Kultur : VOR - All that Jazz

Jazz im Fernsehen ist ein Grauen.Es ist ein Grauen, weil es von Menschen gemacht wird, die beim Stichwort "musikalische Improvisation" immer noch an einen Klemptner-Laien denken, der unbeholfen mit einem Gummisauger an einem verstopften Abfluß hantiert.Dabei sind die Probleme hausgemacht: Sinnlose, hektische Schnittfolgen.Das Bild ist immer dort, wo gerade kein Solo gespielt wird.Und der Klang differenzierter Rhythmen versinkt im Mulm flacher und schaler Geräusche.Traurig klappert das Schlagzeug wie eine Schar verbeulter Hutschachteln und weichgeregneter Waschpulvertrommeln.Zum Davonlaufen.Aber wohl nicht wegen dieser medienimmanenten Probleme hat sich das Fernsehen des SFB dazu entschlossen, ratenweise aus den Mittschnitten beim in dieser Woche beginnenden Berliner JazzFest auszusteigen.Sondern einfach deshalb, weil das Ungehorsame, das Unduldsame und Ungebärdige des Jazz so schwer ins Quoten-Regal zu stopfen ist.Jazz ist eine Musik, bei der man schnell denken muß.Wer will beim SFB schon gerne schnell denken? Sonderbar auch, daß eine Musik, die Maurice Ravel und Claude Debussy in künstlerische Glückszustände versetzte, vom öffentlich-rechtlichen TV nicht zur kulturellen Grundversorgung gezählt, sondern immer noch behandelt wird wie eine nach Rauch und Alkohol riechende Kellerassel.

Garantiert nicht im Fernsehen: das Total Music Meeting, ein Oldie der Berliner Kulturlandschaft, aber immer noch mehr als ein Treffen grauer Free-Jazz-Bärte, die es sich auf dem Nagelbrett ästhetischer Irritationen bequem machen.Unbemerkt vom swingenden Mainstream feilen kreative Musiker an einem Kodex der mehr oder weniger "frei" improvisierten Musik, deren feine Verästelungen zur Neuen Musik, zur Folklore und zum Jazz noch kein Ende gefunden haben (Mittwoch, 4.11.bis Sonntag, 8.11., Podewil, Beginn jeweils 21 Uhr).

Auch garantiert nicht im Fernsehen: das Berliner Stimmwunder Michael Schiefel, das sich in den Endlosschleifen seiner elektronischen Loops bis ins Phantastisch-Chorale potenziert.Wie sich Schiefel in koketten und überdreht-witzigen Persiflagen den Doo-Wop-Gesängen der Soul-Musik und den Funk- und Rock-Schinken ebenso nähert wie den heiligen Kühen des jazzigen Standard-Gesangs, das hat Esprit und Klasse (heute, b-flat, Rosenheimer Str.13, 21 Uhr).Absolut garantiert nicht im Fernsehen: der Goethe-Kenner Brad Mehldau, ein jäh aufsteigender Stern am Firmament des Jazz-Pianos, der in seinen sensiblen, magischen, inspirierten Linien dort weitermacht, wo Keith Jarrett aufhört.Mehldau polyphonisiert das zeitgenössische Jazzpiano.Er hebt die Trennung zwischen solistischer rechter Hand und begleitender linker Hand zugunsten eines genial sprudelnden kontrapunktischen Spiels auf, in dem sich die Linien von Bach, Beethoven, Parker, Coltrane, Bill Evans zu phantasievollen neuen Gebilden verknoten (So.8.11., A Trane, 22 Uhr).Hingehen, staunen, genießen! Genies feiert man am besten, wenn sie lebendig sind.

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