch gebärdenden bedeutet (weil, wie Eliot ganz richtig betont, jede Kultur nicht weniger von der Befruchtung durch die anderen als aus den eigenen, sozusagen bodenständigen Quellen lebt); daß auf der anderen Seite aber eine Weltkultur durch Verzicht auf die kulturelle Eigenart eines jeden Landes schaffen heißt, daß binnen kurzem alle Kulturen den gleichen Kulturtod sterben würden.

Die Wurzel des Trugschlusses

Ist es nun aber erlaubt, weil diese Möglichkeiten bestehen (von denen die eine schon beinahe Wirklichkeit geworden wäre), wieder die Kluft zwischen Kultur und Politik aufzureißen? Eliot glaubt, die Wesensunterschiede von Kultur und Politik seien derart, dass beide von vornherein der Verkopplung widerstreben. Pläne zu einer Weltorganisation fallen nach ihm in den Bereich technischer, organisatorischer Fragen, Fragen der Maschinerie. Maschinerie sei notwendig und wertvoll; je besser sie sei, desto besser werde die Organisation funktionieren. Kultur aber sei nicht organisatorisch, sondern organisch. Hier liegt die Wurzel des Trugschlusses. Die Politik ist nämlich genau so organisatorisch wie die Kultur und genau so organisch wie sie, genau so (um mich weiter der Terminologie Eliots zu bedienen) "geworden" wie die Kultur und genau so "gebaut" wie sie. Die Quellen, aus denen die Politik eines Landes gespeist wird, sind seine wirtschaftlichen, seine sozialen, seine geistigen Gegebenheiten und Bedürfnisse - sie sind also organisch gewachsen. Diese Gegebenheiten zu ordnen, diese Bedürfnisse zu befriedigen, dazu bedarf es der Mittel der Organisierung, hier muss also das "Gewachsene" in das Vorhandene, manchmal das Entgegengesetzte, manchmal das gerade dieser Ergänzung Bedürfende eingebaut" werden.. Es bedeutet also eine unzulässige Vereinfachung des Begriffes Politik, wenn man sie als etwas Nur-Organisatorisches ansieht. Genau so liegt es bei dem Begriff Kultur. Nach Eliot ist Kultur "die besondere Lebensweise eines Volkes, die sich durch sein Zusammenleben auf gleichem Boden herausgebildet hat". Sie äußert sich nach ihm "in der Kunst eines Volkes, in seinem sozialen System, seinen Sitten und Gebräuchen, seiner Religion".

Überschneidet sich hier aber nicht auch wieder Organisches mit Organisatorischem, Gewachsenes mit Gebautem? Nehmen wir nur das Beispiel der Religion (und zwar weil es zugleich das einfachste und das komplizierteste ist). Wie sie wurde, wie sie sich manifestierte - das ist gewiß ein organischer Vorgang. Doch ist, wie sie sich durchsetzte, sich bewahrte und behauptete, nicht vielmehr ein organisatorischer? Schon allein, um denen, die aufnahmebereit für eine religiöse Lehre sind, diese zu vermitteln - schon allein dazu bedarf es organisatorischer Mittel, die den Vergleich mit denen, die auf politischem Gebiete angewandt werden, nicht zu scheuen brauchen.

Ganz eklatant aber wird die Unzulässigkeit der Scheidung, wenn man wie Eliot das soziale System eines Landes als eine Äußerungsform seiner Kultur ansieht. Denn das soziale System eines Landes ist nicht weniger eine Äußerungsform seiner Politik. Und außerdem ist das soziale System ebenso gewachsen wie gebaut, ebenso organisch wie organisatorisch.

Politik und Kultur bedingen sich

Hat man aber erst einmal diese doppelte Funktion aller Erscheinungsformen des Lebens eines Landes erkannt, nämlich die politische und die kulturelle, dann ist es nicht mehr weit zu der Erkenntnis, daß es keine Politik ohne Kultur, aber auch keine Kultur ohne Politik gibt. Es ist ja gerade ein Verhängnis der deutschen Geschichte, daß seine Politiker ohne Kultur, die Vertreter seiner Kultur ohne Politik auskommen zu können (ja zu müssen) glaubten. Für die einen war die Kultur etwas, womit man höchstens den Feierabend ausschmücken konnte; für die anderen galt ein politisch Lied als ein garstig Lied.

Und dabei hätte ein Blick auf die Vergangenheit die einen leicht gelehrt, daß die großen Politiker der Weltgeschichte nicht nur von der Kultur ihrer Zeit durchdrungen, sondern häufig genug sogar Träger dieser Kultur waren; während die Beschäftigung mit der Kultur den anderen hätte zeigen müssen, daß aus einer Zeile Homer, Sophokles, Plato, aus einer Zeile Dante, Shakespeare, Goethe, Kant mehr wahre politische Erkenntnis und politische Anleitung sprechen als aus den Reden und Taten der Nur-Politiker. Dies alles hat mit einer "staatlich gelenkten Kulturpolitik" nichts zu tun, die immer abzulehnen ist, wenn sie einen organisatorischen Eingriff in das organische Wachstum der Kultur bedeutet, andererseits aber immer zu fordern ist, wenn sie sich ihrer Grenzen bewußt bleibt.

Was folgt aus alledem? Daß Eliot der Kultur wie der Politik einen schlechten Dienst erwiesen hat, als er sie derart trennte. Seine so klar, nüchtern und überzeugend vorgetragenen Erkenntnisse von der Einheit der europäischen Kultur werden diese Einheit nicht davor bewahren, wieder auseinanderzubrechen, wenn die politische Einheit Europas (oder dehnen wir sie lieber auf die Welt aus) nicht, gefördert wird, Ebenso aber wird diese politische Einheit nicht ohne die Hilfe der Kultur und ihrer Träger zustande kommen können. Jedes kulturelle Gespräch, das über die Grenzen hinaus geführt wird, hat eine eminent politische Bedeutung. Wenn zum Beispiel in den Spalten dieses Blattes der Durchleuchtung der modernen englisch-amerikanischen Literatur ebenso wie der französischen ein so weiter Platz eingeräumt wird, dann zielt dies doch nicht nur darauf ab, das Verständnis für die trennenden Besonderheiten und die einenden Gemeinsamkeiten der Kulturen dieser Länder und Deutschlands zu vermitteln, sondern nicht weniger darauf, von diesem Verständnis aus auch den Blick für die politischen Besonderheiten und Gemeinsamkeiten zu öffnen.

Einzelteile mit gewachsener Souveränität

Die eine Gefahr, die Eliot aus der Vermengung von Politik und Kultur erstehen sieht, nämlich die, daß ein Land seine Kultur den anderen Ländern aufzwinge« könnte, besteht heute glücklicherweise nicht mehr. Die andere, daß diese Vermengung zu einer einförmigen Weltkultur führen könnte, läßt sich nicht dadurch beheben, daß man diese Vermengung vermeidet. Im Gegenteil: je enger Politik und Kultur zusammenwachsen, je mehr die Kultur die Politiker mit ihren Gehalten durchdringt, und je mehr die Politik die Träger der Kultur aktiviert, um so größer ist die Aussicht, daß die organisatorische Einheit (die ja nur eine äußere ist) zu einer organischen, einer inneren Einheit wird, in der die Einzelteile ihre volle "gewachsene" Souveränität bewahren, in der die Gegensätze lebendig bleiben und sich befruchten.

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