Kultur : Vor: All That Jazz: Christian Broecking über die Erbschaft einer kostbaren Trompete

Am 27. April 1995 meldete dpa, dass für den Höchstpreis von umgerechnet rund 90 000 Mark in New York eine Trompete des Jazzmusikers Dizzy Gillespie ersteigert worden sei, der zwei Jahre zuvor an Krebs gestorben war. Nach dem Tode von Miles Davis 1991, dem er in jungen Jahren gezeigt haben will, wie sich ein Akkord auf dem Klavier anhört, hatte Gillespie das Rauchen aufgegeben. Die Havanna war zu seinem Markenzeichen geworden - ganz im Einklang mit dem, was er musikalisch in den modernen Jazz einbrachte: die Orientierung auf afrokubanische Rhythmik. "Cubana Be, Cubana Bop" war eine dieser wegweisenden Big-Band-Kompositionen, "A Night in Tunisia" oder seine Interpretation von Thelonious Monks "Round Midnight" wurden zu Meilensteinen der Jazzgeschichte.

Gillespie gilt als Erfinder des Bebop - sein Name wurde zum Inbegriff dieses schillernden Labels. Der Scatsänger Dizzy trug seinen Mitmusikern neue, schwierige musikalische Phrasen mit den Silben Be und Bop vor. Übrig blieb bei ihm die Überzeugung, dass sich neue, radikale Musikentwicklungen nicht auf revolutionäre Posen reduzieren lassen. Denn Gillespie glaubte zeitlebens an die Evolution - der Religionen und der Musik. Als erster offizieller musikalischer Botschafter des State Departments oder auch als unabhängiger Kandidat bei den amerikanischen Präsidentschaftswahlen 1964. In den letzten zwanzig Jahren war er als Anhänger der Bahai-Religion zur politischen Abstinenz verpflichtet. Er glaubte seinem Glauben viel zu verdanken. Vielleicht weil er die Drogenexzesse überlebte; weil die über 50-jährige Ehe mit seiner Frau Lorraine in die Geschichte des amerikanischen Showbiz eingegangen ist; vielleicht auch weil er einer der ganz wenigen Jazzmusiker war, die es auch finanziell geschafft haben.

"Gillespie is the name - and Music is my game!", so stellte sich der Entertainer Dizzy sich gerne selbst vor. Viele Kritiker haben seine Witzeleien und Wortspiele, die er oftmals auf ungewohnte Längen zwischen den Stücken auszudehnen wusste, nicht gebilligt. War der musikalische Revolutionär von einst am Ende doch nur ein verkleideter Clown? Der verklärte Blick auf den Bebop als Kunstmusik konnte sich in den profanen Inszenierungen Gillespies nicht wiederfinden. Seine Mitteilungsfreude hob nicht ab auf die Etikette der etablierten Kunst. Und war so eben auch nicht kategorisierbar. Er konnte zum Bebop tanzen, er konnte unterhalten, und er konnte spielen.

Gillespie hat den Jazz neu erfunden, wie geht man mit dem Erbe um? Der Trompeter Till Brönner hat nun für diese Woche ein dreitägiges Engagement im Jazzclub A-Trane angenommen, um die Musik von Dizzy Gillespie zu feiern. Die Konzerte finden von Donnerstag bis Samstag statt und beginnen jeweils um 22 Uhr.

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