Kultur : VOR>> All That Jazz

GÜNTHER HUESMANN

Im Quasimodo steigen die ergrauten Helden des Jazz-Rock in die Ritter-Rüstungen und treten zum Kampf gegen die Bösewichter der Bleep- und Blubber-Ästhetik an. Klar, wer Sieger bleibt: besonders live, wenn ihre Musik rauh und organisch klingt, trifft der Virtuosität-Hammer der Fusion-Musik noch mit voller Wucht.Dabei waren ja gerade sie es - die Lichtgestalten des Studiobusiness -, die unter aseptischen Produktionsbedingungen die Grundsteine für jene Manipulations-Ästhetik legten, die sie heute bekämpfen. Der Elektro-Bassist Stanley Clarke ist im funky-Spiel immer noch Weltmeister. Die Krone des slapping-Spiels - kantig und perkussiv mit dem Daumen gespielt - ist Clarke nicht mehr zu nehmen. Nicht mal von ihm selbst, der sich in den letzten Jahren mit wässrigen Projekten ins Abseits stellte. In seinem "Vertu"-Projekt mit Drummer Lenny White werden Erinnerungen an "Return to Forever"-Zeiten wach, sind Ikonen der Personalisierung von Jazz-Rock-Sounds am Werk. (Dienstag, 13. 7., Beginn 22 Uhr).Das gilt auch für einen Fusion-Musiker der jüngeren Generation: Der Tricktrommler Dave Weckl müßte nicht unbedingt im Quasimodo auftreten. Er könnte es auch im Zirkus tun. Doch wie der ex-Chick-Corea-Drummer auf dem Hochseil metrischer Doppeldeutigkeiten die Zweiunddreissigstel rückwärts jongliert, wie er Latin-Licks im Todesrad seiner Wirbel auf Funk-Rasanz trimmt, das hat schon etwas Atemberaubendes. Es soll Drummer geben, die beim Anhören von Weckl vor Ehrfurcht zu Stein erstarrten. Und ihre Trommelstöcke fortan als Rührstab in der Küchenschublade aufbewahrten (Mi. 14. 7.)Und dann kommt ER, der Großwesir des Jazz-Rock: Joe Zawinul, der Humanist des Synthesizerspiels, gießt wieder mal den Geist von Slibovitz und Menschlichkeit über die gläubige Quasimodo-Gemeinde aus. Was sich in den frühen Alben der zum Mythos verklärten Band "Weather Report" nur sanft andeutete, ist in Zawinuls aktueller Band "Syndicate" groovende, sinnliche Realität geworden: ein weltumspannender, stil- und gattungsübergreifender "World Jazz", in dem Zawinul und seine Ryhthmus-Mannen ein panglobales Hallelujah auf die Gemeinsamkeiten zwischen Jazz und den Musikkulturen Afrikas, Asiens und Lateinamerikas anstimmen (Do. 15. 7.).Einen fulminanten Schlußstein setzt am Sonntag der Altsaxophonist Steve Coleman. Der Chicagoer legt die Rhythmen seiner metrisch vertrackten Musik nach dem Goldenen Schnitt an und verrätselt seine Musik auf der Grundlage ägyptischer und afrikanischer Mythologien. Während Coleman bisher vorwiegend mit kleinen Gruppen arbeitete, richtet er nun im "Council of Ballance" die Gitternetze seiner Musik auf abstraktes Big-Band-Format aus. Und die Berliner Szene? Sinkt sie angesichts solch eines Programmes paralysiert in den Sommerschlaf? Nichts da. Der Trompeter Paul Brody hat sich durch Berge alter Schallplatten und ihre B-Seiten gehört und holt im b-flat (heute, 21 Uhr) sein "Tango Toy" heraus: eine halb lachende, halb ernste Jazz-Feier von Klezmer- und Synagogenmusik, in der Charles Ives zu jüdischer Musik und swingendem Sarkasmus tanzt.

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