Kultur : Vor allem Brecht und Benjamin: die Korrespondenz der Margarete Steffin

Ursula Vogel

"Briefe an berühmte Männer" - von einer Frau geschrieben. Der Verlag kann sicher sein, auf großes Interesse zu stoßen. Wenn ein Teil dieser Briefe auch noch an Bertolt Brecht gerichtet ist, um dessen Privatleben sich bereits der amerikanische Germanist John Fuegi in seiner so umfangreichen wie umstrittenen Brecht-Biographie gekümmert hat, scheint der Voyeurismus des Lesepublikums gut bedient. Bei näherem Hinsehen zeigt sich dann, dass etwa ein gutes Drittel der 131 Briefe an den Freund und Liebhaber Brecht gerichtet sind. Und die enthalten viel Geschäftliches. Der größte Anteil der Briefe, die Stefan Hauck in seiner sorgfältig edierten Ausgabe vorlegt, ging an Walter Benjamin. An Arnold Zweig sind lediglich sieben Schreiben gerichtet. Ihn hatte Margarete Steffin bereits im Berlin der frühen 30er Jahre kennengelernt.

Eine der Gemeinsamkeiten aller Korrespondenzpartner ist Bertolt Brecht. Um ihn kreiste alles. Er, der immer mehrere Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen oder auch Kollegen zum Austausch um sich herum brauchte, lud ein, ihn im Exil zu besuchen. Die Korrespondenzen übernahm Margarete Steffin, sie hielt Kontakt zu den intellektuellen Freunden und Theaterleuten. Steffins Briefe sind lustig, geistvoll, manchmal traurig, verzweifelt. Heutige Leser erfahren viel über das Leben im Exil und die Mühsal der Arbeit unter schlechtesten Bedingungen. So geht es in den Briefen häufig um Produkte aus der Brecht-Werkstatt, um Vorbereitungen für Theateraufführungen, Sondieren von Druckmöglichkeiten, um Diskussionen über Texte und immer wieder um Honorarfragen.

Aus einigen dieser Korrespondenzen entwickelten sich persönliche Beziehungen. Vor allem Walter Benjamin wurde ein enger Freund. Es wird bei Benjamin, ähnlich wie bei Brecht, gerade Steffins politische Erfahrung sein, von der die beiden Intellektuellen bürgerlicher Herkunft angezogen wurden. Sie stammte aus dem Berliner Arbeitermilieu. Helene Weigel und Brecht war sie 1931 aufgefallen, als sie bei einer Revue und einem Stück mitwirkte. Steffin spielte das Dienstmädchen in der "Mutter". Bald verband sie ein Mitarbeiterinnen- und Liebesverhältnis mit Brecht, dem die junge Kommunistin und begabte Autodidaktin ins dänische Exil folgt. Es sind Steffins Kenntnisse in Literatur, Theaterpraxis und der marxistischen Theorie und ihr - für die praktischen Dinge des Alltags unüberschätzbares - organisatorisches Talent, die sie für Brecht unverzichtbar werden lassen.

Nicht alle von Hauck herausgegebenen Briefe waren mit Datum versehen. Ein Großteil seiner Vorarbeit bestand in der Datierung, im Buch kenntlich gemacht durch eckige Klammern. Dem Herausgeber gelang es, Steffins persönlichen Stil zu transportieren: so übernahm er die Wechsel von Groß- und Kleinschreibung. Indem er Streichungen kenntlich macht, lässt er die Leser Steffins ursprüngliche Schreibabsicht wahrnehmen und sie so teilnehmen an ihrem Schreib- bzw. Gedankengang. Ein besonderer editorischer Kommentar, der über Streichungen, Randnotizen und handschriftliche Zusätze informiert, würde den Lesefluß stören. Überhaupt hat sich der Herausgeber sehr um Lesbarkeit und authentische Wiedergabe bemüht. Notwendige Hinweise geben Fußnoten. Den Briefen hat Hauck eine Chronologie nachgestellt, die sowohl Daten zu den "Hauptpersonen" des Buchs als auch zur allgemeinen politischen Lage enthält. Ein "Biographisches Glossar" gibt Auskunft über die in den Briefen genannten Personen. Wobei es unerklärlich bleibt, warum die biographischen Angaben nur bis in die 30er Jahre reichen.

Dass Hauck in seiner informativen Einleitung über die beteiligten Personen, ihre Lebens- und Arbeitszusammenhänge, in den politischen Zeitläufen nicht über den Tod Margarete Steffins im Jahr 1941 herausgeht, hat seine Logik. Die Unvollständigkeirt des "Biographischen Glossars" ist aber auch schon fast das einzig Nachteilige, was sich über Stefan Haucks Arbeit sagen lässt. Mit Sachverstand ist es ihm gelungen, sein Material zum Sprechen, den Lesern eine bemerkenswerte Frau in besonders schwierigen Zeiten näher zu bringen. Durch sein Buch erst erfährt man von der intensiven Beziehung zwischen Steffin und Benjamin. Da ist es besonders schade, dass nur einer der beteiligten Korrespondenzpartner zu Wort kommt. Viel interessanter wäre es, einen wirklichen Briefwechsel verfolgen zu können. Zumal Benjamins Antwortbriefe erhalten sind. Bis 2003 müssen sich die Leser gedulden: Bis dann sollen die Briefe Walter Benjamins ediert vorliegen. Schade, dass Copyright-Fragen sich manchmal so leserunfreundlich auswirken.Margarete Steffin: Briefe an berühmte Männer. Hrg. Stefan Hauck. Europäische Verlagsanstalt Hamburg 1999.

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