Kultur : Vor: All That Jazz

Der Sound ist entscheidend. Eigentlich spielt er Trompete, klar und einsam. Auch kalt irgendwie. Fünf Jahre hatte er gebraucht, um einen Produzenten für seine Idee zu finden. Bis Nils Peter Molvaer vor zwei Jahren sein Album "Khmer" veröffentlichte, war er ein Mann aus Norwegen, der mit knapp 38 noch immer an seiner ersten CD bastelte. Einer, der zu Protokoll gab, eigentlich chronisch pleite zu sein. Mit "Khmer" und Manfred Eicher, Chef des Münchner ECM-Labels, soll sich das geändert haben.

Molvaer ist mittlerweile zum Markenzeichen für eine Jazzsparte geworden, die es dennoch nicht so richtig gibt, denn bislang fehlt seiner Ambient-Drum & Bass-Melange ernstzunehmende Konkurrenz. Und obwohl Molvaers Musik vor zwei Jahren noch als die radikale Fortsetzung der elektrischen Periode eines Miles Davis bestaunt wurde, klingt sie heute fast schon vertraut. Das Sommerkonzert im Tränenpalast war für ihn ein Tournee-Highlight, an den er mit zwei weiteren Konzerten jetzt anknüpfen will. Wie schon auf "Khmer" klingt auch die Musik des Nachfolge-Albums "Solid Ether" düster, nach Regen, viel norwegischem Regen. Dass sich das Leben dort, wo diese Aufnahmen entstanden sind, vorwiegend in geschlossenen Räumen abspielt, verleiht dieser Musik urbane Kompetenz. Molvaer macht höchst metropolitane Musik, laut und schwer. Wie der Soundtrack zu einem ökologischen Drama kommen diese Klänge daher, in "Wilderness" ringen zwei Schlagzeuger mit imaginären Naturgewalten.

Molvaer lebt mit seiner Familie in Oslo, seine zweite Tochter wurde vor einem Jahr geboren. Bis auf wenige öffentliche Auftritte arbeitet der Soundtüftler meist von zu Hause aus. Momentan komponiert er gerade die Musik für einen Film, in dem sechs Menschen eine lange und beschwerliche Reise nach Grönland unternehmen. Originalgeräusche von berstendem Eis und das Keuchen von nur mühsam vorwärtskommenden Menschen passen in Molvaers Musik, als hätte er sie eigens dafür erfunden. Molvaer tritt heute um 23.00 Uhr und morgen um 20.00 Uhr im Tränenpalast auf.

Der erfolgreichste norwegische Jazzer heisst allerdings Jan Garbarek. Er hat im vergangenen Jahrzehnt zwei wundersame Geschichten neu erzählt. Jim Peppers "Witchi Tai To" (auf der CD "Twelve Moons") und Don Cherrys "Malinye" (auf "Rites") sind auratische Stücke, vom Material her verblüffend einfach gebaut. Es sind Geschichten, mit denen der Saxofonist Garbarek lange gelebt hat. Auf seiner aktuellen Tour durch westdeutsche Festivals spielt er Cherrys "Malinye" so aufrichtig und in sich ruhend, das sollte man sich wirklich mal anschauen. Zum Glück sendet 3 Sat einen Garbarek-Konzertmitschnitt in der Nacht zum Samstag, wenn auch erst um 1.20 Uhr.

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