Kultur : VOR - Babel & Co.

Bibliotheken, auch die zu Hause, wachsen unauffällig, aber beständig; und manchmal wachsen sie einem über den Kopf.Dann trifft man in den "babylonischen Schichten", mit denen man keinen regelmäßigen Umgang hat, plötzlich auf Bekannte, von denen man gar nicht wußte, daß man sie hat.Auch über Lücken wundert man sich.So ging es mir gerade mit Hofmannsthal.Alles, was sich bei mir finden läßt, sind Erinnerungen an ihn von Carl J.Burckhardt, links flankiert von einem rachitischen Rilke-Bändchen und rechts von den drei Wichtigtuern der "Schlafwandler"-Trilogie Hermann Brochs.Mag also Burckhardt Hofmannsthals Lücke büßen und eine Anekdote erzählen.Die beiden sitzen zusammen in einem Pariser Café.Hofmannsthal liest verschiedene Fassungen eines Briefes vor, den er schreiben muß, und findet alle gräßlich.Eine junge Frau am Nachbartisch bietet ihre Hilfe an.Hofmannsthal reicht ihr Briefe und Dichterfüller.Die junge Dame "setzte sich zurecht, verzog ihr Gesicht wie ein fleißiges Schulmädchen und begann, sehr ernsthaft zu lesen und zu korrigieren.Sie machte energische Striche und sagte dann: Ich habe die Adjektive gemordet.Sie triumphierte: Jetzt ist es gut.Und es war gut.Hofmannsthal lachte..." Bei der Matinee anläßlich seines 125.Geburts- und seines 70.Todesjahres wird es wohl weihevoller zugehen (Deutsches Theater, Sonntag, 11 Uhr).

Ein Anschlag findet am Freitag um 20 Uhr in der Akademie der Künste statt.Martin Walser stellt Gert Neumann vor, der dann aus seinem neuen Roman liest, der eben "Anschlag" heißt.Außerdem gibt es einen "relaunch" seines Buches "Elf Uhr", das Neumann 1977 / 78 während seiner Frühstückspausen geschrieben hat, als er seinen Unterhalt als Betriebsschlosser eines Leipziger Kaufhauses verdiente.

Das Wort "to launch" heißt auf Deutsch "vom Stapel lassen".Genau dies möchte ich dem Roman "Das nackte Brot" des Marokkaners Mohamed Choukri wünschen: daß es stapelweise in den Buchhandlungen liegt und stapelweise gekauft wird.Naja, ziemlich aussichtslos.Jedenfalls ist der 1973 zum ersten Mal auf Englisch erschienene autobiographische Roman meine Jahrhundert-Empfehlung dieser Woche.Aber Vorsicht: Dieses in kargen Sätzen erzählte Hungerbuch ist keine Kopfkissenlektüre.

"Cake Walk" von Rudolf Lorenzen aber schon.Der gerade erschienene 600 Seiten-Roman ist die Breitfassung eines Hörspiels und wird morgen abend um 21 Uhr im Buchhändlerkeller vorgestellt.Ich darf mal aus dem Werbetext zitieren: "Krieg, Gewalt und Irrsinn, Lebensangst und Todeslust, Idealismus und Fanatismus, Anarchie und Ordnung in einem Jahrhundert-Roman." Klingt das nicht furios? Nein, das klingt überhaupt nicht, das brüllt; und ist mit seiner türeintreterischen Rabiatheit typisch für die Verkäufe sogenannter Lebensprallheit.

Nicht, daß ich für eine Literatur des fingerabspreizenden Gewispers wäre.Es gibt nicht nur laute Töne, die zu laut, sondern auch leise, die zu leise sind.Bei guten Schriftstellern indessen stellt sich die Frage nach dem Ton, der die Literatur macht, meistens gar nicht.Ob das für Dieter Forte zutrifft, will ich, ehrlich gesagt, nicht beurteilen.Aber man könnte ja mal hineinhören: Heute abend ab 20 Uhr beim Dahlemer Autorenforum in Schleichers Buchhandlung (Königin-Luise-Sr.40).

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