Vor 750 Jahren wurde Dante Alighieri geboren : Höllensturz und Himmelfahrt

Weltstar aus dem Mittelalter: Dante Alighieri, der Autor der „Göttlichen Komödie“, inspiriert bis heute. Es gibt "Dantes Inferno" als Computerspiel, der Film "Apocalypse now" zitiert mit Bildern den Dichter, und der brasilianische Abwehrspieler ist nach ihm benannt.

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Dante flieht vor den wilden Tieren. Aquarell von William Blake.
Dante flieht vor den wilden Tieren. Aquarell von William Blake.Foto: © National Gallery of Victoria, Melbourne, Australia / Bridgeman Images

Wenn er in seinen letzten Jahren durch die Straßen von Verona oder Ravenna schritt, sollen sich die Leute zugeraunt haben: „Das ist der Mann, der in der Hölle war!“

Tatsächlich war Dante Alighieri, den alle Welt bis heute meist nur beim Vornamen nennt, schon zu Lebzeiten legendär. Der Autor der „Göttlichen Komödie“, dieser Jenseitsreise vom Inferno bis zu den himmlischen Sphären, war kein verkannter, freilich ein verbannter Dichter.

Sein genaues Geburtsdatum ist unbestimmt. Doch hat er als Zeit seiner imaginären Reise durch Hölle und Himmel die Karwoche des Jahres 1300 benannt, auch soll er damals 35 Jahre alt gewesen und im Sternzeichen der Zwillinge zur Welt gekommen sein. Sicher ist seine Taufe am Karsamstag 1266. Weshalb man annehmen darf, dass Dante zwischen Mitte Mai und Mitte Juni 1265 in Florenz geboren wurde, als Sohn eines eher übel beleumundeten Geschäftsmannes namens Alighiero. Das war vor nun 750 Jahren.

Sein Nachleben ist ungeheuer, so fern Dantes Leben und Werk heute auch sein mögen. Natürlich rühmt ihn Italien als seinen größten Dichter. Nach den antiken Heroen von Homer bis Ovid gründet die neuere europäische Weltliteratur – vor dem fast exakt dreihundert Jahre jüngeren Shakespeare – auf Dante. Doch Dante, der auf allen zeitgenössischen Porträts oder späteren Denkmälern immer nur dünnlippige, tiefernste Hauben- und Kopftuchmann des späten Mittelalters, er hat auch Popstar-Qualitäten.

Er und seine „Göttliche Komödie“ wurden durch alle Jahrhunderte illustriert, später verfilmt, von Franz Liszt bis zur amerikanischen Metal-Band Alesana vertont, Robert Rauschenberg hat Fotos von John F. Kennedy für Dante-Collagen benützt, es gibt „Dantes Inferno“ als Computer-Actionspiel, und im Disney-Comic ist selbst Daniel Düsentrieb mal zum DanteMann mutiert. Farbige in Afrika und Amerika sahen in dem Florentiner, der von seiner Geburtsstadt ab 1302 vertrieben und mit dem Tod bedroht wurde, ein Idol und gaben Söhnen seinen Namen: wie beim brasilianischen Abwehrspieler Dante (vom FC Bayern). Und natürlich gilt Dantes Hölle als Mutter allen Schlachtens. Noch im „Baal“ von Frank Castorf, der mit Vietnamkriegsfantasien spielt, und den Filmbildern von „Apocalypse now“, wird Dante zitiert.

Die Popularität des im September 1321 in Ravenna mit wohl 56 Jahren gestorbenen Autors beginnt schon bei der Sprache. Dante hat außer seinem Hauptwerk zahlreiche Dichtungen und Abhandlungen verfasst, im Themenkreis von Theologie, Philosophie und anderen Wissenschaften. Herausragend neben der „Divina Commedia“ ist vor allem seine frühe biografische Dichtung „Vita nuova“ („Das neue Leben“), in der er das Mädchen Beatrice, dem er mit neun Jahren erstmals begegnet sein will, zur idealen Geliebten verklärt. Aber es gibt eben auch seine Schrift über die Ausdruckskraft der Volkssprache („De vulgari eloquentia“). Sie ist als Traktat noch Lateinisch verfasst, anders als die Lyrik der „Vita nuova“ oder die „Commedia“, die Dante im florentinisch-toskanischen Idiom geschrieben hat, der Grundlage des heutigen Italienisch: eine geistige Revolution, wie später Luthers Bibelübersetzung ins Deutsche.

Früh hat ihn dafür sein Florentiner Landsmann Giovanni Boccaccio gerühmt. Der Autor des „Decamerone“ war befreundet mit Dantes beiden Söhnen und hat nach 1350 eine erste kleine Biografie seines Idols geschrieben. Darin sieht er Dante als Bruder Homers und Vergils, die ihren Landsleuten im Griechischen und Lateinischen die Welt der Literatur eröffnet hätten. Boccaccio erkannte am Beispiel Dantes, dass man in der Sprache des Volkes „jeden erhabenen Gegenstand behandeln könne“, so habe er diese Sprache „berühmt vor allen anderen gemacht“. Ein Affront: gegen den Lateinisch redenden Klerus und den absolutistischen Adel.

Verfolgt wurde der Dichter und florentinische Ratsherr Alighieri allerdings nicht als Kulturrevolutionär, sondern der Politik wegen: zerrieben zwischen den Fraktionen der eher papsttreuen Guelfen und den auf den Staufenkaiser hoffenden Ghibellinen. Er blieb zeitlebens zu stolz, um Abbitte für seine Ideen zu leisten, und hat bis zu seinem Tod Florenz nie wiedergesehen. Meist lebte er die letzten zwei Jahrzehnte, in denen er auch die „Göttliche Komödie“ schrieb, in Oberitalien. Sein lorbeerbekränztes Grab ist in Ravenna.

Das Tolle, manchmal Unheimliche ist freilich, dass Dantes „Komödie“ über alles inbegriffen Tragische hinweg eben nicht in der Sphäre des von Boccaccio noch so genannten „Erhabenen“ verharrt. Drei Teile, „Inferno“, „Purgatorium“, „Paradies“, in 100 Gesängen, zweimal 33 canti, und der Himmel kriegt noch einen Gesang extra. Im Ganzen sind das 14233 Verse im Maß der Terzine, also folgt der Reim für jede Zeile im jeweils übernächsten (dritten) Vers.

Schon in der ersten Zeile betritt der Autor als Ich die Bühne - ein Novum

Dantes Erfindung. Und obwohl wir offiziell noch im Mittelalter sind, tritt der Autor als Ich, der die Bühne dann ab der Renaissance als Subjekt der Moderne beherrschen wird, schon mit der ersten Zeile auf. Dante selbst hat sich am Karfreitag 1300 in einen finsteren Wald verirrt, es ist das Totenreich, durch das ihn als Helfer und Führer der antike Dichter Vergil, Verfasser des römischen Gründungsepos der „Aeneis“, geleiten wird.

Wie durch einen amphitheatralen Schlund geht es durch neun Höllenkreise hinab. Im ersten harren die unschuldig Schuldigen, die vor Christi Zeiten Geborenen und notabene Ungetauften. Es ist der Limbus, den der Ratzingerpapst vor einigen Jahren theologisch abgeschafft hat, obwohl er beim Jüngsten Gericht die Hoffnung auf Gnade eröffnet: auch für antike Poeten und Philosophen wie Homer, Horaz, Aristoteles, ebenso für Vergil, der bei Dante nur einen längeren Freigang erhält, bis zur Himmelspforte. Sogar der weise Sultan Saladin findet sich hier. Im zweiten Kreis, bei den Wollüstigen, trifft Dante dann auf die Damen Helena oder Cleopatra, später folgen noch einige zeitgenössische Politiker (das ist fast schon Doku-Fiction!), und schlimm ergeht es in den tieferen Tiefen auch dem allzu listenreichen Odysseus oder dem unchristlichen Propheten Mohammed. Ganz im Zentrum des Orkus haust, nach Flammen, Blutströmen und tausend Foltern, Luzifer tiefselbst in der nunmehr grausigsten Kälte, im ewigen Eis. Immerzu verschlingt der Herr der Hölle dort die Erzverräter Judas, Brutus, Cassius.

Das Besondere aber steckt im poetischen, visionären Detail. So begegnet Dante im fünften Kreis des „Infernos“ den tragisch Liebenden Paolo und Francesca da Rimini. Francesca war mit Paolos Bruder verheiratet, der das Paar entdeckt und getötet hat. Nun sind sie in der Hölle der Ehebrecher doppelt gestraft. Francesca erzählt, wie sie und Paolo einst zusammen den Minne-Roman vom Ritter Lancelot und seiner heimlich geliebten Ginevra lasen, bis zu der Stelle, wo Ginevra Lancelot erstmals küsst. Francesca nun, in Dantes Worten: „Quel giorno più non vi leggemo avante“ – „An jenem Tag lasen wir nicht weiter.“

Bei Dante gibt es High and Low zugleich: Bei ihm kommt auch schon das Wort "merda" vor

Kunstvoller, diskret offener kann man’s nicht sagen, was an jenem Tag zwischen Paolo und Francesca in der Liebe geschah. Doch beherrscht Dante auch das Vulgärere, ja, wenn die anderen Sünder in einer Kloake treiben, dann gibt es bei ihm vor über 700 Jahren schon das Wort „merda“, Scheiße. Und die berühmte Inschrift überm Höllentor „Die ihr eintretet / lasst alle Hoffnung fahren“, sie hätte auch über Auschwitz oder einem Gulag stehen können. Arno Schmidt, der Dante kurz nach 1945 erstmals las, dachte beim „Inferno“ gar daran, dass es die Vision eines Konzentrationslagers gewesen sei.

Später aber hisst „das Schiffchen meines Geistes“ fröhlichere Segel, und Dantes Reise von der Hölle übers Fegefeuer („Purgatorium“) hoch in den Himmel führt ihn als ersten Menschen seit Adam und Eva zurück ins Paradies. Am Ziel der Jenseitsreise steht dann die auch irdische Erkenntnis: Es ist „die Liebe, die beweget Sonn’ und Sterne“.

Diesem visionären Bogen sind, von Botticelli mit seinen Illustrationen der florentinischen Erstausgabe bis zu Gustave Doré und Rauschenberg, unzählige Künstler gefolgt. Mit am schönsten aber sind die 102 Farbzeichnungen und Aquarelle, die der englische Malerpoet William Blake (1757–1827) bis kurz vor seinem Tod geschaffen hat. Die nun vorgelegte großformatige Ausgabe der „Zeichnungen zu Dantes ,Göttlicher Komödie’“ im Kölner Taschen Verlag ist zum Dante-Jubiläum ein prächtiges Geschenk (324 Seiten, 99 €).

Einzig fehlt eine alles überragende deutsche Übersetzung. Zwar existieren seit dem 18. Jahrhundert gut 50 Versuche in Prosa und Versen, Dichter wie Stefan George und Rudolf Borchardt haben sich daran versucht, aber ein Luther wie bei der Bibel oder die Schlegel-Tiecks wie bei Shakespeare waren nicht darunter. Die jüngsten, ebenso gerühmten wie von Romanisten auch kritisierten Ausgaben stammen lyrisch von Hartmut Köhler und in Prosa von Kurt Flasch. Also: Dante und kein Ende.

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